Sechstens) Grenzgänge


Aus was sind wir gemacht? Im Sommer 2008 wurde nach neun Jahren Bauarbeit der Large Hadron Collider (LHC) des CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) bei Genf eingeweiht, mit der Hoffnung durch die riesige Versuchsanlage die Geheimnisse winzigster Partikel zu lüften. Man sprach bei der Erforschung dieser Bausteine unseres Universums auch von der Suche nach dem “Gottesteilchen”.

Meine Kenntnisse in Physik bewegen sich leider ebenfalls nur im subatomaren Bereich; Begriffe wie Higgs-Bosom und all die Formeln, mit denen die Forscher am CERN nur um sich werfen, versteh ich als Laie nicht einmal ansatzweise. Multidimensionale Kraftfelder, Parallelwelten, verschieden schmeckende Quarks… die moderne Physik gleicht heute einer okkulten Geheimlehre, gegen die selbst kabbalistische Großmeister wie Vorschulzauberlehrlinge aussehen. Sie macht in meinem Weltbild-Orchester die Fraktion aus, deren Instrumente man nur imaginär hört, obwohl sie dem Dirigenten am nächsten sitzt…

Kulturwissenschaftlerin Lydia Haustein, die bei CERN eine “Ikonographie des Unsichtbaren” aussondiert, äußert sich in einem Deutschlandfunk-Interview zur dortigen Arbeit wie folgt:
“…wir haben einen riesigen Bereich von Imagination, philosophischen Vorstellungen und die Herausforderung, für etwas ein Bild zu finden, was sich per sé eigentlich nicht als Abbild oder Bild verstehen lässt. Und damit berühren wir eine ungeheure Herausforderung für die Philosophie und die Geisteswissenschaften insgesamt, nämlich den Teil, den sie allzu lange ausgeklammert hat. Nämlich in einen intensiven Dialog mit der Naturwissenschaft einzutreten. {…}
Dass wir plötzlich auch Bereiche einbeziehen wie japanische Raumbegiffe, Raumvorstellungen, also wo das Selbst ja schon immer viel stärker in einem Kontinuum gedacht wurde, als es in der westlichen Kultur ist, und wo wir plötzlich (meinetwegen vom Hilbert-Raum über die Riemannschen Räume) auch zu Ideen von zen-buddhistischen Vorstellungen kommen, also wo man durchaus religiöse Bereiche und Metaphern verwendet. Die Geisteswissenschaften, zumal die westlichen, tendieren immer noch dazu, in einer evolutionären Idee die Eindimensionalität zu unterstreichen und multipolares Denken ist eher ungewöhnlich…

Die CERN-Forscher ergründen ein Verständnis, für das sich ein neuer Wortschatz entfaltet, um in seiner Komplexität beschrieben werden zu können. Bei der Grenzüberschreitung zwischen den Disziplinen scheint Haustein so auch auf Modelle zurückzugreifen, die die Religionen schon seit langer Zeit vorgedacht haben.
Transdiziplinarität bzw. Interdisziplinarität spannt zB Bögen von der Quantentheorie hin zu Philosophie oder Psychologie. Sie lässt mittels verschiedener Blickwinkel ein neues Ganzes erkennbar werden. Ähnlich kann man im Zusammenhang mit Transkulturalität argumentieren, wo durch Anwendung verschiedener kultureller Auffassungsweisen eine darüber hinausgehende Einsicht für eine bestimmte Sache erlangt wird. Warum sollte dies nicht in gleicher Weise für Religionen untereinander und mit den Wissenschaften gelten?

Naturwissenschaften rühren an denselben großen Urfragen der Geisteswissenschaften und Religionen: Ursprung und Erlöschen, Zeit und Unendlichkeit, Geist und Materie. Dabei ist zum Beispiel die Physik schon längst an die Grenzen des Messbaren gestoßen. Ein wesentlicher Teil spekuliert Gedanken, die sich weder eindeutig nachweisen noch beobachten lassen können. Ich denke da an die Stringtheorie oder an die Branenkosmologie, die so mysteriös, so bizarr daherkommen, dass ich zwischen der Vorstellung unendlich vieler Paralleluniversen und der von der siebensphärigen Hölle keine großen Unterschiede mehr ersichte, besonders was den Glaubenssprung anbelangt, den diese Ideen erfordern. Ich vermute, die glaubwürdige und nachvollziehbare Vermittlung dieser Inhalte an uns Laien bedeutet für Physiker eine Herausforderung.

