“Nanking! Nanking!” – Das Massaker von Nanking im Film II

“Nanking! Nanking!” alt. “City of Life and Death” / 2009. China / Lu Chuan / 133 Minuten / Spielfilm


Winter 1937: Die Armee des Großjapanischen Kaiserreichs erstürmt die chinesische Hauptstadt Nanking. Nachdem die Japaner Tausende von Soldaten massakriert haben, fallen sie über die Frauen der Stadt her. Inmitten der Willkür der Besatzer ringen die Bewohner ums Überleben, unter ihnen der Chef der Sicherheitszone John Rabe, sein Sekretär Tang und die Lehrerin Miss Jiang. Der junge Soldat Kadokawa überlebt knapp einen Straßenkampf mit versprengten Widerständlern. In der völlig verwüsteten Stadt zehrt der brutale Alltag an den Nerven aller Beteiligten. Als die Japaner mit einem großen Shintô-Tanz die Einnahme der Stadt feiern sind ihre Schicksale besiegelt.

Kriegsfilme aus einheimischer Produktion sind in China seit langem populär. Auch das Massaker von Nanking vor 73 Jahren wurde schon einige Male verfilmt und bietet Stoff für antijapanische Resentiments einerseits und nationalistische Wohlgefühle andererseits. Inwiefern diese Filme das Geschehen authentisch darstellen entzieht sich meinem Wissen zwar, dass mit NANKING! NANKING! dem 40jährigen Regisseur Lu Chuan ein außergewöhnliches Werk gelungen ist, beweist nicht nur der hohe künstlerische Anspruch dieses unpathetischen Zeitportraits, sondern auch die Anzahl an Morddrohungen, mit denen ihn wütende Landsleute seit der Veröffentlichung attackiert haben. Ohne die japanischen Invasoren als irre Bestien darzustellen oder sich in Szenen ausladender Brutalität zu verlieren lenkt er mit präzisem Blick die Aufmerksamkeit darauf, wie Menschen aller Seiten sich angesichts alltäglicher Grausamkeit verändern. NANKING! NANKING!, ein zeitgemäßes, melancholisches Werk, dem gleichzeitig in China veröffentlichten JOHN RABE von Florian Gallenberger weit überlegen.

Laut Regisseur Lu sind dem Film ausgiebige Recherchen chinesischer und japanischer Quellen vorangegangen. Tausende Photographien aus der Zeit haben die winterlich karge Ästhetik der Schwarzweißbilder bestimmt. Mit seiner dokumentarhaften Optik und und der Weltkriegsthematik liegt der Vergleich mit Steven Spielbergs SCHINDLERS LISTE (1993) sehr nah. Bei allem Realismus ordnet sich NANKING! NANKING! jedoch nicht der Prämisse einer übertrieben akribischen Geschichtsdarstellung unter. In dem freien Umgang mit dem historischen Stoff gleicht er JOHN RABE zwar, absolviert den Seiltanz zwischen Zurückhaltung und Dramatisierung indes mit sicherer Balance. So sind die meisten der Protagonisten fiktiv, aber aus den Erfahrungsberichten zahlreicher Zeitzeugen herausgefiltert. Und wie eine Collage wirkt auch der episodisch angelegte Film. Ohne sich auf nur eine bestimmte Person zu beschränken fädelt Regisseur Lu das Geschick mehrerer Protagonisten zu einem reich detaillierten Kriegspanorama zusammen, das bis in die Nebenrollen hinein präzise wiedergegeben ist.

Da ist vor allem der japanische Soldat Kadokawa, der sich den Barbareien seiner Kameraden nicht völlig entziehen kann, dem aber die katholische Erziehung ins Gewissen redet. Eine Hauptfigur, die nach Umwegen aus sich herauswächst, ist Tang, John Rabes Sekretär. In der Hoffnung, seinen Landsleuten Erleichterung zu verschaffen, bandelt er mit den Japanern an. Miss Jiang, auch katholisch, ist im Zonenkommittee eingebunden und opfert sich für die Frauen der Stadt auf. Die Darstellungen auch von Tangs Familie, Kadokawas Kameraden, einem Kindersoldaten, dem Deutschen John Rabe und von japanischen Militärbonzen bereichern das Gesamtbild.
Dabei rutschen all diese Charaktere (im Gegensatz zur deutschen Verfilmung) zu keiner Zeit in Klischees ab. Ungekünstelte, alltägliche Dialoge (in mindestens vier verschiedenen Sprachen), gehaltvolle Blicke. Kein Streichorchester ist hier nötig, um uns aufzuwühlen. Lu erklärt wenig, zeigt bloß. Vor allem interessiert ihn die Frage, wie es zu jener unbeschreiblichen Brutalität kommen konnte, die die japanische Armee binnen weniger Wochen über die mehrere hundert Tausend Einwohner zählende Metropole am Jangste entfesselten. Er sieht die Ursache nicht in der Wesensart der Japaner oder einer bestimmten Generation, sondern im Menschen selbst. In einem Interview erklärt er:

“Dieses Böse – in einem Krieg schonungslos zu töten, die Keuschheit einer Frau gefühllos zu verletzen – vielleicht ist das im Herzen eines jeden. Es ist bloß so, dass man keine Möglichkeit hat, es zu loszulassen. Denn ich habe eine Menge Tagebücher von japanischen Männern gelesen. Daheim waren sie alle gute Menschen, sehr liebe Menschen, aber nach und nach, als sie auf dem Schlachtfeld waren… weil es kein Gesetz gab, dass sie eingeschränkt hätte, sie konnten so viele töten wie sie wollten, so viel stehlen wie sie wollten. Langsam begannen es ihnen zu gefallen, weil sich ihre Macht unendlich erweiterte. (…) Was an diesem Film am interessantesten ist, dass wir darüber sprechen, warum gewöhnliche Menschen in China teuflische Dinge taten.”

An einer Stelle im Film entlarvt Lu die jungen Soldaten in ihrem Beisammensein beim Sport als Bengel, die fern der Heimat der Versuchung ausgeliefert sind ihre dunkelsten Triebe auszuleben. Das Bild eines grotesken Ferienlagers kommt ihrer Wahrnehmung des Krieges vielleicht am nähesten. Die Gemüter ungeschliffener Männer, die statt ein inneres moralisches Bewusstsein zu entwickeln die Entscheidung über Richtig und Falsch der Gruppe anpassen. Gedanken an Konsequenzen, Mitleid, individuelle Verantwortung werden im Rausch des Gefechtes erstickt, sterben ab.
Es braucht diese nüchterne Einstellung um in einem Film über Nanking keine Vorurteile zu ziehen, sondern einfach nur Menschen in ihren dunkelsten und hellsten Facetten zu zeigen. Lus Neutralität rief in seinem Heimatland deshalb auch negative Reaktionen hervor.
Dabei tut er dem Zuschauer keinen Gefallen etwas abzumildern oder gar zu beschönigen. Den von Soldaten bedrohten Mädchen kommt keine Rettung in letzter Sekunde. Das Leben triumphiert hier – wenn überhaupt – nur unter bitteren Opfern. Oft ist es neben den drastischen Massenszenen die lapidare Willkür, die schockiert. Erhängte baumeln an Straßenlaternen. Die Körper von zu Tode vergewaltigten Frauen werden wortlos auf eine Schubkarre gestapelt und weggeworfen, ohne dass die Soldaten Notiz nehmen. Wo JOHN RABE happy endet, fährt NANKING! NANKING! unerbittlich weiter. Inmitten dieser erschütternden Bilder blitzen auch zerbrechliche Momente des Mitgefühls, der Poesie, von Heldenmut auf.

Bei aller Objektivität endet die Geschichte mit einer Racheprophetie. Kadokawa lässt zwei ungleiche Soldaten laufen, die er eigentlich hinrichten soll. Die beiden gehen befreit einem Wald entgegen und können es kaum fassen: Little Boy und Fat Man. Trotz dieses Schlussbildes beweist hier ein junger Regisseur, dass man das Thema Krieg mit Reife umsetzen kann, ohne in schlechtes Hollywoodimitat oder exploitative Propaganda abzuschmieren. Ein Film, der wegen seiner ästhetischen Qualitäten einen unmittelbar ins damalige Geschehen hineinzuwerfen scheint, der hilflos, zornig, demütig macht und der in eine Reihe mit SCHINDLERS LISTE erwähnt gehört.

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Der Trailer hier betont etwas zu sehr die Actionszenen…

Seite zum Film (Chinesisch).

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