“John Rabe” – Das Nanking-Massaker im Film I

“John Rabe” / 2009. Deutschland, Frankreich, China / Florian Gallenberger / 130 Minuten / Spielfilm

China im Dezember 1937. Der gebürtige Hamburger John Rabe (Ulrich Tukur) leitet die Siemens-Fabrik in der Hauptstadt Nanking. Nach über 30 Jahren im Ausland kehrt er bald nach Deutschland, das inzwischen Nazideutschland ist, zurück. Doch dann fällt die japanische Invasionsarmee über die Stadt herein. Rabe fasst Mut und errichtet mit den anderen Ausländern eine Sicherheitszone für die 200 000 Zivilisten, die nicht rechtzeitig fliehen können. Das Siemens-Gelände ist nun ein Flüchtlingslager.  Der japanischen Willkür trotzend kämpfen Rabe und sein internationales Sicherheitskommittee wochenlang um Nahrung und Schutz für die Bevölkerung. Als “lebender Buddha” verehrt, kehrt er schließlich – mit seiner Frau, die er für tot gehalten hatte – nach Deutschland zurück, kurz bevor die Besatzer die Zone zu stürmen drohen.

In Roman Polańskis Holocaustdrama DER PIANIST (2002) gibt es folgenden einprägsamen Moment. Der Protagonist irrt über einen von elenden Gestalten besuchten Platz des Warschauer Ghettos. Vor seinen Augen kommt es zu einem Streit zwischen einem ausgehungerten Greis und einer Frau. Der Greis entreißt der Frau einen Topf mit Grütze. Der Topf fällt zu Boden, sein Inhalt quillt auf das schmutzige Straßenpflaster. Der Mann stürzt sich auf die verschüttete Grütze und schiebt sie sich in den Mund, ohne sich von den Schlägen der verzweifelten Frau stören zu lassen. Dieser kurze Moment spricht Bände über das Leben im Ghetto und es braucht das erfahrene Auge eines talentierten Regisseurs wie Polański, um sie zu erkennen und in eindringliche Filmmomente umzusetzen. Es mag der mangelnden Erfahrung des Regisseurs Florian Gallenberger oder einer unsicheren Produktion zu schulden sein, dass es JOHN RABE genau an dieser unpathetischen Reife mangelt und er stattdessen zu einer Aneinanderreihung von Klischees aus dem Hollywoodschulbuch missraten ist.
Wenn das Kino Vergangenheit zum Leben erweckt ist es üblich und nötig, bestimmte Figuren und Ereignisse auszulassen, hinzuzudichten, oder auf geschickte Weise zu raffen, so dass ein Charakter mehrere historische Gestalten auf einmal vereint, oder mehrere kleine Episoden zu einer großen zusammengefasst werden. Das Kino als eine Kunst des Erzählens ist auf diese Freiheit angewiesen. Da schadet es nicht, wenn in Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS einmal das gesamte Naziregime samt Hitler in einem großen Knall untergeht. Eine zu penible historisch-akkurate Darstellung kann leicht zu einem pointenlosen Abhandeln von Ereignissen (siehe DER BAADER MEINHOF KOMPLEX) geraten – kein Film, sondern bloß Verfilmung.

Der junge Regisseur Florian Gallenberger will erzählen, und zwar von dem guten Deutschen von Nanking, dem Fabrikchef John Rabe. Ein Nationalsozialist, der im kriegsgebeutelten China 200 000 Menschen vor einem Massaker bewahrte? – Das ist ein Stoff fürs Weltkino und man merkt dem Film die Ambition an, mit der er in die großen Fußstapfen von SCHINDLERS LISTE zu treten wagt. Da krachen die Fliegerbomben und kostümierte Menschenmassen dürfen die sich bewegende Weltgeschichte mimen. Viel Schall, viel Rauch und natürlich der obligatorische 30er-Jahre-Pattenspieler. Doch leider rutscht Gallenberger die Balance zwischen erzählerischer Freiheit und historischer Genauigkeit aus den Händen. Es ist die große Sünde dieses Films, der sich mit Dokumentarschnipseln um Authentizität bemüht, und hochkarätig besetzt ist, dass er der Kraft roher Geschichtsschilderung nicht vertraut, den Zuschauer stattdessen mit forciertem Drehbuchpathos zu großen Gefühlen zu bewegen versucht.
Dazu gehören der kitschige Abschied von Rabe und seiner Frau am Hafen, und der zum Ende hin mit Mühe zugespitzte Konfrontationsmoment zwischen Zonenflüchtlingen und der japanischen Armee. Dazu gehören das “Guter Nazi-Böser Nazi”-Schema, und ein von Gewissensbissen geplagter japanischer Major. Mit solch ausgelutschten Operettenideen, untermalt von ausgelutschter Musik, die man von ZDF-Fernsehfilmen gewohnt ist, mag Gallenberger den Vorstellungen der Filmakademien vom “großen Kino” entsprechen, verdirbt aber letztlich einen spannenden Stoff. Wenn man John Rabes Tagebuch – auf das sich der Film stützt- ohnehin kaum beachtet, sollte man die daraus falsch zitierende Erzählerstimme Ulrich Tukurs lieber ganz auslassen und den Zuschauer mit so originellen Sätzen wie “Wir sind jetzt völlig von der Außenwelt abgeschnitten” doch lieber verschonen. Auch andere Freiheiten, wie etwa die Umwandlung der couragierten amerikanischen Rektorin Minnie Vautrin, die damals für die Studentinnen des Ginling Girls Colleges ihr Leben aus Spiel setzte, in eine “Madame Dupres”, sind unverständlich.
Ich frage mich, warum die Filmemacher zu solch billigen Mitteln greifen, wo es dem Nanking-Tagebuch des historischen Rabe an drastischen Augenblicken nicht mangelt, und das bei aller deutscher Kleinlichkeit nicht frei von Gefühlswallungen ist. Er und seine Leidensgenossen dokumentierten 1937/38 gewissenhaft die Zerstörungswut und den Terror der marodierenden Soldateska in Tagebüchern, Telegrammen, Briefen:

“7ter Januar
Während meiner Abwesenheit ist heute vormittag um 10 Uhr ein japanischer Soldat in meine Dienerräume eingedrungen. Die Frauen und Mädchen sind schreiend in meine Wohnung gelaufen, von dem Soldaten bis in die Dachstube verfolgt, wo ihn ein mich zufällg besuchender japanischer Dolmetscher-Offizier stellte und dann hinausbeförderte. An diesem Vorfall kann man ermessen, wie es um die Sicherheit in europäischen Häusern heute, 26 Tage nach der Einnahme der Stadt, in Nanking bestellt ist. […]
Eine andere Frau aus der gleichen Gegend, die mit ihrem Bruder in einem unserer Lager untergebracht wurde, hat ihre Eltern und drei Kinder verloren, die alle von den Japanern erschossen wurden. Für ihr letztes Geld kaufte sie einen Sarg, um wenigstens den toten Vater zu begraben. Japanische Soldaten, die davon Kunde erhielten, rissen den Deckel vom Sarg und warfen den Leichnam auf die Straße. Chinesen brauchen nicht begraben zu werden, war ihre Erklärung.”

Apropos. Kritisch auch die Kriegsdarstellung, bei dem sich JOHN RABE verhältnismäßig zurückhält. Verhältnismäßig deshalb, weil die Spielfilmszenen den Eindruck des unbeschreiblichen Chaos’ von zehntausenden flüchtenden Menschen, das die vereinzelten Einschübe der Filmdokumente andeuten, nicht aufrechterhalten. Die lebenswichtige Rolle des Sicherheitskommittees wird nur mit Wissen um das Ausmaß der Verbrechen verständlich, doch der uninformierte deutsche Zuschauer  bekommt dies nur unzureichend vermittelt. Nein, es geht nicht darum, Massenmorde und -vergewaltigungen noch schockierender zu bebildern. Aber ein Film, der dem Vermächtnis Rabes gerecht werden will, darf sich nicht in frei erfundenen, selbstdienenden Nebenplots verlieren. Leider dominieren vor allem solche kammerspielhaften Dramoletten die zweite Hälfte des Geschehens: Rabe und der Klinikleiter Dr. Wilson kumpeln sich an, man feiert Weihnachten, Rabe wird krank und gepflegt, usw.
Befremdend auch Gallenbergers Desinteresse an jenen, die am meisten unter der Besatzung zu leiden hatten: die chinesische Zivilbevölkerung. Er behandelt sie mit der gleichen kolonialen Überheblichkeit wie Rabe zu Beginn des Filmes. Distanziert, exotisierend. Eine naive Masse, die man erziehen muss. Selbst die etwas wichtigeren chinesischen Rollen, Sekretär Han und die Studentin Langshu, geraten zu Schablonenschnitten. Hier der stoische Diener, da die schöne Orientalin. Zwischen ihr und Doktor Rosen muss sich vorhersehbarerweise auch eine Romanze anbahnen. Die gleiche eindimensionale Darstellung erfahren die japanischen Soldaten, die schön böse aussehen.

Es gelingt dem Film einigermaßen mit Ulrich Tukur dem widersprüchlichen Charakter des durch 30 Jahre im Ausland etwas schrullig gewordenen Rabe ein Gesicht zu verleihen. Er besitzt nur eine undeutliche, eher einem Wunschdenken entsprungene Vorstellung von seinem Heimatland. Seine humanitäre Gesinnung überstrahlt letztlich den naiven Glauben an Hitler. Biographien wie die von Oskar Schindler und John Rabe zeigen, dass nicht die Naziplakette einen schlechten Menschen macht, sondern seine Taten. Trotzdem bleiben er und sein Ensemble für Regisseur Gallenberger unter dem Strich Filmlegendengestalten, die sich nur lose an der Historie entlanghangeln. Solange es sich um einen guten Film handeln würde, wäre das kein Problem. Leider bemüht sich JOHN RABE zu sehr,  großes Weltkino zu sein, und drängt sich in seiner glatten Inszenierung von Betroffenheit dem Zuschauer geradezu auf. Die Erinnerung an einen lebenden Buddha, die zeigt, dass das Massaker von Nanking auch ein Stück deutscher Geschichte ist, ist in dessen beim Goldmann-Verlag erschienen Tagebuch John Rabe vorerst besser aufgehoben.

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Offizielle Webseite zum Film

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