Doppelte Staatsbürgerschaft Now! Teil I

MyFlagwas ist, hast du etwa keine Flagge?

2008 war ein Jahr, in dem die Integration von Ausländern in die japanische Gesellschaft durch die Anerkennung von mehrfacher Staatsangehörigkeit ungewöhnlich ernst diskutiert wurde (falls man bei der hiesigen hysterischen Diskussionskultur von “ernst” sprechen kann). Da ich kaum Nachrichten auf Japanisch lese und ohne Fernsehapparat auch sonst wenig von gesellschaftlichen Trends mitbekomme ging diese Entwicklung mehr oder weniger an mir vorbei, doch zu Jahresanfang wurde ich auf der Online-Ausgabe der englischsprachigen Japan Times auf den Artikel “Many faces of citizenship: Debate on multiple nationalities to heat up” aufmerksam. Darin wird die Debatte zur rechtlichen Lage der Staatsbürgerschaft, die in der letzten Phase vor allem durch den Gesetzesantrag des Abgeordneten Kôno Tarô bereichert wurde, zusammengefasst und hat meine eigenen Gedanken zu diesem für mich persönlich nicht enden wollenden Thema neu angestoßen.

Japan ist eines der Länder, das mehrfache Staatsangehörigkeit nicht erlaubt und auch sonst eine äußerst konservative Haltung gegenüber Immigranten und Bürgern mit ausländischen Wurzeln bewahrt. Unter den Volksgruppen, die seit Jahren um Rechte streiten, gehören zum Beispiel die sogenannten “Zainichi“-Koreaner und -Chinesen. Unter dem Etikett Zainichi (“in Japan residierend”) fasst man solche Menschen zusammen, die mit koreanischen bzw chinesischen Migrationshintergrund seit Jahrzehnten in Japan leben und auch hier geboren sind. Deren Vorfahren kamen unter anderem durch den Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter und Einwanderer oder als Flüchtlinge des Koreakrieges nach Japan. Heute besitzen viele von ihnen japanische Namen, haben niemals ein Stück Ausland betreten und sind kaum von “normalen” Japanern unterscheidbar. Dennoch sind sie als “Ausländer” registriert und gezwungen eine Karte mit sich umherzuschleppen, das Certificate of Alien Registration oder kurz Ausländerkarte, wie manche von uns zu sagen pflegen, deren Nichtnachweis schwere Geldstrafen mit sich bringen kann.
Der Status von Bürgern mit nichtjapanischen Elternteilen mag in eine etwas andere Kategorie fallen als das seit Jahrzehnten schwelende
Zainichi-Thema, es demonstriert aber gleichermaßen die Schwerfälligkeit, mit der die Politik an solche delikaten Fragen herangeht (delikat deshalb weil viele hohle Köpfe Volk noch mit Rassenvorstellungen verbinden) und ihre Unfähigkeit, diese zu kommunizieren.

Die rechtliche Lage sieht bisher vor, dass Kinder, die zwei oder mehr Nationalitäten besitzen (jeweils die des anderen Elternteiles), sich bis zum 22ten Lebensjahr für eine einzige zu entscheiden haben. Eine mehrfache Nationalität ist nicht erwünscht. In der Praxis jedoch besitzen geschätzte 600-700 000 erwachsene Japaner mehr als einen Pass. Der Großteil der “Halfs” scheint die Gesetzesregelung einfach zu ignorieren. Staatliche Kontrollen dieser Verstöße gibt es keine, weil die Mittel dafür fehlen.
Letztes Jahr brachten dann gleich mehrere Seiten die Angelegenheit in Bewegung. Einerseits war da der Physiknobelpreisträger Nambu Yôichirô, ein Japaner der in die USA ausgewandert war und die dortige Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Zwar hatte er den Preis gemeinsam mit zwei japanischen Kollegen in Empfang genommen, einige Politiker wollten jedoch Nanbus japanische Staatsbürgerschaft reaktivieren um aus dem Duo ein Trio zu zaubern.
Eine weitreichendere Wirkung hatten die zehn Ankläger – Kinder von philippinischen Müttern und japanischen Vätern – die um Anerkennung ihrer japanischen Nationalität vor den Obersten Gerichtshof traten. Bisher wurden nur solchen Kindern die japanische Nationalität anerkannt, deren verheiratete japanische Väter die Vaterschaft bestätigten. Dass unehelichen Kindern dieses Recht nicht zustand wurde als verfassungswidrig erkannt. Die Entscheidung des Gerichts bedeutet einen kräftigen Schritt nach vorne, da nun zehntausende von “versteckten” Japanern einreisen bzw volle Rechte und Pflichten empfangen können. Eine ähnliche Klage gab es auch von iranischstämmigen Japanern, denen eine Abschiebung in den Iran drohte. Da viele von ihnen weder ein Wort Farsi sprechen noch jemals einen Fuß außerhalb ihres Geburtslandes Japan gesetzt hatten, wurde eine solche Praxis als menschenrechtswidrig beurteilt und ihnen volle Rechte erteilt.

