Drittens) In einem Land vor unserer Zeit

Credo02
Das Christentum, mit dem ich aufwuchs, hielt nicht viel von Wissenschaft, schon gar nicht von der, die es nicht verstand. In den ersten Kirchenjahren, die meine Wertvorstellungen und mein Denken prägten, lernte ich ein Weltbild kennen, das die Bibel als das unumstößliche Wort Gottes als Mittelpunkt und Ausgangspunkt meiner Wahrnehmung einkernte. Es war ein hauptsächlich vom amerikanisch-baptistischen Fundamentalismus bestimmter Glaube, der die breite Masse erst in der Folgezeit des Elften Septembers gewahr wurde.
Dieser Bibliozentrismus als Subkultur mit einer festen Ideologie ist erstaunlich. Er schließt nicht nur jedwede freie Intepretation biblischer Inhalte aus, er erzeugt eine ganz eigene – verzerrte – Sicht der Realität. Diese kennt keine Farben, nicht einmal Graustufen, sondern ausschließlich schwarz und weiß. Dem Gläubigen bleibt gerade genug Luft zum Atmen, aber wenig Platz für die Entfaltung einer eigenen Lehrmeinung. Ich war ein Grundschulkind und hatte viele Zweifel am bedingungslosen Festkrallen an jeden Buchstaben der Bibel, doch mit der Zeit geriet dies zur Normalität.

Was mich schon damals faszinierte war die Frage nach dem Woher. Woher kommt der Mensch, die Erde, das All? Die Sonntagsschule sowie gutmeinende Jugendarbeiter verlockten mit Wahrheiten, die nur die Bibel liefern konnte. Ich entdeckte die Welt des Kreationismus, sowohl theoretisch als auch praktisch. Die Kirchenjugend organisierte Exkursionen zu Fossiliengruben und Planetarien für uns Jüngere. Sie lieferten all die Argumente, die die Evolution angeblich als gottlose Hypothese entlarvten. Alles konnte mit Genesis – dem ersten Buch Moses – also dem Sündenfall, der Sintflut, dem Turmbau zu Babel, erklärt werden. Und welcher kleine Junge vernarrt sich nicht in Dinosaurier? Sogar als ich schon längst nicht mehr in jene Kirche ging hielt die Faszination in meiner Familie für eine Zeit lang an. Ich las komplizierte Bücher von amerikanischen “Experten” und sammelte Material. Im Nachhinein ist die Vorstellung, dass ich mit Verwandten zum “Steineklopfen” desöfteren in Steinbrüche eingeschlichen bin, ziemlich bizarr.
Besonders bedeutend in Erinnerung blieben mir die Vorträge von Ken Ham. 1997, wenn ich mich nicht täusche. Australier Ken Ham (der aussieht wie Wolverine) vertritt die US-Organisation Answers in Genesis. In der Welt der Kreationisten ist er einer der größeren Fische, ein Barrakuda. Dass er nach Heidelberg kam und in einer der konservativen Freikirchen ganz Al Gore-mäßig reichbebilderte Vorträge gab war sicher ein Höhepunkt für die kreationistisch Engagierten dort. Ich war Sechstklässler und beeindruckt von der schieren Menge an Themen, die Ham in sehr eloquenter Weise scheinbar wissenschaftlich fundiert beschrieb – es war das erste Mal, dass ich von Genetik hörte. Ham ließ nichts aus – Evolution – Urknall – Wissenschaft an sich im Gegensatz zu Bibel – Schöpfung – Sintflut – Golgatha – Errettung… er betonte, dass der Schöpfungs”bericht” der Grundpfeiler des christlichen Glaubens schlechthin sei, und rein gar nichts Sinn mache, wenn Adam und Eva nicht die Ursünde begangen hätten… auf alles schien er eine plausible Antwort zu haben. Die zweihundert versammelten Gäste gingen mit der Überzeugung nach Hause, nun jedem gottlosen Darwinisten Paroli bieten zu können… Der Journalist Chris Hedges (Autor von “American Fascists: The Christian Right and the War on America”) beobachtet in einem Fernsehinterview mit CBC:

“Der Zweck von Kreationismus ist nicht, eine Alternative zur Evolution zu bieten. Der Zweck von Kreationismus ist es, die Möglichkeit von sachlicher, ehrlicher und intellektueller und wissenschaftlicher Nachforschung zu zerstören. Um Fakten mit Meinungen austauschbar zu machen. Um Lügen wahr zu machen. Und das ist eine gefährliche Präzedenz, denn dann ist man berechtigt dazu die Welt, die Wirklichkeit um einen herum durch dieses verzerrte ideologische Prisma zu sehen.”

Nach dem Elften September rückte das sogenannte evangelikale Christentum zusammen mit den US-Extremisten in den Fokus des europäischen Bewusstseins. Damit verschärfte sich auch der Ton zwischen Wissenschaftlern und hervorpreschenden Vertretern des Kreationismus, den einige in ‘Intelligent Design’ umgemünzt hatten. Ich bekam den Eindruck, dass damals die Fronten mit neuer Aggressivität aufeinanderstießen. Vielleicht hat die Debatte auch den ‘militanten Atheismus’ von Richard Dawkins angeheizt. Es macht mich zornig, dass beide Seiten gleichermaßen Religion allein von diesem Thema abhängig machen. Der Graben zwischen Religion und Wissenschaft schien durch notorische Polemik von Gestalten wie Ken Ham und Christopher Hitchens noch tiefer geworden zu sein.

Ironischerweise habe ich mein ständiges Hinterfragen diesen Christen zu verdanken. Ihr tiefes Misstrauen gegenüber dem wissenschaftlichen Konsens lehrte mich Nüchternheit gegenüber den Lehrbüchern. Ihre Paranoia vor einem satanischen Überwachungsstaat gab mir die skeptische Haltung was Politiker angeht.
Letztendlich aber leitete die immer dünner werdende Beweislage der Kreationisten auch mich auf die andere Seite. Bis zum Ende meiner Gymnasiumszeit führten sie nur noch Grabenkampf. Ich beschloss, mich in dieser Frage vorerst nicht festzulegen, sondern beiden Standpunkten zu misstrauen. Heute akzeptiere ich die Story, die die Wissenschaft erzählt, wenn auch – wie immer – mit Acht.
Es hat sich vieles verändert. Auch wenn ich meinen Glauben lange nicht mehr in jenem Milieu kultiviere, vielmehr ein von Grund auf positives Christentum kennenlernen durfte, fällt es schwer, diese Wurzeln abzuschnüren. Für Christen in der Landeskirche oder manchem Katholiken mag das überhaupt kein Thema sein. Doch ich wuchs im religiösen Extremismus auf, der eine Ideologie der Angst verbreitet. Dessen düstere Ansichten von Gott, Menschen, Leben und Wahrheit zu verarbeiten kostet viel. Deshalb ist dies ist eine meiner großen persönlichen Herausforderungen: Religion und Wissenschaft nicht länger als Opponenten im Kampf um die absolute Wahrheit zu verstehen.

Die Bibel ist nicht das unumstößliche Wort Gottes. Die Welt wurde nicht in sechs Tagen hervorgezaubert. Jesus starb nicht für die Erbsünde Adams. Und dass all dieses nicht das Ende meines Christseins bedeutet, sondern eine Möglichkeit zu seiner Erneuerung, ist der Spagat, den ich hier schaffen will.

Raus, nur raus! Die Fundis in meinem Orchester der Weltanschauung mussten die Plätze räumen, sie haben Musik ohnehin noch nie verstanden. Doch noch will keine Harmonie zwischen den Spielern entstehen, besonders der Zank zwischen Streichern und Bläsern hat Misstrauen hinterlassen. Aber es ist schon frischer geworden. Bis zum Konzert sind noch einige Zeilen nötig.

.

Leave a Reply