Der Blick von oben

Flight02

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Man sollte die Dinge, die einem durch den Kopf schießen, besser sofort aufschreiben, und nicht hinterher, wenn alle geistreichen Formulierungen des Moments schon wieder vergessen sind. Man sitzt dann wahrscheinlich zu Hause zwischen den vier gelbstichigen Wänden und kommt vor lauter Enge und Dunkelheit auf keinen klaren Gedanken mehr. Oder man entflieht der Klaustrophobie der Tôkyôter Mietswohnung in ein geschäftiges Café, wo einen schnatternde Hausfrauen ablenken. Man sollte also dann schreiben, wenn einem etwas einfällt und auffällt: wenn man sich in die weiße Plastiktüte, die auf dem Highway von vorbeirauschenden Autos verwirbelt wird, unwillkürlich hineinversetzt, oder wenn man an den bewegten Schatten, die das Abendlicht an den Betonturm gegenüber wirft, den ersten Herbsthauch erkennen kann. Das alles hätte ich mir sicherheitshalber notieren sollen.
Heute sitze ich zum Schreiben in einem MacDonald’s-Lokal mit einem Becher Eiscréme. Die Dotour- und Starbucks-Cafés in der Puppenstadt lassen schon um neun Uhr die Rolläden hinab, also bleibt nicht viel Auswahl, wenn man abends sich noch für ein, zwei Stunden zum Schreiben nach draußen begibt.

Heute zur Mittagszeit bin ich mit dem Flieger aus Amsterdam zurückgekehrt. Der Flug dauerte nur zehn Stunden. Ich hatte am Fenster gesessen wodurch ich den regen Luftverkehr über dem Kontinent gut beobachten konnte, ein Spinnwebennetz aus Kondensstreifen, das sich laufend verflüchtigt. Es war das erste Mal, dass ich andere Flugzeuge am Himmel so deutlich erkennen konnte, die mal in gleiche Richtung wie wir flogen, manchmal in die entgegengesetzte. Weil sie weit weg waren sahen sie aus wie kleine silberne Pillen, die wie Kometen lange Schweife hinter sich zogen. Ein Flieger kreuzte unseren Weg, er kam von rechts und sauste über uns hinweg. Ich sah seinen weißen Bauch. Der Schatten der schnurgeraden, zweispurigen Bahn, die er im Himmel hinterließ, blitzte kurz auf den Tragflächen auf.

Über mir das Netz, unter mir Wolkenlandschaften und hellgrüne Felder. Das nordwärts gerichtete Guckloch erlaubte den Ausblick auf die Küste, die Westfriesischen Inseln, Jütland, und – mit einbrechender Dämmerung – die Ostsee.
Solange es hell war bot der Blick aus meinem Fenster genug Zerstreuung. Als die Nacht ihren dunklen Vorhang davor schob, vertrieb ich mir die Zeit mit Lektüre: Orhan Pamuk, Uno Hôichi. Das Musikprogramm an Bord (ich flog mit KLM) war gut, vor allem die Auswahl an afrikanischen Künstlern und europäischen DJs.

Bevor ich für ein paar unbequeme Stunden schlief, schaute ich noch einmal hinaus. Die skandinavische Nacht verwandelte ihre Städte in Goldschmuck, den jemand auf schwarzes Samttuch geworfen hatte: Von oben erschienen die Straßen als goldene Ketten, Marktplätze als Broschen mit blauen Kristallen, dazwischen schimmernde Juwelenstücke in stockdunkler Leere. Die Nacht war kurz. Am Vormittag waren wir über Japan. Vom Flugzeug aus wurde die Enge deutlich, mit der die Menschen hier auskommen müssen. Wo in Europa auf weite Feldflächen einige wenige geordnete Häuschen kommen, drängelt sich in Japan eine Siedlung an die nächste. Selbst auf dem Land sind die Gebäude grau-monton, ein Gegensatz zu den weißen Mauern und roten Dächern in Europa. Ringsherum ist die Gegend dunkelgrün, wegen der vielen Wälder und Berge, und dazwischen je nach Jahreszeit grün, gelb, braun gefärbt Reisfelder. Die meisten, die ich beim Anflug auf Narita erkennen konnte waren gelb. Es ist Erntezeit.

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Flight01

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