Ans Ende dieser Kette reihte Kôno Tarô seinen Gesetzesantrag. Darin erkennt die Regierung die Mehrfachnationalität an und setzt gleichzeitig die Bedingungen für ihren Erhalt und Verlust (etwa bei Eintritt in eine ausländische Armee). Doch leider blieb eine Entscheidung aus, Finanzkrise und drohende Neuwahlen gewannen an Priorität.
Wird Japan in Zukunft Mehrfachstaatsangehörigkeit annehmen? Für die Zukunft scheint dies unausweichlich, ja ich bin trotz des derzeitigen politischen Klimas sogar guter Hoffnung. Die Politiker werden, ob sie wollen oder nicht, den globalen Trend der Vermischung von Völker, Kulturen und Sprachen anerkennen und zu entsprechenden Maßnahmen gezwungen sein. Immer mehr Ausländer entscheiden sich für ein Leben in Japan, während auch viele Japaner ihre Zukunft im Ausland sehen. Wenn ich mir Schulklassen oder Kindergärten in meiner Stadt ansehe, so findet sich in jeder Gruppe mindestens ein Kind mit europäischen oder südamerikanischen Schlag. Das bestätigt auch die Statistik: Es existieren allein in Japan an die 40 000 internationale Ehen. Jede zwanzigste Ehe wird mit einem fremdländischen Ehepartner geschlossen und eines von dreißig neugeborenen Kindern stammt aus gemischten Partnerschaften. Für ein Land, dessen Heirats- und Geburtenziffern rückläufig sind, werden gemischte Ehen bald eine so große Rolle spielen, dass die Regierung diese nicht mehr ignorieren werden kann. Mit der steigenden Zahl solcher Familien werden Ausländer sowohl in den Medien als auch im Alltag hoffentlich nicht mehr als Kuriosum, sondern als Normalität betrachtet werden und dem Mythos der Japaner als “einem homogenen Volk” ein Ende bereiten. Zwanzig Jahre, geben Sie uns zwanzig Jahre, Sie werden Japan nicht wiedererkennen. Die Städte werden bevölkert sein mit bunten Gesichtern, die alle akzentfreies Japanisch sprechen (das zur Hälfte sicher durch Pseudoenglisch ersetzt wurde) und ihre Herkunft nicht verstecken, sondern die Vielfalt zelebrieren.

Was mich im Moment betrifft – ja, gebt mir die doppelte Staatsangehörigkeit! Ich weiß, sie ist bloß eine Formsache, etwas, um Bürokraten hinter unaufgeräumten Schreibtischen vor zu viel Denken zu bewahren, bloß ein Label für die Schubladenhirne der Politiker. Doch jahrelanges Kopfzerbrechen um meine Identität wären damit … nun ja, auf keinen Fall geklärt, doch zumindest auf einen besseren Grund gebracht. Die Frage für mich ist schon lange nicht mehr, ob ich Deutscher oder Japaner sein will. Der Punkt ist, dass ich mich für keines von beiden halte, aber lieber als beides als nur als eines gelten mag. Ich möchte sagen können, ich sei Deutscher und Japaner, dann würde sich das Gefühl des Nichtangehörens, des ewigen Außenseiters, legen. Die multiple Staatsangehörigkeit – sollte sie in den nächsten Jahren tatsächlich eingeführt werden – würde für mich endlich die Anerkennung meiner dualen Identität, meiner doppelten kulturellen wie ethnischen Wurzeln bedeuten. Die Einschränkung auf nur eine Staatsbürgerschaft beraubt mich dieser Vielfalt, ich bin amtlich “nur” ein Deutscher, anstatt sowohl als auch. Es ist die Zeit gekommen, meine gemischte Herkunft als ein Plus zu sehen, und nicht als Stigma.


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