Doppelte Staatsbürgerschaft Now! Teil II

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Seine Herkunft nicht länger als Handicap, sondern als eine Erweiterung betrachten. Das ist genauer genommen keine Frage der Nationalität, sondern der Einstellung. Doch bis ich dies akzeptieren konnte dauerte es lange, und es ist nicht gesagt, dass ich in jeder Lebenssituation das Positive aus meiner Patchwork-Identität hervorheben kann. Mir wurde oft geraten, “das Beste aus beiden Welten” zu greifen, als “Eurasier” ein Brückenstück zu sein, aber wenn man weder Fisch noch Reptil, sondern wie eine Art Amphibikum in der Mitte schaukelt, ohne voll anerkannt zu werden, ist “beide Kulturen vereinen” einfacher gesagt als gefühlt. Ein Hindernis für die Selbstwahrnehmung stellt auf jeden Fall die Staatsangehörigkeit dar.
Das Thema multiple Nationalität beschäftigt vor allem internationale Familien. Letztes Jahr konnten einige Gruppen mit der Anerkennung ihrer japanischen Nationalität vor der Justiz einen Sieg erringen. Nebenbei zieht eine Staatsbürgerschaft natürlich auch Pflichten mit sich, zB die Einberufung im Kriegsfall. Im Artikel “A convenience in peace becomes matter of conflict in war” führt die Japan Times die Zweischneidigkeit in Zeiten politischer Bündnisverschiebungen an, zitiert aber auch den Journalisten Yanagihara Shigeo: “Die Regierung muss verstehen, dass in einer modernen Gesellschaft Nationalität nicht unbedingt Ergebenheit zu einem Land gleichkommt”, und fügt hinzu: “Duale Nationalität tut Japan mehr gut als schlecht. Streitfragen werden sicher auftreten, aber diese können je nach Bedarf gelöst werden.”

Die rechtsgerichteten Medien nehmen Meldungen wie diese üblicherweise mit pathetischer Empörung auf, so wie etwa die Talking Heads des im Internet strömenden Nihon Bunka Channel Sakura (“Japanischer Kulturchannel Kirschblüte“), die sich mit nationalistischen Gedöns von ethnischer Einheit und Seitenhieben auf Randgruppen gekonnt selbstkarikieren. Besonders die Gesetzesänderung zugunsten gemischter Kinder aus nichtehelichen Partnerschaften schlägt bis heute hohe Wellen. In muffigem Ambiente spricht der Journalist Mizuma Masanori da zB vom Ausverkauf der Nationalität. Politiker, die tausenden Ausländern (vor allem natürlich aus Nachbarstaaten), welche auf den Dammbrucherlass zur Invasion ihres schönen Landes warten, den Eintritt in den ethnisch sauberen Kreis der Japaner gewähren, seien Landesverräter, die vermutlich unter dem Druck “bestimmter Kräfte” weich wurden. Wenn schon ein Gesetzeswandel, dann nur mit einem “Patriotismustest”. (Dass auf diesem Sender auch antisemitische Töne angeschlagen werden soll hier nur am Rande erwähnt werden)
Auch in den in Westjapan für hohe Einschaltquoten sorgenden politisch inkorrekten Sendungen von TV-Gestalt Yashiki Takajin (“Takajins Ausnahmezustandserklärung“, “Takajins Ausschuss für Redefreiheit“) schütten die als Gäste geladenen rechten Autoren und Journalisten ähnliche Kommentare aus. Obwohl mit Humor unterlegt und nicht so plump daherkommend wie der obskure Channel Sakura bläst auch der Kreis um Takajin in den gleichen xenophoben Tenor. Allen voran stehen Chinesen unter Generalverdacht von Betrug und ergaunerter Nationalität. Drohgespenster wie wachsende Kriminalität heraufbeschwörend schlägt Kolumnist Katsuya Masahiko sogar systematische Kontrollen (in seinem Sinne eher Crackdowns) von Ausländern vor, zB in Convenience Stores. Die Gestapo lässt grüßen.

