Und bin so klug als wie zuvor

GraduateParty

Graduate Party. Japan, Kyôto. 2010 March 22nd

Dass ich einmal ein Kunststudium in Japan abschließen würde, hätte ich mir im hirnfossilierenden Alltag am Wirtschaftsgymnasium in Heidelberg nicht träumen lassen. Der wird mal Chef in einem Unternehmen, meinte damals mein Klassenlehrer. Da ich aber seit jeher eher Lego als Malen nach Zahlen zugeneigt gewesen bin, stehe ich seit Montag letzter Woche mit einem frischen Bachelor of Fine Arts da. Künstler bin ich deshalb leider nicht geworden. Jedoch einer, der mit geschärften Sinnen hinter die Dinge zu blicken versucht, etwas in sich wachsen lässt, und Bilder, Töne und Lichter herauffischt um sie mit andern zu teilen.

Um ehrlich zu sein, stand Kunst nie explizit im Mittelpunkt meiner Interessen. Bin keiner, der jeden Tag neu mit spritzigen Einfällen aufwartet oder einen Eimer Farbe an die Wand wirft und sie signiert. Ich war einfach an Design und Film interessiert und wollte – weil ich Christ aus Liebe bin – ein spirituelles Kino schaffen, Filme, die die Zuschauer auf Reisen mitnehmen.
Inzwischen weiß ich, dass dieses spirituelle Kino schon lange da ist. In den Filmen von Andrei Tarkowski, Pedro Costa, Sergei Paradschanow und vielen anderen. Und nicht nur die Werkmeister des Kinos, aber auch Künstler wie Arvo Pärt, Meredith Monk, Paul Celan oder Hijikata Tatsumi halfen mir auf dem Weg. Die Berührungen mit diesen Persönlichkeiten erweitern Horizonte, sie schulen die Empfindlichkeit für Schönheit, Mitgefühl, die Wertschätzung des Lebens, das Göttliche. Vielleicht ist Kunst im Kern spirituell, weil sie dem Urgrund des menschlichen Wesens entstammt: dem Funken Gott, den jeder in sich trägt. Jener kreativer Funke, der unsere besten Qualitäten aufflammen lässt. Ich weiß es nicht. 
Zeitweise fühlte ich mich weit weg von jener Geistlichkeit, so wie auch meine Glaubensfundamente in den vier Jahren radikal erschüttert wurden. Eine Zeit des Zweifelns, eine Zeit, in der ich eine Umwälzung meiner Weltbilder zulassen musste.

Im dritten Semester verstarben gleich drei meiner Dozenten, darunter der Avantgarde-Dramaturge Ôta Shôgo und der Dokumentarfilmer Satô Makoto. Der Verlust war ein schwerer Schlag für mein Fach Bild- und Bühnenkunst, das zudem noch eine kontroverse Zerteilung in zwei separate Fächer durchlief. Vor allem der bittere Tod Satô-sans hinterließ in mir ein Loch, das zu überwinden mich anderthalb Jahre forderte. Mehr oder weniger gewollt dominierten ‘Tod’ und ‘Abwesenheit’ meine Videos. Nichtdasein – das große Thema Satô-sans.
Die Beschäftigung mit den dunklen Seiten der Macht Psyche korrespondierte auch mit den Sujets meines Hauptdozenten, dem Experimentalfilmer Itô Takashi: Geister, UFOs und außersinnliche Wahrnehmung kontrastierten krass mit dem praxisorientierten Lehrangebot des neuen Fachs für Spielfilmproduktion. Ich befasste mich mit Jungscher Psychoanalyse und dem Kino von Kurosawa Kiyoshi, und insgesamt dem Gespenstischen, das ich mehr und mehr als Manifestation psychischer Wunden begriff.
Die Reise ins Dunkel ließ sich in meinen Bildern festhalten. Schatten, Gegenlicht, leere Räume. Zwei Photographien von Nojima Yasuzô, die Gemälde von Vilhelm Hammershøi als Inspiration. Die tiefen Schatten bergen Potential. Sie verfeinern die Sinne und lassen das Licht je zerbrechlicher umso schöner hervortreten. Filme stehen unseren inneren Bildern, den Erinnerungen, Träumen, der Kindheit am nächsten, dem, was im Unterbewussten verdrängt wallt. Und sie sind fliehend, wie Musik, nur da, wenn sie passieren. Wenn ich Bilder mache, braucht es Zeit, sie Stück für Stück einzuangeln. Ich recherchiere viel, diskutiere, meditiere, bevor sie sich in schmerzhafter Geburt hervorgestalten.

