Der schlechteste Döner in meinem ganzen Leben

Den schlechtesten Döner in meinem ganzen Leben aß ich soeben, in Shinjuku. Er stammte von einem dieser Dönerkarren, die, als imitierten sie traditionelle Süßkartoffel- oder Yatai-Wagen, mit ihren Drehspießen an Straßenecken halten und Vorübergehenden einen Imbiss anbieten.

Ich hatte davor einen Studienkumpel am Bahnhof Yoyogi verabschiedet und war danach bis nach Shinjuku zu Fuß gelaufen. Das ist nicht weit. Und weil ich schon einmal dort war, schaute ich beim Kino vorbei, um die neuesten Filme auszukundschaften. Da mir jedoch weder nach billigen Liebeskomödien noch nach brutalen Samuraidramen war, verzichtete ich auf den Eintritt. Stattdessen schritt ich die belebte Gegend um den Bahnhof ab. Weil mir nach einer langen Arbeitswoche meist die Lust aufs Selberkochen vergeht, esse ich sonntags auswärts. Bevor ich also von Shinjuku wieder mit der U-Bahn nach Hause fuhr, beschloss ich etwas zu essen, und danach vielleicht noch in einem Café ein Buch zu lesen. Von meinem letzten Kinobesuch wusste ich, dass es in der Nähe einen kleinen, zwischen Pachinkohallen und Restaurants eingeklemmten Dönerstand gab, dessen Angebot akzeptabel war.

Die Straßen waren, wie immer um die Abendzeit, voll. Vor den Drogerien und Schuhgeschäften standen die Verkäufer auf Stühlen, bewaffnet mit Megaphonen und Preisschildern übertönten sie die Musik, die aus den Inneren der Läden auf die Gehwege kleckerte. Ich war schon an dem MUJI-Store vorbei, da stand dort direkt am Straßenrand dieser weiße Dönerwagen. Drinnen warteten zwei junge Türken mit kurzen Haaren auf Kunden. Um den Spieß vor meiner Nase rotierte weißes Vogelfleisch. An sich war der Weg bis zum Bahnhofsdöner nicht weit. Aber wegen der vielen Menschen kann in Tôkyô selbst eine kurze Strecke anstrengen, und später wollte ich noch kurz zu MUJI. Ohne viel nachzudenken bestellte ich eine Portion mit milder Soße. “Dauert aber etwas”, sagte der älter aussehende Mann. Ich stützte mich auf einen Pfosten und wartete.

Während das Fleisch schmorte wechselten die beiden Männer auf türkisch gedämpfte Worte. Der Ältere mischte Mayonnaise und Ketchup in eine Plastikflasche und schüttelte sie bis eine hellrote Soße entstand. Dann stieg er aus und verschwand im Gewimmel. Sein Kollege hatte nun zwei Dönermesser in den Händen, so lang wie Samuraischwerter. Er schliff sie kurz aneinander. Ohne Eile schnitt er kleine Fleischstücke ab. Das halbe Pide, das er zubereitete überreichte er mir in einem Papiertütchen. Ich bezahlte die üblichen 500 Yen (Gerüchte sprechen bezüglich dieses im ganzen Land einheitlichen Preises von den Machenschaften der gefürchteten Kebapmafia). Weil in Japan die Gleichzeitigkeit von Essen und Laufen verpönt ist, lehnte ich mich gegenüber des Wagens an ein paar Sitzstangen, die die Sumitomo-Mitsui-Bank für ihre Kunden installiert hatte.
Es war der schlechteste Döner, den man sich nur vorstellen kann. Dass man in Japan kein Pide sondern ein geschmackloses dünnes Brot serviert bekommt, nehme ich zähneknirschend hin, doch was mir der junge Mann dazwischen vorgesetzt hatte gab auch sonst nicht viel her. Das teilweise undurchgrillte Fleisch war lediglich mit zerkleinerterm Kopfsalat garniert, und – wie um den Mangel an Zutaten zu überspielen – mit übermäßig viel Mayo-Ketchup-Soße versehen. Döner für Arme zum Kartellpreis. Nicht einmal eine Serviette wurde mir gegeben. Noch letzte Woche hatte ich für weniger Geld einen echten deutschen Döner genossen, leckeres Fleisch, Zwiebeln, Gurken, Joghurtsoße… nun stand ich mit einem Schatten jener Delikatesse an einer Ecke des rattenbefallenen Bahnhofsviertels. Noch kauend überlegte ich, ob ich dem Verkäufer für diesen armseligen Imbiss die zerknüllte Papiertüte empört an die Brust schleudern sollte. Ich ließ es sein. Da in seiner Bude nicht einmal Gewürze anzufinden waren, konnte ich ihn ebensowenig mit einem herzhaften “Du Kümmeltürke!” beschimpfen. Er hätte mein Deutsch nicht verstanden.

Ohne mich in ein Café zu setzen fuhr ich nach Hause. In der U-Bahn las ich einen Essay von Orhan Pamuk über den Wandel der türkischen Fast-Food-Kultur. “Bevor in den siebziger Jahren das Döner-Sandwich seinen Siegeszug durch Istanbul und schließlich die ganze Türkei antrat, gab  es noch das Phänomen des ‘Lahmacun’ zu verzeichnen.” Und davor hatte Groß und Klein auf den Straßen Hotdogs verzehrt, mit dem Gefühl, sich mit jedem Bissen ein wenig dem Westen anzunähern.

Den preiswertesten Döner Tôkyôs gibt es in Akihabara bei Star Kebab. Das Angebot hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich verbessert. Bei meinen ersten Besuchen in dieser Stadt waren die heute obligatorischen Imbisswägen eine Seltenheit. Inzwischen gibt es mehr türkische Einwanderer, die mit eigenen Lokalen Fuß gefasst haben. Dort kann man zwischen Wandteppichen ein Glas Ayran trinken und sich wie in Deutschland fühlen.

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TokyoKebap

Dönerwagen in Tôkyô. Japan, Sommer 2003

4 thoughts on “Der schlechteste Döner in meinem ganzen Leben

  1. Überragender Text und ich kann deinen “Schmerz” nachvollziehen. Leider müssen wir dich korrigieren, denn den schlechtesten Döner, den wir in Holozän jemals gegessen haben, gibt es auf Gran Canaria an der Playa del Ingles bei 2 dicken, verranzten Kümmeltürken, die ihre Kunden sogar noch um einige Euros betrügen wollten. Mit geschmackvollen Grüßen,

    Björn, Flo und Tobi.

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