Das Betroffenheitstheater dieser selbsternannten TV-Pundits diffamiert leider ganz nebenbei die Millionen Ausländer die für japanische Unternehmen arbeiten, mit Einheimischen verheiratet sind, als Touristen durchs Land reisen, einen Schüleraustausch wagen, in Pflegeheimen sich um vergessene Senioren kümmern. Besonders junge Leute nehmen aus Bewunderung und Interesse zur japanischen Kultur einen beschwerlichen Weg auf sich, von den Hürden Heiratswilliger ganz zu schweigen. Die Herren Katsuya und Mizuma schieben Ausländer an den äußeren Rand der Gesellschaft und unterschlagen ihren Anhängern die offensichtliche Realität: Japan befindet sich unumkehrbar mitten in der Globalisierung. Ihren ratlosen Gesichter gegenüber Kinder aus gemischten Ehen (als sei dies ein Phänomen, das sich dem Common Sense entzieht) kann man die Ignoranz für die wachsende Verflechtung der Gesellschaft mit der “Außen”welt entnehmen, die auch eine Integration des Inselstaats in die Welt bedeutet. Die Vermengung von Kulturen, Genen, Sprachen, Beziehungen, all das zeichnet zum guten und schlechten die Wirklichkeit aus, die wir mitgestaltet haben, oder kann man im Ernst annehmen, ohne dass Massen von Japanern raus- und Ausländern reinkommen zu einer derartigen Wirtschaftmacht anzuwachsen? Prominente “Halfs” wie die Musikerin Angela Aki oder der Schönling Wentz Eiji gehören zu festen Bestandteilen der Popkultur und werden sicher auch die Tore für halbasiatische Talento erweitern (die erwähnten Gestalten gelten vor allem durch ihre westlichen Elternteile als besonders cool). Wobei ich erwähnen will, dass ich persönlich den Begriffen “Half” und “Double” nicht viel abgewinne und mich seit einiger Zeit als “Fremder” (異人 Ijin) am ehesten identifizieren kann.

Eine nichtrepräsentative Leserumfrage in der Japan Times, auf die Frage, wie man die Kinder aus gemischten Ehen bezeichnen soll ergab folgende Ergebnisse: 30% fanden, dass man das Kind bei seinem Namen nenne solle, es gebe nämlich “no need for labels”. 25% stimmten für eine Bindestrichlösung á la “Japanese-American”. “Half” lag abgeschlagen mit 13% immerhin noch vor “Bicultural/Biracial/Binational” (9%) und “Double” (3%). Dass ich meine eigene Meinung in diesen Ergebnissen widergespiegelt finde zeigt, dass ich mit meiner Wahrnehmung der Dinge nicht alleine stehe.
Ich bin mir sicher, dass kein Mensch nur eine einzige Identität besitzt, und diese auch nicht ausschließlich durch Rassenmodelle bestimmt wird. Identität kommt in einer Palette unterschiedlicher Farben und Formen. Deutschsein ist nur eine davon. Ich möchte “Fremder” nicht mehr länger als die Hauptfarbe sehen. Vielmehr inspiriert mich die Offenheit Barack Obamas, der seine Wurzeln als African-American in Stärke münzen konnte. Amerika wimmelt ja nur so von Chinese-Americans, Italian-Americans usw… Wenn man das Hyphen als einen Binde- und nicht Trennstrich auffasst, so entsteht eine integrierende Vielfalt. Im Deutschen kann man den Strich sogar ganz weglassen und “Afrodeutscher” oder “Deutschbrasilianer” angeben.
Wie wäre es deshalb mit der Bezeichnung “Japanodeutscher”? Auf Japanisch wäre 日系ドイツ人 Nikkei-Doitsujin nichts überraschendes. Oder etwa Nikkei-Gerumanjin? Germane klingt alt aber zünftig. Auch rechnet niemand mit einem erfrischendem Germanojapaner. 独系日本人 Dokkei-Nihonjin, das ist eine Einführung wert, alleine schon um die Schießbudenfiguren von Channel Sakura in Rage zu versetzen. Solange ich offiziell Besitzer nur einer Nationalität sein darf kann ich mich möglicherweise an diese Bezeichnung gewöhnen. Vielleicht so sehr, dass die Staatsbürgerschaftsfrage darüber hinaus verblasst.

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