Antisemantismus No. 1: Shakaijin

shakaijin

Morgen endet mein Studium. Bevor es am Abend mit meinen Kollegen und Dozenten zu einer großen Abschiedsfeier in die Stadt gehen wird, müssen wir vormittags noch die Abschlusszeremonie in der Uni-eigenen Theaterhalle erdulden. Und in den zu erwartenden steifen Reden, die über uns ergehen werden, wird mit Sicherheit das eine oder andere Mal jenes Wort fallen, das uns, wie schon etliche Male zuvor, auf spezifisch japanische Weise an den Ernst des Lebens gemahnen soll: Shakaijin.
Diese Vokabel setzt sich aus “Gesellschaft” Shakai und “Mensch” Jin zusammen und scheint auf den ersten Blick einigermaßen klar zu sein: “Gesellschaftsmensch”, oder einfach “Mitglied der Gesellschaft”. Doch so simpel kann lässt sie sich nicht ins Deutsche übertragen. Als ich ihn die ersten Male hörte, verwirrte mich dieser Begriff. Auf Job-Hunting-Seminaren bemerkte ich Losungen á la “Ein Shakaijin beherrscht die Höflichkeitssprache und quasselt nicht wie ein Student daher” oder “Wenn ihr bald ehrbare Shakaijin sein  werdet, müsst ihr unbedingt dies und das befolgen”. War ich denn nicht schon längst Mitglied der Shakai, wenn auch ein ausländisches, das sich mit Kräften zu integrieren versucht?

Der Gesellschaftsbegriff ist in Japan zwar theoretisch ungefähr gleich umfang- und facettenreich wie in der europäischen Welt, doch im Kontext der Megastädte mit ihrer Konzentration von Kapital und Jinzai (“Menschenmaterial” = Arbeitskräfte) hat sich im allgemeinen Bewusstsein eine Vorstellung herausfokussiert, die vor allem Unternehmen, Arbeiter und Geld als Kernelemente der Gesellschaft hervorhebt. Zur dieser gehören deshalb all jene, die als brave Zahnräder in der Japan AG ihren Lebensunterhalt verdienen, konsumieren und Steuern zahlen. Ist es Zufall, dass die Schriftzeichen für Shakai 社会 ausgetauscht Kaisha 会社, also “Unternehmen”, bedeuten? Man spricht von Japan deshalb auch von einer Kaisha-Shakai 会社社会, eine von Betrieben dominierte Gesellschaft.

Als europäisch Geschulter mutet mir diese Definition von dem, was das Zusammenleben in einem Staat ausmacht, natürlich stark kurzsichtig an. Was ist mit Kindern, Schülern, Hausfrauen, den Senioren, Behinderten, also all jenen, die vielleicht nicht irgendwo bei Mitsubishi oder Sumitomo angestellt sind, aber natürlich genauso dem sozialen Gefüge angehören? Bisher hatte ich angenommen, dass die Geburt einen automatisch zu einem Mitglied der Gesellschaft macht. Der Begriff Shakaijin scheint die einseitige Polung der Menschen in Konsumapparate zu kennzeichnen, die Japan ohne Rücksicht auf nichtmonetäre Lebensinhalte nach dem Krieg so blindwütig verfolgte, und deren faule Früchte (Massenselbstmorde, Freeter, Hikikomori, Mobbing…) es nicht zu verdauen in der Lage ist.

Dass Studenten bei einer solchen Denkweise ebenfalls nicht als vollwertige Mitglieder der Shakai behandelt werden, während in Deutschland Aktivisten die Erwähnung von Kinderrechten im Grundgesetz fordern, um diese “besser in die Gesellschaft zu integrieren”, wird darum nicht überraschen. Das Konzept der Shakaijin weist meiner Meinung nach auch darauf hin, wie sehr die Universitäten von dem Rest der Gesellschaft abgeschnitten sind. Einbindung und Prestige von Universitäten, Akademikern und Studenten sind vergleichsweise niedrig. Die Vorstellung, dass Studenten der Shakai irgendetwas Konstruktives beizutragen in der Lage seien, scheint kaum vorhanden. Sie sind aufgefordert, “in die Gesellschaft hinausgehen” (Shakai ni deru), und zwar als Kaisha-In – Unternehmensangestellte. Und werden dazu in Job-Hunting-Seminaren auf den richtigen Benimm als uniforme Shakaijin getrimmt. Unternehmen fragen Berufseinsteiger so wie gut wie nie nach ihren Noten, sondern legen mehr Wert auf das penible Einhalten von Umgangsformen. Aus eigener Beobachtung ist die Kluft zwischen Studenten und dem, was Jisshakai (“die wirkliche Gesellschaft”) genannt wird, groß. Kein Wunder, dass Studenten hierzulande im Vergleich zu westlichen so wenig an politischen und sozialen Themen interessiert sind.

Vielleicht werde ich morgen dazu aufgefordert “in die Gesellschaft hinauszugehen”. In dem Fall werde ich ablehnen. Gegen einen verkürzten Gesellschaftsbegriff, welcher lediglich Arbeiter als ihre vollwertigen Mitglieder anerkennt, und in der derzeitigen Wirtschaftslage nicht mehr als ein stures Festhalten an der Illusion einer heterogenen Wirtschaftsnation bedeutet, sage ich: Scheiß auf eure Westerwelle-Definition. Diese Gesellschaft ist mehr als ein Geldapparat und ich bin seit jeher ein Teil von ihr. Und ein Shakaijin hat mit der Shakai so viel zu tun wie ein Feldwebel mit ‘nem Gemüsefeld.

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