Erstens) Auf der anderen Seite

Credo01

Er steht alleine auf der Sanjô-Ôhashi, der alten Brücke, welche die Sanjô-Straße über den Fluss Kamo führt. Er stand da auch schon letzte Woche, alleine, mit hellblauen Augen, der Baseballkappe auf dem Kopf und einem alten Pappschild in der rechten Hand. Die andere Hand ruht warm in der Jackentasche. Die Brücke ist windig.
Er steht frierend auf der Brücke und “Jesus is God” auf dem Schild. Eine Zeit lang beobachte ich ihn, wie er vorbeieilenden Passanten immer wieder den gleichen Satz zuwirft: “
Dôzo Shu Iesu wo Ai shite kudaisa〜i” – Bitte kommen Sie und lieben Sie den Herrn Jesus.

Ich gehe auf ihn zu und wir kommen auf Englisch ins Gespräch. Bob* heißt er und er ist ein Christ, der fest in seinem Dogma steht. Solche wie ihn habe ich oft kennengelernt. Christen, die jeden Tag die Bibel lesen und jedes einzelne Wort darin als absolute Wahrheit akzeptieren. Christen, für die alle andere Religionen des Teufels sind. Für sie sind alle, die Jesus Christus nicht als persönlichen Herrn und Erlöser anerkennen, auf ewig der Hölle bestimmt. Einige zählen auch Katholiken, Homosexuelle, Rockmusiker und Harry-Potter-Leser dazu. Dem Ende der Welt entgegenfiebernd erkennen sie in jeder Zeitungssmeldung “Zeichen der Zeit”, dass die Gesellschaft dem “Antichristen” den Boden nährt. Ich kenne diese Christen, denn ich war einer von ihnen. Doch der Fuji auf der Sanjô-Brücke ist jahre- und meilenweit entfernt von dem Kind, das in den frühen Neunzigern zu Klavierdröhnen und mit dem blauen Gesangbuch Jesu Name nie verklinget in den Händen ihrem Gott huldigte.

Es ist 2007 und ich stehe Bob gegenüber und stelle Fragen. Vom Fragen her fängt alles an. Was ist die Bibel? Was ist Gott? Was ist der Teufel? Was bedeutet ‘heilig’? Weshalb ist der Kamo-Fluss nicht heilig? Warum nicht die Fische darin? Was ist Wahrheit? Grundsätzliche Fragen, die ich mir auch immer wieder selbst stelle, weil mir ein “Weil es in der Bibel steht” nicht mehr genügt.
So sprechen wir auf der Brücke, eine halbe Stunde lang. Australier Bob lebt schon seit acht Jahren in Japan. Er verdient sein Brot als Sprachlehrer, irgendwo privat. Verheiratet ist er auch, mit einer Koreanerin. Sie teilt seinen Glauben allerdings nicht. Nach Japan habe ihn die Berufung gebracht, das Evanglium zu predigen. Also geht er fast jede Woche auf die Sanjô-Brücke. Ein Christ habe ihn noch nie angesprochen. Überhaupt sprechen ihn nur wenige an. Wie auch – Japanisch versteht er kaum, lesen kann er nur die Silbenzeichen. Ob er etwas von Buddhismus und Shintô weiß, und ob er schon einmal einen Tempel besucht habe, frage ich ihn. Da lacht er und sagt “No, of course not! It’s the place of demons!”
Nun stellt er Fragen. “What do you believe?” Als ich ihm mit “Yeshua” (Jesus) antworte, blinzelt er verwirrt. Bis dahin hatte er mich für einen Buddhisten gehalten, und längst in den Händen des Teufels. Ich fordere ihn auf. Lerne die Sprache. Lerne die Kultur der Japaner kennen. Lerne über ihr Denken und ihre Religionen. Er starrt mich an und erwidert: “Tell me about Shintô!”. Doch bevor ich noch richtig antworten kann befinden wir uns schon auf dem Weg zu Raju, dem Inder.

Die Episode mit Bob gibt mir den langgesuchten Einstieg um über meinen Glauben zu schreiben. Es wird Zeit. Nicht erst seit meinem Studium in Kyôto, sondern schon durch ARI und im Gymnasium, hat sich meine Auffassung des Christentums gewandelt, in ein Schwirrsal von Schnipseln, die ich hiermit neu zusammenzupuzzeln wage. Das fertige Bild wird vermutlich grob und wackelig wirken. Vielleicht wird eine dunkle Suppe daraus hervorbrodeln, wegen der vielen Symbolfetzen, der Zeichenwelt, die ich entwickelt habe, um Gott in dieser seltsamen neuen Welt wieder in Zusammenhänge zu schlingen. Ich darf dem Kampf mit den Worten nicht ausweichen, und klingen sie noch so dunkel. Es muss so sein, bevor die Spukwelten der Technokratie und das Kirchenpopgedudel unser letztes Gespür für den Kosmos ersticken.

Was ich beginne ist meine persönliche Neuordnung als Christ. Es geht nicht um theologische Hieb- und Stichfestgkeit, sondern um einen Glauben, den ich leben kann. Ich weiß, mein Credo wird für viele Ohren (für jeden jeweils zwei) nach Ketzerei klingen: weder glaube ich mehr an die Dreieinigkeit Gottes, noch an die Irrtumslosigkeit der Bibel. Alte Begriffe wie Erbsünde und Sühneopfer stelle ich inzwischen ebenso in Frage wie die von Pop und Kommerzialisierung verwässerten Erscheinungsformen moderner Kirchen. In meinem Weltbild haben Hölle, Teufel und Dämonen zwar noch einen Platz, aber an anderen Stellen, als Dämpfe. Dennoch sind meine Gegenansichten in der christlichen Tradition verwurzelt, den tiefen Quellen, um sich durch Buschwerk hindurch stoßend dem Firmament entgegenzustrecken. Dass viele Gläubige ähnliche Ansichten pflegen gibt mir Mut.
In den ab der nächsten Zeit folgenden Artikeln werde ich versuchen, meine Ansichten zu erläutern. Es wird sich aller Voraussicht nach ein hartes Ringen nach den passenden Worten abspielen, eine Schlacht um Verständlichkeit. Und wir werden auch Bob nicht vergessen.

*Name geändert

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