Der Wind dreht sich

Schließe die Ohren,
schließe den Blick,
schließe die Worte,
alles auf
so weit es geht.


Es ist exakt einen Monat her, da ich eines Sonntags, im Versuch mit dieser mir fremden Stadt Anschluss zu finden, spontan eine Kirche in Tameike-Sannô besuchte. Die Google-Suche nach der “best church in Tôkyô” ließ mich eine Art Emulsion aus Rockkonzert und evangelikalem Motivationstraining vorfinden, eine englisch-japanische Jugendgemeinde mit mehr als Tausend Anhängern, die sich Jesus Lifehouse nennt. Weil sich in Japan eine derart positiv aufgeladene Meute an jungen Christen nur selten finden lässt, blieb ich stecken. Nicht nur der Name, auch die professionelle Aufmachung und die keyboardmusikuntermalten Bekehrungsaufrufe am Schluss jeder “Message” erinnern stark an das deutsche JesusHouse. Von den prompten Integrationsangeboten machte ich zunächst zögerlich, dann williger Gebrauch.

Noch vor Monaten hätte ich einen evangelikal-konservativen Laden mit brachialer Popverpackung wie das Jesus Lifehouse gemieden. Und sicher verkörpert das JHL vieles von dem, was ich mich zu verlernen bemühte. Doch etwas fesselt mich – sei es das internationale Milieu, sei es diese beunruhigende Selbstsicherheit der Mitglieder, wie immer sind Widersprüche am Werk.

Vielleicht bin ich meines Nomadentums müde. Vielleicht möchte ich Teil einer Jugendbewegung sein und mit ihnen durch die Straßen rennen. Vielleicht hat mich der Wind hineingeweht. An letzteres glaube ich bestimmt. Nach vier Jahren ohne feste Gemeinschaft will ich es wieder versuchen mit der Kirche. Es sind gute Leute dort, um ehrlich zu sein. Wirklich gute Leute.

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Angelos.

Mein neues Leben in Tôkyô, warum dann nicht auch ein neuer Anlauf in einer ungewöhnlichen Kirche. Die Frage ist nur, wann man mich wegen Ketzerei hinauswerfenbitten wird. Ein Christ, der weder an die Dreieinigkeit noch an Erbsünde glaubt, dafür aber buddhistische Tempel liebt. Und nach einigen intensiven Gesprächen bröckelts schon. Vielleicht bin ich bis in meinen Glauben hinein ein Zwischenwesen ohne feste Topologie. Thomas, der Zweifler, den man nur zwischen den Türen findet. Einer der immer dort, nie hier ist. Ein Nomade auf Lebenszeit. Der Wind dreht sich. Wie meine Identitäten so ist mein Glaube stets Baustelle, wenn auch kein Kartenhaus, doch offen für permanente Umkonstruktion. Ein rollender Würfel, wenn du so willst. Ich muss die Linien ziehen. Und standfest werden für das was ich für recht und wahr halte. Und sei es bloß für die Erkenntnis, dass ich in solchen Kategorien des Wertens mich nur noch klumpfüßig bewege. Und ich bete darum, dass der Herr mich begleitet.

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