Zweitens) Strange Days

“Ich bin ein Kind des 21sten Jahrhunderts. Wenn ich, um im 21sten Jahrhundert ein Christ zu sein, meinen Geist in eine Erste-Jahrhundert-Bretzel biegen muss, damit ich diese Worte mit irgendeiner Ehrlichkeit und Integrität sagen kann, so ist dies ein Preis der zu hoch zu bezahlen ist. Die Spannung in meinem Leben ist, dass ich es ablehne eines von beiden aufzugeben; entweder meine Verpflichtung zur Realität Gottes, meine Hingabe zu Jesus, in dem ich die Gegenwart Gottes sehe, und meine Bürgerschaft im 21sten Jahrhundert.
[…]
Unser Glaubenssystem, tief und wirklich und echt, kollidiert jeden Tag mit einer Welt, die so radikal anders ist als die Welt in der unser Glaubenssystem geboren wurde. Meine Heimat, mein Verlangen und die absolute Intention meines Lebens in Dienerschaft ist es, das Lied des Herrn in den Akzenten des 21sten Jahrhunderts zu singen, so dass meine Kinder und meine Enkelkinder den Gott kennen können, den ich kenne, und die Tür des Jesus von Nazareths finden können, eine Tür, durch die sie eintreten und die Geheimnisse und Wunder des Heiligen erforschen können.”

Diese Worte des anglikanischen Bischofs John Shelby Spong im TV-Sender ABC bringen eine der Fragen, vor denen mein Glauben heute steht, auf den Punkt: Wie ist Christsein im 21sten Jahrhundert möglich?
Auch wenn die Annahme, dass der Fortschritt alle Religionen nach und nach unnötig mache, in unserer multirealen Welt vorerst nicht mehr standhält (der Boom religiöser Themen in Nachrichten, Medien und Kunst ist ein Indikator für ihre stetige Aktualität), ist die traditionelle christliche Doktrin heute mehr existentiellen Fragen ausgesetzt als jemals zuvor.
Wir stehen inmitten gigantischer Entwicklungen. Bischof Spong zählt einige der Wendepunkte auf, an denen die Weltbilder unserer Vorfahren umgewälzt wurden: Die komplette Umstellung des Kosmos’ durch die Beobachtungen Copernicus’, Keplers und Galileis. Die Erkenntnis der Evolution des Lebens von Charles Darwin. Die Klage Sigmund Freuds, die Kirche halte ihre Schäfchen in einem Zustand der Abhängigkeit, der Unreife. Die Revolution der Begriffe von Zeit und Raum, die Albert Einstein in Gang setzte… Jede dieser Erkenntnisse sind wie brandneue Instrumente, die einem Orchester hinzugefügt werden. Und mit jedem neuen Instrument müssen sich die Musiker neu arrangieren, neu stimmen, um in neue Klangwelten vorzudringen.

Im Gegensatz zum greisen Bischof Spong betrachte ich mich noch als Kind des 20ten Jahrhunderts und bin vielleicht darum so verwirrt von diesem neuen Zeitalter. Das Internet ermöglicht weite Einblicke über den Stand der Welt, und je mehr ich in darin wühle, desto erstaunlichere Dinge quillen hervor. Besonders was da an Entwicklung neuer Technologien an allen Orten der Welt zu finden ist übersteigt meine Vorstellungskraft. Sie lassen ahnen, welche Veränderungen in den kommenden Jahrzehnten bevorstehen. Ich hatte schon immer ein Faible für Science Fiction, aber viele Phantasien aus Filmen wie Ghost In The Shell verblassen im Vergleich mit dem bereits Möglichen und dem bald Bevorstehenden. Die Forschung, die solche Technologien erlaubt, verändert unsere Werte von Grund auf.

