Fünftens) Wahrheit im Fluss

.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang,
und ich weiß noch nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.


Reiner Maria Rilke, “Das Stundenbuch”

Nach langer Zeit habe ich nun festgestellt, dass das Suchen in meinem Leben letzten Endes immer der Wahrheit bestimmt gewesen ist.
Trotz allen vermeintlichen Glaubensgewissheiten und dogmatischen Kernwahrheiten des Christentums sickerte stets ein Zweifeln wie Wasser durch die Fundamente. Fragen. Hinterfragen. Nachfragen. Ein Bohren nach Antworten, die mir Sinn fürs Sein zu stiften hatten. Die nagende Ahnung, dass hinter den Fassaden der Realität ein gleißendes Licht flimmerte. Dass hinter all dem, was wir so vordergründig wahrnehmen, eine universal gleichgeltende Ordnung am Werke sein musste. Gleichzeitig befürchtete ich, die Strukturen, in denen wir aufwachsen, seien ein engmaschiges Lügengewebe, mit dem Politiker, die Unternehmen und Medien ein großes Übel verhüllen, auf dem die westlichen Gesellschaften gründen. Und schließlich drang aus der Bibel ein Zittern hervor, das die Buchstaben vor meinen Augen wackeln ließ. Es zitterte mir zu: hinter den Zeilen wuchern noch mehr Schichten des Verstehens, und hinter diesem wiederum: Das einzig Wahre, so wie Warsteiner. So hörte die Suche nie auf.
Ich glaube, mein Studium und die herrlichen Weiten des Internets haben mir die Freiheit verliehen, mich neu mit der Welt zu beschäftigen. So gerieten immer mehr Risse in das Fundament. Bis es schließlich auseinanderbrach. Das Wasser war stärker als der Stein und nahm die Trümmer mit nach irgendwo. Doch Wahrheit?

Wahrheit ist kein bequem in Bibelversen konzentriertes Monopol, aber auch nicht ausschließlich in dem Wein, den die Forschung aus Experimenten herauskeltert. Sie und (ausgehend von ihr) Identität und Realität weilen nicht als feste Punkte innerhalb eines Koordinatensystems. Sie sind vielmehr vielschichtig, wie zahllose Ebenen und Räume zusammenverschachtelt, hinter denen wiederum Räume, wiederum Ebenen zu finden sind, durch die wir je nach Zustand, Ort und Zeit, hin- und herschwanken. Durch unser der fortwährenden Verwandlung unterworfenes Bewusstseinsgeflecht mäandert das hindurch, was unser Gehirn uns als “Ich” vortäuscht. Vielleicht ist es meiner nomadischen Herkunft zu schulden, dass mir die geistige Einwurzelung in diesen Irrgarten so schwer fällt. Vielleicht ist es auch eine Krankheit, die typisch ist für die sich globalisierende Generation. Das Wechseln von Identität vollzieht sich flinker als das Wechseln eines Hemdes, ja wir leben praktisch mehrere widersprüchliche Identitäten gleichzeitig, während wir rund um die Uhr sowohl räumlich als auch zeitlich durch unvereinbare Wirklichkeiten jagen.

Die Welt, der ich mich heute gegenübersehe, wird durch Technologie und Erkenntnis nicht greifbarer, sie ist im Gegenteil größer, zerplitterter, komplexer denn je, ein stetig sich umformender, gigantischer Strudel, in dem jede Philosophie, jede Theorie und jedes Dogma gleichermaßen als eine Welle von vielen umhergerissen wird. Was ich hier sehe ist nicht mehr Ying und Yang. Es ist ein dauerndes Vermischen, Aufschäumen, Wellenschlagen, Hochwallen, Absinken. Unbeständigkeit. Zufälligkeit. Von den winzigsten Gluonen über die Moleküle hin zu den Kometen und Galaxienhaufen, das gesamte Universum ist in Bewegung, während meine eigene Existenz ein Bläschen ist, das zeitweise auf die Oberfläche dieses Strudels gelangte und nach ein paar Umdrehungen zusammen mit dem Schaum, der es umgibt, wieder verschluckt werden wird. Und alle meine Quanten in mir und alle Sonnen um mich herum kreisen in dieser Creatio Continua mit.
Gott – so schließe ich – hat das All als einen sich selbst entwickelnden Organismus hervorgeschossen. Nicht der Fertigkosmos, dem die “bibeltreuen” Christen hinterhertrauern. Sondern eine pulsierende Chaosmaschine, aus der sein kreativer Urschwung immer neue Ideen aufkeimen lässt. Mein Welt-Mandala ist darum das Bild dieses tosenden Wirbels, in dessen undurchschaubar tiefen Mittelpunkt Gott als Sog die eigentliche treibende Wirkkraft darstellt, durch den, um den, sich alles bewegt.


Mandala

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Dieser Absolutheit fordernde Satz Jeschuas im Johannesevangelium erscheint für viele Menschen streng, rechthaberisch, intolerant. Vielleicht auch, weil er den fundamentalistischen Christen, die es noch in Massen gibt, als willkommene Untermauerung für einen blinden Wahrheitsanspruch dient. Mit ihrer geistlosen Bibelauslegung formulieren sie ihn wie die Kampfansage einer Lehre, die so flach ist wie ein Nichtschwimmerbecken. Ich wusste nicht, wie ich diesen Satz, den ungeheuren Anspruch dieses Ausspruchs, einordnen sollte.

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Heute empfinde ich Schaumgeborener dies nicht mehr als rechthaberisch, sondern als ein Trost spendendes Versprechen. Es versichert mir, dass es bei Gott doch noch eine letzte Wahrheit, einen Halt im Sturm der Fragen, gibt, wenn auch ich diese niemals in ihrer Ganzheit, sondern immer nur stückweise begreifen werde. Und wenn Paulus im Brief an die Kolosser bemerkt, dass in Christus alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind, dann klingt an, dass sich mit Gott ein Geheimnis vereint. Die Wahrheit, das was das Universum zusammenhält und unserer Existenz Sinn verleiht, bleibt verborgen, verschleiert, wie der französische Gelehrte Bernard d’Espagnat sagen würde. Hinter unzähligen Geweben und Gespinsten, die ein jeder für sich nach und nach beiseite streifen muss, liegt umflort ein Allerheiligstes, das zwar undurchmessbar, aber doch betretbar ist.

Ich habe lange versucht, Sätze ins Wasser zu meißeln. Doch alles, was wir vermögen, ist Wellen und Schaum zu schlagen. Alles Definieren und Fixieren, alles Gewinnen und Aufstreben, alles Hämmern für die Ewigkeit wird zerrieben, schwindet im Lauf der Zeit. Ich lasse los, die Wörter, die Ziegel, den Hammer, versenke was zu schwer und überlasse der Gischt, was zu leicht. Ich lasse mich von den Wellen tragen. Was ich hier mache? Wie ein Kind schaumschlagen.

Leave a Reply