Outrage – Der eine macht den andern kalt

“Outrage” / 2010. Japan / Kitano Takeshi / 109 Minuten / Spielfilm

Zwei Yakuzabosse teilen sich die Macht in der Stadt: Ikemoto, unter dem der brutale Ôtomo (Kitano Takeshi) arbeitet, und Murase. Über ihnen steht der alternde “Vorsitzende”. So weit so friedlich. Als eines Abends einer von Ikemotos Leuten in einen Nachtclub Murases übers Ohr gehauen wird, gilt es, Geld und Gesicht zu bewahren. Hasebe entschuldigt sich bei Ôtomo, die beleidigten Untergangster zahlen es sich dennoch heim. Teppichmesser und Baseballschläger sind dabei noch die harmloseren Mittel der sich verkomplizierenden Kommunikation. In der sich nun lawinenartig eskalierenden Gewalt im Kampf um Positionen merken die Banden nicht, dass der Vorsitzende sie gegeneinander ausspielt. Die Polizei ist in das Intrigenschach ebenso verwickelt wie afrikanische Botschafter, und bald weiß man nicht mehr, wer nun wen hintergeht, man verfolgt lediglich die nächsten Ausgüsse an brutalem Einfallsreichtum. Am Schluss hat sich das Feld gelichtet und mit einem neuen Vorsitzenden beginnt das Machtroulette von vorne.

OUTRAGE ist der erste Yakuzafilm Kitano Takeshis nach einer zehnjährigen Pause, in der er mit untypischen Filmen mal mehr, meist weniger kassentauglich sein Image als Auteur lapidar-phlegmatischen Gewaltkinos demontierte. In TAKESHI’S (2005) parodierte er sein bisheriges Oeuvre, im darauffolgenden GLORY TO THE FILMMAKER! (2007) konfrontierte er verdutzte Fans wie Kritiker mit seiner Schaffenskrise. Einzig ZATÔICHI (2003) sticht als Rundumerfolg heraus.

Auf dem ersten Blick schaut OUTRAGE aus wie der Film, auf den alle gewartet haben: Kitano beherrscht das Yakuzagenre wie im Schlaf, die Bilder sind elegant wie nie und wie in seinen früheren Werken in kühles Blau getaucht. Harte Jungs in Designeranzügen ballern dem Zuschauer den Kopf rauchig. Und wie so oft ist die Ausweglosigkeit aus einer sich immer schneller windenden Gewaltspirale, die nichts als Leere hinterlässt, das Thema. Doch was zunächst wie eine Rückkehr Kitanos in vertrautes Terrain erscheint ist in Wirklichkeit der Final Cut, mit dem er sich von seinem früheren Schaffen einerseits loslöst, es andererseits gelungen bündelt.

Zunächst fällt auf, dass Kitano seine früheren Stammschauspieler mit einem Spitzenensemble neuer Gesichter ausgewechselt hat. Sie mimen keine schweigenden Gestalten mehr, die darauf warten wie Vulkane auszubrechen oder in unschuldigen Momenten am Strand herumalbern. Stattdessen fluchen, prügeln, tricksen sie was das Zeug hält. Die Schnitte sind gerafft, die Handlung verläuft Schlag auf Schlag. Bei einer wackligen Verfolgungsjagd quietschen die Reifen. Und als hätte DJ Crush mit 80er Jahre-Platten experimentiert präsentiert sich der Soundtrack minimalistisch, als harte Mischung aus elektrisch-zersplitterten Beat- und Noise-Ketten.

Auch inhaltlich vollzieht OUTRAGE den Wechsel. Der Film versenkt den Mythos der Yakuza als Verbrecher von Ehre eher als ihn zum x-ten Mal zu feiern. Zwar ließ Kitano auf ähnlich nihilistische Weise seine Figuren schon in BROTHER (2000) untergehen, erkannte ihnen jedoch noch archaische Kriegerprinzipien (stoische Ruhe, blitzschnelle Gewalt, Loyalität bis zur Selbstverleugnung) an. Dem Ensemble aus kleinen wie großen Kriminellen in OUTRAGE wird genau dieser Mythos zur Falle. Einerseits ist das Kollektiv eingestrickt in bis zur Absurdität getriebene Respektcodes, andererseits ist das Individuum nicht in der Lage Pflicht vor persönliche Habgier zu stellen. Geld und Einfluss sind alles was zählt, für abgeschnittene Finger interessiert sich niemand. Die junge Generation lehnt sich auf, Loyalitäten brechen weg. Nimmt man die Yakuza mit ihren tiefen Verflechtungen in Politik und Wirtschaft als Hohlspiegel des konservativen Gesellschaftskerns – hoffnungslos patriarchalisch, bis zum Verrenken durchzogen von Hierarchien – kann man auch die Selbstzerfleischung des japanischen Machtsystems als Ganzes erkennen, das Ehre als Vorwand für ein zu sensibles Stolzempfinden gebraucht.

Dass sich das ganze nicht ohne Kitanos ironischen Sinn für Humor abspielt rettet den Film vor allzu krassem Defätismus. Da spielt der korrupte Kriminalbeamte seinen Polizeikollegen den Durchgreifer vor, und Ôtomo spielt um der Harmonie willen mit. Der Oberboss ist ein Kim Jong-Il in Miniaturformat, der von einer skurrilen Parallelwelt aus die Fäden zieht. Auf drastische Momente der Gewalt folgt häufig ein Schnitt, der diese auf den Kopf stellt.

OUTRAGE besitzt Brillianz, ist aber weit entfernt von den Qualitäten von, sagen wir, SONATINE (1993). Eine mitnehmende Handlung ist auch Kitanos Absicht (und Stärke) nicht. Im Mittelpunkt stehen Gewaltstakkatos, die so wirken, als ginge es ihm um das Durchexerzieren von Genrekino, wie ein Handwerkermeister, der durch Wiederholung die Form perfektioniert, bis diese selbst zum Inhalt wird. Man kann OUTRAGE womöglich auch als endgültigen Abgesang auf Kitanos Yakuzafilm betrachten, wenn man bedenkt, dass er sich schon in GLORY TO THE FILMMAKER! selbst parodiert hat, als er mehrere Minuten lang einen Mini-Yakuzafilm inszenierte. Dort knallten sich die Gangster dermaßen lustlos ab – Hauptsache Klischee bewahren. Als eine brachiale Verschmelzung seines früheren Werkes mit dem selbstkritischen Schaffensansatz der letzten Jahre ist OUTRAGE für Fans dennoch mehr als sehenswert: Düster, schnell, ironisch. Mit einem Wort: Knallhart.

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