Ich möchte es wagen, die Gedanken in eine solche Welt schweifen zu lassen. Sie wirft schon jetzt ihre Schatten voraus: Menschen, Computer und Maschinen verschmelzen in rasendem Tempo ineinander. Hybride Lebensformen bei denen die Grenze zwischen Mensch und Maschine verwischt, werden in den Alltag dringen. Die Neuerschaffung künstlicher und virtueller Lebewesen (programmierte Mehrzeller… am Rechner entworfene Nutztiere… autonome Computergeister…) wird ethische wie rechtliche Fragen anstoßen. Die Medizin wird Körperteile liefern, die bei Verlust nachwachsen – Lebern, Herzen, Beine, Augen… Während die Geheimnisse des Lebens, der Evolution und des Stoffes, aus dem der Kosmos ist, weiter aufgedeckt werden, stoßen wir auf undenkbar größere Mysterien. Die Chance, dass wir mit außerirdischen Zivilisationen Kontakt aufnehmen, glaube ich, ist hoch.
Was unser Inneres anbelangt ist bekannt, dass unser Gehirn uns einen Geist und ein ‘Ich’ als Betriebssystem für unseren Körper konstruiert, und es somit keine absolute Realität gibt. Spirituelle Erfahrungen lassen sich auf Neuronen und Gehirnchemie herunterrechnen. Die kommenden Forschung wird – je besser sie dieses Betriebssystem und die Hardware begreift – Mittel finden, mit denen sich Bewusstsein und mentale Fähigkeiten bis zu religiösen Offenbarungserlebnissen steigern (‘enhancen’ wie es im Fachjargon anscheinend heißt) lassen. Der nächste Schritt ist es, unsere Geister miteinander zu verbinden, auf Geräte zu übertragen und mittels Medien darzustellen.
Die Verschmelzung von geistiger, materieller und virtueller Wirklichkeit wird auf diese Weise voranschreiten, dass auch hier eine Unterscheidung unmöglich wird, bis wir vielleicht sogar virtuelle Partner ehelichen und mit petabytegroßen Supermächten Kriege führen werden. Das Wetter zu lenken wird möglicherweise ebenso machbar sein wie die Initiierung kleiner Paralelluniversen.
Auch wenn die nächsten Weltkriege katastrophaler enden als das letzte Jahrhundert zusammengenommen, das unbändige Streben nach Wissen werden sie kaum aufhalten. Wir sind so weit gekommen, die Welt zu entschlüsseln. Die bekannte Gestalt des Universums ist schon jetzt poetischer und faszinierender als die Mythen der Religionen und werden zu neuen Mythen inspirieren. Mir schwebt vor, dass der Mensch am Ende dieses Jahrhunderts die Götter der Antike um ein vielfaches übertrifft (wir hatten diesen Zustand mit der Atombombe schon partiell erreicht) – innerhalb unserer Welt fast omnipotent, omnipräsent, omniszient.

Ist das Christentum auf diese und noch erschütterndere Veränderungen vorbereitet? Die traditionelle Kirche muss sich schon jetzt verbiegen, um dem Menschen etwas Glaubwürdiges bieten zu können. Dass Problem ihrer anachronistischen Moral ist noch größer: Wenn wir fähig sind, Leben zu erschaffen und das Wesen des Menschen selbst zu verändern, brechen die herkömmlichen Vorstellungen von dem, was der Mensch ist, und damit auch von dem, wer oder was Gott ist, vollends in sich zusammen, so wie die newton’sche Vorstellung vom Wesen der Zeit mit der Relativitätstheorie zusammengebrochen ist. Der Punkt wird kommen, da unsere Wundertaten die des alttestamentarischen Gottes übertreffen. Was wird dann meine Antwort als Christ sein?

Bischof Spong plädiert für eine Neue Reformation, die er für radikaler erachtet als die von Martin Luther. Auf seiner Webseite fasst er seinen Ruf in zwölf Thesen zusammen. Sie stehen für eine wissenschaftlich-fundierte Sichtweise auf die Wundergeschichten der Bibel, im Gegensatz zu einer wortwörtlichen. Er lehnt die Verwendung von Gebet als Eingreifen in die Geschichte ab, ebenso wie eine Lehre, die auf der Schuld des Menschen basiert. Vielmehr fordert er das Ende von Diskriminierung.
Spongs Ruf nach einer zweiten Reformation ist nicht neu. Ich denke zu allen Zeiten gibt es Stimmen, die ein authentischeres Christentum verlangen, mit sehr unterschiedlichen Zielen. Natürlich ist der pensionierte Spong in seinen eigenen Reihen umstritten. Ich persönlich kann ebenfalls nicht allen Punkten übereinstimmen. Seine Neugierde für die Erkenntnisse außerhalb der Theologie jedoch legt das richtige Gespür einer Krise in ihn.

Das Orchester ist am Proben. Die Musiker sind dabei, ihre Instrumente zu verfeinern oder gar zu kombinieren. Leider verliert sich alles in Dissonanz. Keine einheitlichen Noten. Der Dirigent scheint seit geraumer Zeit nur noch aus dem Dunkeln zu agieren. Einige Musiker haben sich deshalb gegen die Notwendigkeit eines Dirigenten aufgelehnt und bekommen sehr gut mit eigenem Talent Harmonie zustande. Sie wissen sogar, neue Instrumente zu bauen. Andere sitzen ratlos da und vertreiben sich die Zeit mit eingeübten Stücken. Es gibt übrigens auch einen Schrank mit beschädigten Instrumenten, der sich stetig füllt. Zwischen Klängen von Aram Khachaturjans Adagio aus der Gayaneh-Ballettsuite, mit der die Streicher ihrer Verlorenheit im Universum Ausdruck verleihen, und einem Chor, der sich mittels György Ligetis Lux Aeterna als schmerzhaften Ruf an eine sich erbarmende Göttlichkeit wendet, schreite ich mit einer zerbrochenen Flöte in den Händen durch die Reihen und höre zu… ich hoffe ich, dass es in den nächsten Artikeln zu einem gemeinsamen Musizieren kommt…

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