Weihnachten in Japón, Folge 4

Frohe Weihnachten an alle! möchte man gerne wünschen, doch von weihnachtlicher Stimmung kann hier, im Archipel der Eitelkeiten, wenig Rede sein. Wer wie unsereins Heiligabend mit bittersüßen Familientreffen in einer von Karel Gott-Kassetten eingeweichten Konsumatmosphäre asoziiert, aber auch mit besinnlichen Gottesdiensten, Weihnachtsmarktgängen mit Freunden und allgemein wohltuender Winterdunkelheit, wird für die amerikanisierte Christmas-Marketingmaschinerie in Japan nur wenig übrig haben. Nicht etwa, dass ich den Weihnachtstraditionen anderer Länder nicht aufgeschlossen sei – es ist bloß so, dass es in Japan keine Tradition in dem Sinne gibt. Zusammen mit St. Valentine und Halloween bildet Kurisumasu das höchste der drei importierten US-Feste. Eine Fake-Tradition also. Was wird es als nächstes sein? Happy Hanukkah?

Im Westen steigert sich jährlich das Geheule um die kommerzielle Aushöhlung der christlichen Feiertage (auch Jammern gehört zur Tradition), doch wer wissen mag, wie die vollkommene Umwandlung eines religiösen Datums in einen sinnentleerten Shopping-Motor aussieht braucht sich nur in einer japanischen Einkaufspassage umzuschauen. Hierzulande bietet Weihnachten in erster Linie Vorwand für einen romantischen Geschenkeabend für Pärchen oder den Freundeskreis, den man rotbemützt zu Mariah Carey-CDs und Kentucky Fried Chicken-Chicken um Plastebäume im Miniaturformat verbringt. Die unhinterfragte Übernahme amerikanischer Sitten – findungsreiche Strategie des Einzelhandels, Anzeichen für den Untergang nationaler Identität, oder schlichtweg hirnloser Spaß? Unheimlich ist es schon, wenn im November jeder Supermarkt uns mit X-Mas-Schlagern in Konsumstimmung zu polen versucht und an jeder Ecke sich  ein Santa Kloß aufdrängt.

Die Kirchen bemühen sich natürlich, den “wahren” Sinn des Weihnachtsfestes zusammen mit dem Evangelium unter die Leute zu bringen. Es ist die Zeit der offenen Parties und Konzerte. Auch ich kann dem sentimentalen Zwang, wenigstens ein bisschen an Weihnachtsflair abzubekommen, nicht widerstehen und suche jedes Jahr eine Kirche auf. Gestern Abend war es das nahe Christian Fellowship Center, in das ein Missionarspaar geladen hatte, das ich jeden Freitagabend für Curry und Gespräche mit anderen ausländischen Studenten besuche. Ich kenne das CFC von früheren Besuchen. Die Hälfte der Mitglieder sind Ausländer, vor allem Doktoranden und Forscher an der Uni Kyôto. Ich genieße die internationale Gesellschaft, bleibe den Gottesdiensten jedoch wegen der konservativen Richtung fern.

Meine Freundin und ich nahmen also am dreistündigen Weihnachtsprogramm teil. Die erste Hälfte bestand aus Gesang und Reden, der zweite aus einem gemeinsamen Essen. Vielleicht lag es am Rahmen des Abends – es war ja kein Gottesdienst im strengen Sinne – der mich etwas irritierte. Die “Message” des charmanten philippinischen Gastpastors, der einer internationalen Gemeinde im Westen der Stadt vorsteht, fiel erschreckend seicht aus, nicht mehr als ein Aneinanderreihen evangelikaler Kafeetassenslogans. Das dogmatische Fundament der evangelikalen Leiterschaft hierzulande scheint aus einem Katalog von lebensfernen Merksätzen zu bestehen. Dafür, dass mehrmals das Unwissen der Japaner über das “wirkliche Weihnachten” belächelt wurde, kam mir das Festklammern um die fromme Form des Abends und das zwanghafte Verbreiten ihres amerikanischen Glauben nicht weniger verdächtig und der japanischen Kultur gegenüber unsensibel vor.

Doch der bessere Teil des Abends folgte bald: Geselligkeit bei gutem Essen. Es gab Gelegenheit zum Austausch mit vielen Nationalitäten. Die Klapptische bogen sich unter den Mengen an Nudel- und Reisgerichten, Salati, Aufläufen, Sandwiches und Desserts. Auch meine Freundin und ich hatten etwas zur Nachspeise mitgebracht. Viel Zeit zum Feiern ließ uns die Organisation leider nicht. Die Programmwächter setzten der Veranstaltung nach verstrichener Frist ein abruptes Ende und erlaubten uns nicht, den Abend bei tiefen Gesprächen und reicher Mahlzeit ausklingen zu lassen und am Ende vielleicht ein spontanes Weihnachssingen anzustimmen. Im Nu verpackten Hausfrauenhände emsig die Speisereste in Plastikbehälter und -folien. Die so entstandenen Feiertagsrationen wurden an die Gäste verteilt. Für meine Freundin und mich reichen sie einen ganzen Tag aus.

Wer in Kyôto niveauvoll westliches Weihnachten erleben will, dem sei die Messe in der katholischen Kirche in Kawaramachi empfohlen:  die Atmosphäre ist feierlich, die Musik pompös und das abschließende Singen unter Kerzen besinnlich. Fast wie in Deutschland. Mit etwas Wehmut also doch: Gesegnete Weihnachten und ein frohes neues Jahr!

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