Shoe Box

Shoebox

Ein mehrstöckiger Highway, unter dessen farblosen Betonwindungen das weiße Stablicht der sich aneinanderreihenden Convenience Stores pulst. Ein breiter Fluss, der an den von wehender Wäsche gezierten Batterien von Wohntürmen entlang in die Bucht fließt. Ein Zimmer, so groß wie eine Schuhschachtel, zwischen dessen muffigen Wänden sich abermals Buchseiten, Wäschestapel und Erinnerungen zu noch mehr Erinnerungen verschachteln, neu verschachteln, neu ordnen. Seit drei Tagen lebe ich in Tôkyo, das Gästezimmer, das ich mir mit einem indischen Computerfachmann teile, ist für die nächsten paar Monate meine Bleibe, bis ich umziehen kann. Es passt nur zu gut, dass das Viertel, in dem es sich befindet, Hakozaki heißt. Schachtelkap.

Schachteln, Schächte, Schachzüge, die Gott lenkt. An die Wände meines Schädels pochen Worte aus dem Klezmer “Song of Ruth”: She lived inside a shoe box… lost in the wheels of Chicago… a woman that spoke six languages survived as a factory girl… wait for me, and I will come for you…

Zwar fühle ich mich nicht mehr “wie ein Drachen, der ohne Schnur im Wind taumelt”, aber noch lange nicht geerdet. Tôkyô, die Oststadt. Um der unbekannten Stadt ein wenig Vertrauen abzugewinnen übersetze ich mir die japanischen Ortsnamen in deutsche um. Manche lassen sich willig umdrehen. Aus Shinjuku wird Neuenheim, Yotsuya ist das Vierstal, aus Shinbashi wird Neubrücken und Ôtemachi lässt sich nach ein, zwei Biegungen in Prankstadt wandeln. Wenn aus Ueno Oberwilden und Roppongi Sechsbeumen und Aoyama einfach Blauberg wird, fühlt man sich nicht mehr ganz so fremd. Gleich nach dem wüsten Schachtelkap folgt die belebtere Puppenstadt. Die meisten Namen lassen sich allerdings nicht ganz so bequem umdeutschen. Deswegen bleiben Hanzômon und Suitengû-Mae, die Stationen, die mich von jetzt ab täglich ein und aussteigen sehen, von meinen Verdrehungen vorerst unbehelligt.

Noch ist alles neu, vor allem ich hier. Wenn man Freunde trifft oder mit ihnen skypet, geht es besser. Und wenn man betet und die Wände der Pappschachtel von einem Licht erhellen lässt, das lebt.

She hides inside a shoe box earrings and a corsage. A box of receipts and postcards on a shelf in a Chicago garage…

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