Trotz dieses introvertierten Suchens vergaß ich nicht das Tagesgeschehen. Web 2.0, Obama, Klimawandel… Doch leider scheint für viele Japaner zwischen Kunst und Gesellschaft ein krasser Graben zu liegen. Dozenten spornten uns zu individuellem Streben an (vielleicht weil man hierzulande sonst nicht wirklich lernt, ein Individuum zu werden), und reagierten häufig verdutzt, wenn man mit der sozialen oder politischen Relevanz eines Themas zu überzeugen suchte.

Im letzten Jahr entschied ich mich, einen Abschlussfilm zu drehen, denn es bot sich die einmalige Chance, bei Weltklasse-Regisseur Lee Chang-Dong tiefschürfenden Filmunterricht zu nehmen. Geschichten aus dem eigenen Leben schöpfen – nach dem vielen Psychokram höchst erfrischend. Der Film war passend geeignet dafür, meine oftmals bizarren Alltagserfahrungen als ‘Fremder’ zusammenzufassen.

Zusammengefasst bin ich froh und dankbar für dieses einzigartige Studium. Und vor allem für die Synergien von Film und Bühne, die mein Fach noch bot, mit so vielen wunderbaren und inspirierenden Kommilitonen, Freunden, Dozenten,  Wegbegleitern. Auch wenn man am Grad der akademischen Ausbildung an japanischen Hochschulen einiges bemängeln darf, möchte ich die Erfahrungen, die ich nur hier in Kyôto machen konnte, nicht eintauschen. Und trotz vieler Unklarheiten auch nicht meinen Kunstabschluss. Lasse ich den Blick zurückschweifen, bemerke ich erstaunt, dass mein ursprüngliches Ziel nähergerückt ist.
Wie es weitergehen wird, steht noch offen. Ich will für die nächste Zeit hier arbeiten. Doch der Bankencrash 2008 hat Japans seit über einem Jahrzehnt vor sich hinkränkelnde Wirtschaft abermals einen derben Hieb verpasst. In den Reden der Abschlusszeremonie versäumte keiner der Vortragenden, uns der Fukyô, der Rezession, wegen zu bedauern. Doch einer sagte auch dies: “Depression” sei eine Zeit der inneren Vorbereitung. Japan durchlebt eine qualvolle Zeit des gesellschaftlichen und ökonomischen Umbruchs. Statt wie viele den Kopf hängen zu lassen oder sich an nationalistische Trugbilder zu klammern, müssen wir die Chance zur Neugestaltung ergreifen. In der Tat, ich glaube das Land braucht dringend eine Generalüberholung. Ob es mir gestattet sein wird, wenigstens einen kleinen Teil beizutragen, keine Ahnung. Aber ich glaube, weniger der Leistungskurs BWL als mein Kunststudium wird für die kommende Menschheit von entscheidender Bedeutung sein.

2 thoughts on “Und bin so klug als wie zuvor

  1. komm nach heidelberg. ich suche einen filmemacher der meine schauspielerischen fähigkeiten erkennt und mir eine maßgeschneiderte rolle anbieten kann. =P

    ach mach ke wind wo ke wasser ist… es wird schon alles gut…
    man kriegt ja depressiva wenn man das liest =)

    rocknroll

    willy

  2. Hajoh, ‘s wedd scho. Schaumer halt weida und wenns net klappt gehts halt zurück und dann kannsch de Hauptrolle spiele, als Burger-Willy. Titelvorschlag: “Hartz aber fair”.

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