Das Boot fährt weiter

Seit gestern bin ich in Tsukuba, 60km nördlich von Tôkyô, im Haus meines Oheims. Ihm, seiner Frau und den drei Basen Gesellschaft leistend lasse ich das Jahr ausblenden, fernab von Schneideräumen, Bewerbungsstress, Bühnenaufnahmen. Hier in Tsukuba zeigt sich der Winter von einer freundlicheren Seite als im knochenklirrenden Kyôto. Eine milde Wintersonne wirft lange Schatten auf die flache Landschaft. Übermorgen reisen wir ab, nach Iwate und dann nach Akita. Neujahr in der Provinz.

MMIX in zwischen Wahn und Ekstase oszillierenden Schlaglichtern. Anfang des Jahres stand ich kurz davor meinen Glauben zu verlieren, hörte aber rechtzeitig haSchem und bekam die Kurve noch. Die geistige Inventur ließ mich für den Rest des Jahres etwas leer dastehen. Ich fand Geschmack an Thai-Curry, Tantan-Men, Nattô und Caffelatte. Alte Freunde verheirateten sich oder bekamen Kinder. Als Deutschlehrer übersetzte und korrigierte ich bis zum Ende des Sommers Texte und half meinen Sprachpartnern bei ihren Reisen und Studien. Im April begann ich, ernsthaft eine Anstellung zu suchen, bis mich mein Abschlussfilm 24 Stunden pro Tag (weil auch in meinen Träumen) in Anspruch nahm. Allerdings filmte ich – verglichen mit den Vorjahren – nur wenig. Dagegen arbeitete ich oft für Freunde an der Kamera: ein Musical, ein Spielfilm, mehrere Bühnenstücke, und ab und zu mal Tonaufnahmen, Licht und Stimmenspiel. Zum Schluss schrieb ich noch ein paar Seiten Web.
Ich verbrachte irrsinnig gute Tage in Deutschland und Korea, fand mich bei einem Dreh in Tôkyô wieder und besuchte die Familie meiner Freundin in Yamaguchi. Ein Kunstfestival lockte uns auf den Berg Kôya. Wöchentliche Treffen mit anderen ausländischen Christen sorgen für mentalen Ausgleich, denn Japan 24/7 lässt einem bald den Kopf platzen. Ich wurde TED-Übersetzer. Ich sah meine erste Sonnenfinsternis. Sichere Highlights: Ausstellungen von William Kentridge, Miwa Yanagi und Ai Weiwei. Es gab einen Geldpreis für herausragende Schulleistungen. Ich wurde für “spiegeltief” in der Uni-Zeitschrift Uryû-Tsûshin vorgestellt.  Mehr und mehr halte ich mich auf dem Takahara Campus auf, gehöre irgendwie zu den Leuten, denen man täglich über den Weg läuft. Man weiß inzwischen Freunde von Kommilitonen zu unterscheiden.

Bester Film: Ai no Mukidashi / Love Exposure. Beste Musik: 17 Hippies, Element of Crime, Hikashû, Stereo Total, Michael Jackson, Beethoven, und seit gestern Abend Shiina Ringo. Und die Welt: Acht düstere Bush-Jahre sind mit einem Jahr Obama nicht zu glätten, aber es herrscht doch eine frische Luft, als sei ein Fenster aufgerissen worden. Auch der Regierungswechsel in Japan weckt leise Hoffnung, dass es hier irgendwann einmal demokratisch zugehen wird. Im Widerspruch dazu ließ ich die Bundestagswahl links liegen. Twitter und die Schweinegrippe erwischten mich nicht. Copenhagen zeigt endgültig, dass sich Politiker um das Schicksal des Planeten nicht scheren –  wenn doch Michael nur hier wäre…

BlueWaves

2009 als Irrfahrt zu beschreiben ist angemessen. Es passt im Rückblick auch, dass ich ausgerechnet dieses Jahr zum ersten Mal Homers “Odyssee” durchlas. Mit kleinen Ruderschlägen ins nächste Jahr, wo mich die Wellen, wer weiß an welchen Strand werfen. Der Wind weht, ich muss die Segel setzen. Die Galeere nach Aiaia darf mich nicht kriegen.

Leave a Reply