Angesichts des sich vor uns auftürmenden Schwalls an Theorien und Wissen, das uns durch die Medienexplosion per Knopfdruck zur Verfügung steht, geht es am Ende um meine individuelle Interpretation, um das was ich aus all dem herauslese. Was ich brauche ist ein Gesamtkonzept, das für eine organische Weiterentwicklung flexibel genug ist, und gleichzeitig über ausreichend Gravitas verfügt, um nicht durch Beliebigkeit wieder auseinanderzustäuben.
Was ich brauche ist ein Modell, mit dem ich vom christlichen Denkkern aus Sinn aus der sich so drastisch entwickelnden Welt schöpfen kann.
Was ich brauche ist ein Glauben für das 21ste Jahrhundert, der die Suche nach Wahrheit/Gott nicht mit billigen Abspeisdogmen verrät.
Was ich gefunden zu haben glaube ist das, was sich als “Mystik” durch die Jahrtausende zieht.

So kann man, wie der 87jährige Physiker Bernard d’Espagnat, zum Begriff eines “hyperkosmischen Gottes” gelangen, der als Synonym für die verschleierte Wahrheit hinter den kosmischen Gesetzen steht. Zwar geht d’Espagnat nicht von einem persönlichen Gott aus, verdeutlicht jedoch mit diesem religiösen Begriff die Grenzen der Wissenschaft. Für dieses Übergreifen in andere Lehrgebiete wurde er dieses Jahr mit dem großen Preis der Templeton-Stiftung ausgezeichnet.
Realität, so d’Espagnat, sei nicht restlos vorhersagbar, weil sie nur das vordergründig in Erscheinung tretende determinieren könne. Oft widersprächen Experimente ihren Theorien. Hinter den Phänomenen gebe es etwas, das uns widerstehe. Die beobachtbare, materielle Welt sei als eine Welt aus “Zeichen” zu verstehen, hinter denen eine “höhere Realität” verschleiert liege. Wissenschaft habe keinen exklusiven Zugang zu diesem “Grund der Dinge”, und bedürfe weiterer Heransgehensweisen, wie etwa der Kunst und der Spiritualität. So sagt er im Gespräch mit Templeton:
“Einige werden überrascht sein, aber ich behaupte, dass es Formen höherer Spiritualität gibt, die mit dem, was aus der gegenwärtigen Physik hervorgeht, kompatibel sind. {…} Hinsichtlich der Interpretation und den Problemen die die Quantenphysik erhebt, und ebenso neuesten experimentellen Entdeckungen ziehe ich in Betracht, dass ganz im Gegenteil die Physik kaum darauf hoffen kann, über bloße Phänomene – das heißt Erscheinungen, die für alle gleich sind, – hinwegzureichen, so dass immer ein Freiraum verfügbar bleibt für große Eingebungen bar prüfbarer Konsequenzen.”

Wissenschaft, Religion, Kunst, Philosophie… hebeln sich nicht gegenseitig aus, sondern können durch ihre Teileinsichten die Umrisse eines holistischen Weltbildes deutlicher zeichnen. Als Christ werde ich natürlich hinter allen Schleiern Gott erahnen.

Mein Wunsch ist es, dass im 21sten Jahrhundert Religion und Wissenschaft das Kriegsbeil begraben, um mit gegenseitigem Respekt Bilder zu finden, die ganz interdisziplinar die Welt erklären. Für mich ist das Wirbel-Mandala ein persönlicher erster Schritt dahin. Der Schritt vom Wort ins Bild bedeutet für mich den Schritt in den Bereich, den ich endlich mit Bestimmtheit benennen kann: Die Mystik.

Es schaut so aus, als habe sich mein Orchester gefunden, seitdem alle die Notenblätter beiseite gelegt und eine Improvisation begonnen haben. Die Musiker lauschen einander zu und antworten respektvoll mit ihren Instrumenten. Die in den vordersten Reihen achten sehr genau auf die Bewegungen des Dirigenten, während der Rest auf deren Grundtöne in immer neuen Variationen reagiert. Es wird nun ein langes Stück gespielt, das mal so erhaben zärtlich strömt wie Arvo Pärts “Fratres”, sodann gleich Jérôme Coullets “Cyclorhytmique” hypnotisch vorankreiselt und nicht selten wie “The Lake” von Philip Glass zu wuchtigen Tönen herangrollt.
Vielleicht ist das Universum, wie es ein Physiker der Stringtheorie einmal so schön formulierte, tatsächlich eine große Symphonie…

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