Kokuhaku – Jeder hat seine Leichen im Keller

“Kokuhaku  – Confessions” / 2010. Japan / Nakajima Tetsuya / 106 Minuten / Spielfilm

Frau Moriguchis (Matsu Takako) Tage als Lehrerin an einer Mittelschule sind gezählt: Ihre kleine Tochter wurde leblos im Schwimmbecken  der Schule aufgefunden, und sie weiß, dass es kein Unfall war. Musterschüler Shûya und Underdog Naoki haben sie getötet. Die Lehrerin verabschiedet sich von ihrer Klasse deshalb mit einem Geständnis: den beiden minderjährigen Mördern hat sie AIDS-verseuchtes Blut in die Pausenmilch geflößt – Rache einerseits, Erziehungsmaßnahme andererseits.
Nachdem Moriguchis ahnungsloser Nachfolger den Unterricht antritt übt die Klasse Selbstjustiz: Dem zu Hause in seinem Zimmer verwahrlosenden Naoki schickt sie Todesgrüße, Shûya wird täglich gemobbt. Einzig Shûyas Freundin Mizuki steht ihm bei. Während Frau Moriguchi leise im Hintergrund agiert offenbaren auch die anderen Figuren ihre Geständnisse. Angewidert von seinen Kameraden und den Erwachsenen plant Shûya den nächsten Anschlag…

Filme, die den rapiden Verfall der japanischen Seelenlandschaft seit dem Ende der Bubble-Wirtschaft thematisieren, gibt es zuhauf.  Apathische Teenagerblicke  gehören da inzwischen genau so zum Klischee wie blutige Rasierklingen. Schon wieder so ein brutaler Film aus Japan, mag da manch einer stöhnen. Doch was KOKUHAKU hervorstechen lässt ist nicht nur seine stringente Erzählweise, sondern auch die exquisit-zeitgemäße Gestaltung. Regisseur Nakajima Tetsuya hat die Romanvorlage der ehemaligen Lehrerin Minato Kanae in eine sorgfältig aufeinander abgestimmte Charakterstudie mit MTV-Ästhetik und Popmusik (u.a. von Radiohead) umgearbeitet.

Es geht um Gewalt unter Kindern. Wenn einer meint, die Darstellungen in KOKUHAKU seien überzogen, hat von den Amokläufen, den Selbstmordgemeinschaften, dem weitverbreiteten Mobbing in Japan noch nichts gehört. Seit den späten Achtzigern wächst die Jugendkriminalität rasant an, und das bei rückläufigen Geburtenzahlen. Die Fälle von Raub, Totschlag, Erpressung, sexueller Gewalt an Schulen und in den Familien gehen jedes Jahr in die Zehntausende. Kaum eine Woche ohne Schreckensmeldung: erdrosselte Schüler, verhungerte Babies, verbrannte Eltern. Symptome einer Gesellschaft, die – seit Jahrzehnten auf Leistungswut und Konsumismus programmiert – von innen her vergletschert.
Die von prekären Lebensverhältnissen verstärkte Krise greift vor allem die empfindlichsten Mitglieder der Gesellschaft an. Kinder und Jugendliche wachsen unter zunehmenden Druck auf, ohne Antworten auf Sinnfragen zu erhalten. Sie erkennen, dass die oft wiederholte Platitüde ‘Das Leben ist wertvoll’ die Hilflosigkeit der Erwachsenen nur noch verdeutlicht. “Niemand hat mir beigebracht, dass Mord etwas Böses sei”, sagt Shûya an einer Stelle des Films. Was wiegt das Leben, will Mizuki ihre Lehrerin Moriguchi fragen. Nicht viel, meint Shûya und schlägt zu.

In diese Untergangsstimmung sticht KOKUHAKU wie ein Seziermesser hinein. Schneidend der Sakasmus, mit dem er antiauthoritäre Lehrer wie ohnmächtige Eltern entblößt, aber auch die selbstgerechten Vorstellungen der Teenager zerkleinert. Kokuhaku bedeutet “Geständnis” und Nakajima lässt in langen Dialog- und Narrationssequenzen die Figuren (nicht selten losgelöst vor monochromen Hintergründen platziert) ihr Intimstes beichten. Bild für Bild, Schicht für Schicht arbeitet sich der Film in die von Komplexen gezeichneten Innenwelten. (Wer die letzten zwei Folgen der Fernsehserie EVANGELION mochte, wird KOKUHAKU lieben.)

Das klingt kopflastig und theatralisch, ist aber so atemberaubend dargestellt, dass man seine Augen nicht von der Leinwand loslassen wird. Perfekt photographiert und vertont kreiert KOKUHAKU eine Gravitation, die den Zuschauer in den Film hineinzieht. So wie ein Strudel immer wieder die gleichen Stellen passiert und sich gegen die Mitte hin immer schneller dreht, streifen Flashbacks vergangene Szenen und lassen sie durch neue Erkenntnisse oder Gedächtnisbrocken der Figuren in anderem Licht erscheinen. Zeit ist ein Kernmotiv. Sie erinnert an die nicht rückgängig machbare Realität des Todes. Slow Motion-Aufnahmen dominieren, an anderen Stellen werden die Bilder gerafft oder laufen rückwärts. Mit einer Bombe will Hobbyerfinder Shûya seine Geschichte beenden, sie lässt aber vor allem die Zeit an sich detonieren: In einer finalen Effektsequenz – in ihrer ausladenden Gründlichkeit vielleicht einzigartig in der Kinogeschichte – vollzieht sich seine, unsere Katharsis. Eine Klimax, bei der selbst Darren Aronofsky zu Staub zerfallen würde. Nakajima offeriert im Kino die Wiedergeburt, die dieses Land braucht.

Eine solche Tour de Force erfordert starke Schauspieler und KOKUHAKU befriedigt auch in dieser Hinsicht. Matsu Takako strahlt mit unterkühltem Spiel eine unheimliche Präsenz aus. Was die Kinderdarsteller (zum Zeitpunkt des Drehs 13-14 Jahre alt) abliefern ist großartig. Wenn man das von Rage verzerrte Gesicht des messerschwingenden Naoki in Großaufnahme sieht, dem in Zeitlupe ein Blutschwall an die Backen spritzt, meint man für einen Moment lang weniger Zeuge eines Jugendverbrechens zu werden als einer entfesselten Urgewalt.

Jedes Mal wenn ich denke, das japanische Kino sei endgültig zu Bedeutungslosigkeit verdammt, lehrt mich ein unerwartet radikaler Film eines besseren. Nakajima Tetsuyas KOKUHAKU ist ein Kammerspiel, das äußerlich wirkt wie ein anderthalbstündiges Musikvideo, und aus dessen hypnotischen Sog der Zuschauer erst erlöst wird, nachdem er die volle Agonie seiner Charaktere mitdurchstorben ist. Der Film des Jahres.

.

Die offizielle Webseite

Leave a Reply