Paris,

Paris01France, Paris. Early 2001

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Meine früheste und sentimentalste Erinnerung an Paris ist jene an das Hotel, in dem mein Vater, meine Schwester und ich für ein paar Tage untergekommen waren, auf meiner ersten Frankreichreise vor sehr, sehr langer Zeit. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange es her ist, ich muss schon in der Grundschule gewesen sein und einiges vom Alphabet behalten haben, denn wenn ich aus dem Fenster des Hotelzimmers im dritten oder vierten Stock nach rechts schaute, leuchtete dort an der Fassade in rot aufeinander gestapelten Druckbuchstabenlampen das Wort HOTEL. Das konnte ich also schon lesen. Oder fast, das H hielt ich nämlich für ein R und bestand deswegen in der Diskussion mit meiner Schwester darauf, dass wir uns in einem “Rotel” befanden, und es zwei Arten von Gästeunterbringungsbetriebsarten geben müsse, eine mit H, die andere– man sei ja schließlich im fremdsprachigen Ausland – mit R.
Die zunehmend vergilbenden Erinnerungsbilder der damaligen Stadt, die ich in meinem brüchigen Gedächtniskino wie ein festgelegtes Sortiment an 8mm-Filmchen abspielen lasse, gleichen jenen gelbstichigen Photos vom New York der Prohibitionzeit. Schaute man aus dem besagten Fenster hinaus blickte man links und rechts auf eine von Autos rege befahrene Straße. Etwas Milchiges, Feuchtes, wie ein Schleier schien zäh an den ausgeblichenen Altbauten vorbeizuwabern und verschluckte das Ende der Straße in einem grüngelben Dunst. Die Luft ungesund durchdrungen von Zigarettenrauch, Autoabgasen, Küchendämpfen und anderen Äthern. Trotz dieser verträumten Atmosphäre dominierte der Eindruck einer geschäftigen Großstadt, vor allem durch den Verkehrslärm, der auch nachts zu hören war. Mir kommt es vor als sei dies hundert Jahre her.

Meine Schwester und ich lagen auf den grob gefertigten Metallstabbetten des Rotelzimmers, von dessen Wänden sich welke Tapete löste, und wir erörterten außer orthographischen Fragen auch die Kraftreserven des unglaublichen Hulk, dessen Zornanfälle im Fernsehen wir gebannt verfolgten. Ein grün bemalter Lou Ferrigno spielte damals den Comicwüterich. Wenn sich Bruce Banner in ihn verwandelte riss die Kleidung, färbten sich die Haare feuerrot, die Haut wurde so grüngelb wie die Pariser Straßen und die wilden Augen schienen aus dem Gesicht schießen zu wollen. Ich sehe ihn vor mir, in einer blaustichigen Landschaft, um ihn herum stehen rauchende Autos, liegen erschlagene Gegner, er schreitet untermalt von Achtzigerjahre-Synthesizermusik und nur mit einer zerissenen Jeanshose bekleidet in Zeitlupe der Kamera entgegen. Vor diesem unberechenbaren Gesellen, der äußerlich bis hin zu seiner luftigen Bekleidung einem Oni, einem japanischen Dämon, glich, fürchtete ich mich, konnte mich aber zugleich der Ausstrahlung, die von diesem faszinierendem Wesen ausing, nicht entziehen (vor allem weil die Fernsehkanäle zu Hause nichts über ihn brachten). Wir schauten Hulk abends zu, als die Stadt entspannt und beleuchtet dalag.

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Woran ich mich außer der Straße, dem Rotel und Hulk doch noch erinnern kann, ist der Eiffelturm. Die begehbare Plattform ganz oben erschien selbst mir, einem kleinen Grundschüler, beengend. Die Besucher drängelten sich wie auf dem Ausguck eines Segelschiffes. Ein starker Wind trieb Wolken vor sich durch den blauen Himmel und zerwirbelte meiner Schwester das Haar (ich denke mir die Hälfte von dem allen beim Schreiben aus). Auch von oben gesehen lag die Stadt im Dunst. Der ganze Turm schien aus Gittern variierender Größe zusammengesetzt zu sein.
Hinterher ging es in ein Andenkengeschäft (als könne man solche wirklich kaufen), von welchem wir eine bronzefarbene Eiffelturmminiatur mitnahmen. Er passte auf die ausgestreckte Handfläche und man hätte ihn jemandem in die Brust bohren können, so bösartig war seine Spitze geformt. Erst Jahre später überwand ich mich, dieses grässliche Souvenir fortzuschmeißen.

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