Zielgerade

Als habe man alle Zeit der Welt: mit dem Notebook im Uni-Café sitzen, lesen und schreiben. Die Sonne rutscht mühelos ein wolkenloses Blau herab. An den Tischen ringsumher die bekannten Cafégestalten. Da ist der buckelige kleine Herr, der neulich abends noch laut singend den Fahrradstand ablief und nun ein Buch mit Kalligraphien durchblättert. Hinter einer anderen Säule sitzt der geheimnisvolle Endzwanziger, die Kammzinken seines dünnen Oberlippenbartes stechen bis zum Kinn hinab, er streift jeden Tag im gleichen fliederfarbenen Pullover die Uni nach Lesbarem durch, um sich die Taschen mit  kleinbeschriebenen Notizblättern zu füllen. Herr Li wie immer mit Schlapphut und Militärjacke, draußen, wo das Rauchverbot endet, umschmeichelt von Katzen, die er heute ignoriert. Auch ich habe meinen Stammplatz belegt, auf den grauen Polstern, froh, dass ich den gestrigen Tag nicht im Schneideraum verbringen musste und mal mehr als drei Stunden Schlaf/Nacht abbekam.

Mit zwei Firmenbesichtigungen in Ôsaka und Hyôgo und dem endgültigen Abgabetermin meines Abschlussfilmes gelangte ich diese Woche an die letzte Station vor dem Gipfelkreuz. Mein Abschlusswerk LIFE ON SIRIUS (meine Diplomarbeit sozusagen) ist zu 95% fertiggeschnitten und zu 100% eingereicht. Nächstes Wochenende findet die Vorführung statt, vor dem versammelten Jahrgang und der Dozentenschaft. Ein dreitägiger Kurzfilmmarathon mit offenem Ausgang. Es sei mir erlaubt, durch die Vorschusslorbeeren meiner Hauptdozenten Itô und Lee guter Dinge zu sein. Besonders froh bin ich über die harte Arbeit meiner Tongestalterin und die Farben, die ich diesmal mit Synthetic Aperture (einem After Effects-Plugin) erwirken konnte. Anfang Februar wird der Film hochgeladen, in 720p-HD und Farbe.

Endlich fertig mit dem Film nutzte ich den gestrigen Tag für etwas Muße. Eine Freundin von der Bühnenkunst präsentierte für ihre Graduierung eine aufwendige Installation. Leere Stühle, Fenster, die in Fenster münden, ein Frau, die im Dunkeln Beckett vorliest. Danach nahm ich in dem Christian Fellowship Center ein spontanes Interview mit einer Koreanobolivianerin auf, die ich dort abends zuvor kennengelernt hatte. Den Rest des Abends lesen. Heute muss noch eine Bewerbung raus und danach blättere ich mich durch das Material für die Abschlussausstellung unserer Uni im Februar. Nach dem Etappensieg auf der Zielgeraden noch einmal Gas geben.

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Japan, Kyôto. January 24 2010.

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