Ein Abend mit dem UFO-Photographen Sakamoto Hiroshi

Ich hatte gestern schon gehofft, auf Ono Yôko zu treffen, aber die gestrige kleine Veranstaltung in der Galerie Raku in meiner Universität entlarvte sich als Mogelpackung – es handelte sich lediglich um eine Namensvetterin der Lennon-Witwe, eine Studentin, die unter dem Titel “Warum existieren UFOs?” zu einem surrealen, aber nicht unamüsanten Vortragsabend geladen hatte. Vier Gäste präsentierte die “falsche” Ono: Sakamoto Hiroshi, einen UFO-Forscher, seine Frau Mikie, den frankojapanischen Studienabbrecher Charles Menager, und sich selbst. Wie sich im Laufe des Abends herausstellte waren Charles und Yôko ein Paar und hatten offensichtlich längere Zeit mit Herrn Sakamoto verbracht.
Vor dem Vortrag konnte man sich mit den ausgestellten UFO-Photos von Charles und den Kinderzeichnungen von Herrn Sakamoto einstimmen. Bunte Bleistiftbilder zeigten frühe Kontakte mit amphibienartigen Raumschiffen, halbnackten Frauen, die metallenen Flugscheiben entsteigen, und anderen Wesen. In den folgenden zwei Stunden schilderten die vier Redner ausführlich ihre Begegnungen der Dritten Art, zwei Stunden, die mit zu den bizarrsten dieses Jahres gehörten. Charles hatte bei einem Flug nach Kambodscha einen Drachen erspäht, Ono Yôko stand eines nachts Auge in Auge einem grünäugigen Außerirdischen gegenüber, doch der Mittelpunkt des Abends bildeten die ausschweifenden Weltraumreiseberichte von Herrn Sakamoto.

Der 63jährige – noch vor der Geburt von der Hiroshima-Bombe verstrahlt – wurde seit seiner Kindheit von Außerirdischen besucht. Anfangs erschienen sie vorwiegend in Scheiben und monsterartigen Flugkörpern, dann stiegen sie auf Zylinder um. In letzter Zeit seien öfter Flugwürfel zu beobachten, von denen einige nur wenige Centimeter messen. Seitdem er 1950 das erste Mal mit außerirdischen Besuchern in Berührung kam, boten sich zahlreiche mehr oder weniger freiwillige Reisen zu fernen Planeten. Im Laufe der Zeit wurden ihm nicht nur große Mengen an kosmohistorischem Wissen ins Hirn geflößt (ein Prozess so intensiv, dass er ihn nur zwei Minuten aushalten konnte, ihm aber einen IQ-Wert von 200 bescherte), sondern auch ganze Organe ersetzt. Mit ausgetauschten Zellen ist sein Körper nun immun gegen Krebs, und sein Blut von unbekannten Stoffen durchsetzt. Da wunderte es auch nicht, dass es unter den Außerirdischen keine Krankheiten gibt und abgetrennte Gliedmaßen sofort nachwachsen.
Das Weltraumreisen ist allerdings kein Vergnügen. In den Raumschiffen gibt es zwar 1200 verschiedene Apparaturen, wie zum Beispiel Stoffumwandler und telepathische Steuerung, aber keine Sitzgelegenheiten. Während der Reisen pflegen die kleidungslosen Außerirdischen zu stehen, was für Menschen schnell unbequem werden kann (er selbst besitzt ein gigantisches Raumschiff, das von 1000 Außerirdischen gesteuert werden muss). Besonders für Männer ist das Sternenreisen erschöpfend, denn diese klassifiziert Sakamoto zu den niederen Lebensformen, Frauen dagegen gehören zu Lebensformen höheren Grades (hier klang ein leichter Rassismus an). Aus diesem Grund gibt es unter den Außerirdischen auch gar keine männlichen Exemplare. Kein Wunder also, dass er es oft mit weiblichen Humanoiden zu tun hatte. Darunter auch mit der legendären Herrscherin Himiko und deren Schwester, denn die Menschheit selbst stammt von den Außerirdischen ab, und sie verwenden – und das ist Glück für Herrn Sakamoto – im ganzen Universum Japanisch als Verkehrssprache. Sie sind also mitten unter uns, und um uns, benützen die Erde als Versuchslabor und beschützen sie zugleich (etwa mit Militärstationen auf dem Jupiter), denn nichts ist den extraterrestrischen Zivilisationen so wichtig wie das Leben an sich.
Es hatte allerdings auch Pläne gegeben, die Erde zu “rekonstruieren”. Auf der neuen Erde hätte sich die Zahl der Menschen auf wenige Millionen beschränkt, aber auf Sakamotos Bitten hin ließen sich die Außerirdischen umstimmen. Als Ersatz wurde im Mittelpunkt unserer Galaxie eine zweite Erde errichtet, auf die bereits zwei Millionen Leute umkolonisiert wurden. 50% davon seien Juden, der Rest Amerikaner, Russen, Franzosen und Engländer. Japaner seien noch keine dort. Da fällt mir auch folgender Moment ein:

Sakamoto: Alle Kunst wurde den Menschen von den Außerirdischen beigebracht.
Charles: Die großen historischen Personen sind dann auch mit Außerirdischen im Kontakt gewesen… Leonardo da Vinci, Picasso…
Yôko: … Hitler!
Sakamoto: Ich habe Hitler getroffen. Er lebt auf einem Stern mit sehr vielen Juden zusammen.

Ein wenig erinnerten Sakamotos Abenteuer an die Mondfahrt des Barons von Münchhausen. Doch wegen der Ernsthaftigkeit seiner Frau und ihm gab ich einen wissenschaftlich fundierten Widerspruch rasch auf und genoss die Geschichten als Geschichten. Von Dinosauriern, die in Wahrheit behaart waren, von Subraumtunnels, die das Reisen über kosmische Distanzen ermöglichten, von Diamanten, die auf fernen Müllhalden lagerten und er in seiner Vorliebe für Kristalle mitgehen zu lassen versuchte, von Pyramiden, Flying Rods, Schweinegrippe, Roswell, usw usf.
Schließlich habe er auch nach Gott Ausschau gehalten. Die landläufig bekannten Götter und Buddhas seien alle außerirdische Lebewesen der Superklasse und zählten deswegen nicht. Da er den wahren Gott in diesem Universum nicht finden konnte, sei er in das nächste gereist, und von dort in einhundert weitere Paralleluniversen. Dort fand er ein frisch-geborenes Universum kurz nach dem Urknall vor, nicht aber Gott, weswegen er seine Existenz bestreite. Im übrigen brauche niemand Angst vor den Aliens zu haben. Wer ein reines Herz habe, könne sie sehen. Herr Sakamoto schloss damit, dass die Außerirdischen der Superklasse durch extreme Kopflastigkeit ein langweiliges Leben führten und die Erde ein wunderbarer Ort sei, denn Fernsehen, Unfälle und Kriege trügen zur Abwechslung bei.
Gegen Schluss war es Zeit für Videoaufnahmen von Sakamoto und Charles. Man sah flackernde Lichtpunkte in der Dunkelheit und Sonnenlicht reflektierende Insektenschwärme. Unscheinbare Aufnahmen von Flugzeugen, Helikoptern, Vögeln zählten als UFOs, die zur Tarnung ihre Form verändert hätten. Die Experten erfreuten sich insbesondere an Pixelstörungen des Videomaterials, die sie kurzerhand zu “digitalen Lebensformen” und UFOs des Würfeltyps umerklärten. Sakamotos Panasonic-Kamera hatte ganz offensichtlich Unmengen an UFOs aber noch keine Reinigungskassette von Nahem gesehen.
Wer dachte, dass sich der bizarre Abend nicht mehr steigern ließe, wurde bei der kurzen Fragerunde eines besseren belehrt. Im Publikum befanden sich fünf bis sechs Zuhörer, die ebenfalls etwas gesehen hatten. Ein Hippiemädchen ergriff die Gelegenheit, ihr einziges UFO-Photo umherzureichen. Ein filzig-langhaariger Mittvierziger in orangenen Jeans stellte sich als hauptberuflicher Schaman vor und fühlte sich mit seinen UFO-Sichtungen hier gut aufgehoben. Ein ebenso langhaariges Mädchen fragte, wie sich die Außerirdischen fortpflanzten, wenn es nur weibliche gebe. Dies sei durch Austausch von DNA problemlos möglich, antwortete Sakamoto. Das verhindere jedoch keinen Geschlechtverkehr, er selbst hatte mit 10 000 verschiedenen Spezies Sex  gehabt. Als kosmischer Weltenretter muss man auch zu Opfern bereit sein.

Es war ein unterhaltsamer Abend voller interstellarer Abenteuer, den uns Fräulein Ono Yôko beschert hatte. Meine Freundin und ich schauten uns noch ein paar der Photos an und verließen die essenden Gäste. Charles Vater hatte Pfannkuchen vorbereitet.

Sakamoto Hiroshi besitzt ein Blog.

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