Korrosive Kräfte, Stimmen im Park

Anfang September und noch ist kein Ende des Rekordsommers abzusehen, unter dem das Archipel der Eitelkeiten dieses Jahr offiziell und statistisch abgedeckt schwitzt. Zansho, ” Spätsommerhitze” ist ein neues Wort, das ich deshalb von meinem bis zur Selbstaufgabe korrekten koreanischen Mitbewohner lernte. Auch heute war so ein stechend heißer Zansho-Tag, das Thermometer verharrt über der 30 Grad-Linie, von der Luftfeuchtigkeit will ich gar nicht erst reden.
In dieser Mittagshitze musste ich nach Shinjuku. Mein Vermieterunternehmen Sakura House wollte von mir einen Visumnachweis haben. Also den Reisepass in den Rucksack und mit der U-Bahn in die Weststadt. Kaum hatte ich mich aus dem Leuchtstoffröhrenlicht der Katakomben an die sonnengrelle Oberfläche gewunden, überrollte mich eine Welle aus Hass. Doch keine Angst, die wütend krakeelende Lautsprecherstimme galt nicht mir, sondern schallte von der anderen Straßenseite von einer Meute rechtsradikaler Demonstranten herüber. Jetzt fiel mir auch auf, dass überall im Bahnhofsviertel blauuniformierte und verkabelte Polizisten postiert waren.

Die wütende Stimme war von türkisblauen Polizeibussen mit vergitterten Fenstern umstellt. An der Westflanke des Bahnhofs Shinjuku bilden ein großer Busbahnhof und verschlungene Verkehrswege ein Loch in der Hochhauslandschaft. Um auf die andere Straßenseite zu gelangen müssen Fußgänger entweder unterirdisch gehen oder Brücken benutzen. Ich lief am Odakyû-Kaufhaus entlang um mir das Treiben näher anzusehen. Am Hauptausgang des Bahnhofs begriff ich dann, was los war: Ministerpräsident Kan Naoto wurde für eine Rede mitten auf diesem Platz erwartet. Auf der Straße stand einer der obligatorischen Wahlkampfwagen, davor hatten sich Journalisten mit Mikrophonen bereitgemacht. Der ohnehin schon äußerst belebte Bahnhof lärmte von den Presseteams, Polizeikräften, Parteianhängern und Passanten, und über dem ganzen schwebten Helikopter, deren Rotorengebrumm sich mit den Tiraden der rechstextremen Gegendemonstration nur eine Straßenecke weiter vermischten.

Einer der Sprecher auf dem Wahlkampfwagen der DPJ hob dann auch schon zu einer Rede an. Der Auftritt des Ministerpräsidenten konnte sich noch etwas hinziehen. Deswegen schlug ich den Weg in die andere Richtung ein, erledigte die Sakura House-Sache und aß Udon-Nudeln im Stehen. Das Timing war gut. Genau als ich wieder den Bahnhof erreichte trat Kan für seine Rede auf das Dach des DPJ-Wagens. Nun hatten sich schon mehr Leute versammelt, wobei die meisten der Vorübergehenden nur kurz schauten, mit einem Blick der soviel sagte wie “Was macht der denn hier?”. Kan ging die üblichen Versprechen durch, das Land von Grund auf zu erneuern, ich war schon auf dem Weg zur U-Bahn.


Die nächste Station war Ueno, also wieder nach Osten. Ein paar Einkäufe erledigen. Ich spazierte etwas durch den Park und hörte schon wieder eine Lautsprecherstimme. Ein Politiker, hier? Sicher ein verirrter Kaiseranbeter. Bei näherem Hinsehen entdeckte ich jedoch eine christliche Versammlung. An einem Flecken, an dem normalerweise Dutzende von Obdachlosen ihren internen Abwicklungen nachgehen stand eine Holzkanzel. Vor dem Prediger saßen im Quadrat fein säuberlich gereiht etwa 200 Männer mit faltigen, braungebrannten Gesichtern. Die meisten schienen tatsächlich Obdachlose oder Tagelöhner zu sein. Alle Ohren waren auf die Lebensgeschichte des Predigers gerichtet. Als ich kam wurde als Abschlusshymne “Amazing Grace” auf Japanisch gesungen, wofür die meisten der Sitzenden ehrfürchtig die Hände nach oben streckten. “Bitte kommen Sie alle morgen in die Kirche. In Gottes Augen ist jeder von Ihnen ein wertvoller Mensch. Bitte erheben Sie sich zum Schlusssegen”. Das Kirchenteam wartete am Rande mit Mittagessen und Medizinsets.

Nachdenklich schritt ich den Brunnen ab. Eine Krähe flog über mich hinweg und ließ eine Feder fallen. Als ich wieder geradeaus schaute traf mein Blick den eines kleinen, bärtigen Mannes. Brauner Anzug, braune Haut, graue kurze Haare. In fehlerfreiem Englisch lud er mich ein, mich in seiner Kirche taufen zu lassen und Gottes reichen Segen zu empfangen, jetzt sofort, es dauerte auch gar nicht lange, die Kirche sei gleich in Shinjuku, der Fahrschein sei schon bereit. Ich verriet ihm, in fehlerfreiem Englisch, dass ich bereits Christ sei.
“Sind Sie von der gleichen Kirche, wie die Leute dort drüben?”
“Das? Ach nein, das ist eine dieser koreanischen Kirchen. ”
“Ach so.”
“Bitte kommen Sie gleich in unsere Kirche, Sie werden sofort Segen bekommen. Bitte, wenn Sie doch nur in meine Kirche kommen möchten…”
Wie mir der bärtige Mann erzählte, hatte er einmal für kurze Zeit in Deutschland als Nukleartechniker geforscht. Ich ließ mir eine Visitenkarte geben und ging weiter.

*

Morgen geh ich nach Yokohama. In eine deutsche Kirche. Die Pastorin habe ich gestern Abend unerwarteterweise im Goethe-Institut getroffen. Es war ein Leseabend mit Christian Kracht. Thema: Das Leiden der Jungen.

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