Siebtens) Im Reich der Sinne

“Es war wohl im letzten Herbst, als ich beim Frühstück mir eine Tasse grünen Tees eingoss und ich beim Anblick des aufsteigenden Dampfs das Gefühl, den Gedankenblitz hatte “God is in the tea”.
Ich setzte mich zu Yûko-san an den Tisch und fragte sie. “Yûko-san. Do you think, God is in the tea?” Sie lachte und nachdem ich ihr meinen Eindruck geschildert, nickte sie und sagte: “When you feel in that moment that God is in the tea, then it is so…”

September 2005

Es gab eine Zeit, da ich, wenn der Wind an meinen Ohren entlangstrich, ein Flüstern von Gott aus ihm heraushören konnte, das den inneren Wirren Dasein zuschwichtigte. Im Rauschen von Blättern, im Prasseln von Regen vernahm ich eine Heiligkeit, Bekundungen einer alles ausfüllenden Liebe. Es genügte das Lied eines Vogels, um daraus ein “Guten Morgen”, und den Bach am Fenster, um in ihm ein Vorsichhintuscheln des Schöpfers zu erahnen.
Meine Feinfühligkeit für dieses Sprechen Gottes im Alltag ist heute etwas abgestumpft, aber der ihr zugrunde liegende Panentheismus ( ‘Gott in Allem’ ) spielt in meinem Glaubensbild eine zentrale Rolle. Und endlich kann ich ihren Kern mit einem Begriff versehen, dem ich mich seit langer Zeit angenähert, aber nie mein Eigen zu nennen gewagt hatte. Denn er klang schwer, fremd und fern. Ich spreche von Mystik. Ich spreche von Mystik und glaube mich darin zu finden, wie eine Stimme, die sich in dem richtigen Lied wiederfindet…

Über die Definition von Mystik besteht Uneinigkeit, und ich möchte mir das Definieren abgewöhnen. Ihre Praxis zu beschreiben, das kann ich versuchen: Eine Sensibilität, die hinter der Oberfläche aller Dinge eine verborgene Wirklichkeit bemerkt. Hinabsinken in die dunkelste Tiefseele meinerselbst und in die Finsternis Gottes. Einswerden mit Gott, intimer und erotischer als bei Liebenden. Stehen in einem Ozean aus Licht, der die Welt und das Selbst flutet. Ein Land aus alten Zeichen. Sich ergeben. Nichts werden. Alles werden. Die Sprache, mit der ich die Welt in mich hineinübersetze und mit der ich auch Gottes Reden in ihr verstehe. Oder anders gesagt: Eine Sprache, mit der ich – Wissen, Glauben, Fühlen versöhnend – die Welt holistisch deuten kann.

Dass ich mich nun so entschieden mit diesem Bewusstsein identifizieren kann habe ich zu einem guten Teil dem Theologen Jörg Zink zu verdanken. Bei meinem letzten Besuch in Heidelberg – ich deckte mich in der Universitätsbuchhandlung mit einem Vorrat an gelben Taschenbüchern ein – entdeckte ich sein jüngstes Buch “Dornen können Rosen tragen”. Untertitel: “Mystik – die Zukunft des Christentums”. Zink plädiert für eine breite Belebung der Mystik und meint, falls das Christentum nicht seine mystischen Wurzeln wiederentdeckte, dann habe es uns nichts mehr zu sagen. Er beklagt, dass Theologie und Kirche sie so häufig verworfen haben.
“Wie ist es zu verstehen, dass Mystiker aller Jahrhunderte von ihren Kirchen in aller Regel als Ketzer, Irrlehrer oder mindestens als Wirrköpfe behandelt und verurteilt worden sind? Und warum haben unsere eigenen Lehrer sie so fleißig bekämpft und unter den großen und bösen Irrtümern abgeheftet? {…} Weshalb haben wir gelernt, allen Mystikern der christlichen Geschichte sei das Etikett ‘Schwärmerei’ aufzukleben? “

In der Tat. Der Pastor meiner Freien evangelischen Gemeinde pflegte manchmal zu sagen: “Wer Gott im Wald sucht kann sich auch vom Oberförster beerdigen lassen”. Unter Protestanten schien das Thema verpönt, sofern es überhaupt jemandem was sagte. Meine Generation bemühte sich eher um die Verschnürung des christlichen Glauben in eine VIVA-konforme Popverpackung. Doch das genügte mir irgendwann nicht mehr. Fragen tauchten auf. Eine Sehnsucht nach der Tiefe.
Noch schlimmer war es in der Baptistengemeinde meiner Kindheit, wo von geistlicher Sensibilität erst gar keine Rede sein konnte. Ein großer Teil dieser fundamentalistisch-evangelikalen Gruppierungen erträgt den Gedanken des Geheimnisvollen und Widersprüchlichen nicht und unterstellt jeder Form von Spiritualität, die über Phrasendrescherei hinausgeht, am liebsten gleich dämonische Machenschaften.
Meine Liste an Vorwürfen an diese letztere Fraktion ist lang. Weit oben rangiert die Furcht vor allem Sinnlichen. Sie haben – und das ist vielleicht das Schlimmste – keinen Sinn für Poesie. Sie lesen die Bibel mit den Köpfen von Juristen, und nicht mit dem Herzen. In das oberstübliche Schubladengefüge dieser Pedanten passt so wenig Sinn fürs Sinnliche dass dort bestenfalls nur Stumpfsinn waltet. Ein mystisches Gottes- und Bibelverständnis (die Bibel ist durchzogen davon) indes setzt sich über Dogmatismus hinweg. Es hat, so meine ich sagen zu können, mehr mit intuitivem, sinnlichem, emotionalem Auffassungsvermögen zu tun, als mit rein geistlich-geistiger Anstrengung. Kein Wunder also, dass es neben der Natur als zweites die Kunst war, die mir ein solches Empfinden eröffnete.

Da war einerseits die Musik von Mystikern alter und junger Zeiten. Das nach der intimsten Anwesenheit Gottes brennende Herz Hildegard von Bingens. Die Klangkathedralen von John Tavener. Die zeitlose Reinheit der Lieder Arvo Pärts. Da waren Liturgie und Ikonen der Ostkirchen, weihevoll und streng. Die verschachtelten Mandalas des Shingon-Buddhismus, gleich einer metaphysischen Kartographie des Kosmos’. Da war der Skulpturkünstler Andrew Goldsworthy, der die Elementarität von Naturlandschaften zu archetypischen Symbolen verdichtet. Da waren Filme wie “Koyaanisqatsi” mit einem Strom an Eindrücken, der den Homo Industrialis in ein Urerleben zurücktaucht. Die hypnotischen Werke Andrej Tarkovskys, wo Kompositionen aus lichtverschmolzenen Erinnerungen Räume öffnen, in denen nach Gott geforscht werden kann. Das Antlitz Renée Falconettis im Stummfilm “La Passion de Jeanne d’Arc”, das wie kein anderes dem des ertragenden Märtyrers nahekommt. Da waren…
Da waren Visionen, die in mich drangen, und die aus mir hervorquillten.
Und da waren diejenigen, die aus einem tiefspirituellen Glaubensverständnis heraus das Reich Gottes leben, wie die Bergeremiten der zeitvergessenen Mönchsrepublik Athos. Oder die Gemeinschaft der Mönche von Taizé, an deren liebevollen Glaubensleben Millionen Jugendliche teilhaben. Oder jene japanischen Christen im Asian Rural Institute, mit ihrer Ergebenheit gegenüber allem Lebenden, welche aus östlicher Grundwahrnehmung zusammen mit der Landarbeit reifte.

Dies alles hat der Art, wie ich Gott und die Welt wahrnehme, nach und nach ein neues Vokabular gegeben. Meine Art zu beten verändert. Die Schwerpunkte verschoben. Nachhaltige Kräfte geweckt. Dafür bin ich dankbar.
Mystik ist weder als häretische Sackgasse noch als weltfremdes Eigenbröteln in einer geistigen Klause zu verschmähen. Sie ist mein Vorschlag, um in dieser Epoche, in der Ökonomie wie Technologie das Menschsein zu vergiften am Werke sind, einen legitimen Glauben zu leben der sowohl Verstand als auch Herz und Sinne be-geistert. Ich befinde mich noch ganz am Anfang meines Glaubens und stolpere, aber voran. Noch hinken meine Worte, um zu beschreiben, was mich die Berührung mit Gott erleben lässt. Aber ich bin auf dem Weg, in die Poesie, die Erotik des Glaubens.

“… Ich schaute zum Fenster hinaus und fand den Abendhimmel voller milder Farben und mit Wolken getupft. Wie kann ich leugnen, dass Gott mitten in diesem Abendhimmel ist? {…} Begegne ich Gott nicht in den unscheinbaren Momenten? Spricht er nicht hier zu mir und erteilt mir die Kraft seiner Heilung? Gott ist im ermutigenden Wort eines Freundes. Im Lächeln eines Fremden. In den gelben Blättern, die der Herbstwind von den Bäumen fegt. In der Träne eines Kranken, der innerlich kämpft. Gott ist im Tee.”

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