Unter Grund

Die meisten der Menschen, die täglich in den Tôkyôter U-Bahnen stumpf vor sich hindämmern, oder sich in Comics oder das Schminkkästchen vertiefen, bemerken es nicht, doch jeder Zug besitzt einen ihm eigenen Klang. Alle Wagons knirschen metallisch wie morsche Kähne und zischen wenn sie die Türen aufspringen lassen. Aber jeder tut es mit anderen Nuancen. Auf dem Weg nach Sendagi, zum Beispiel, gibt es eine Bahn, die beim Halten mit der Stimme einer erschöpften Greisin ein “Ächhhh” ausstößt. Einmal hörte ich auf der Marunouchi-Linie ein Summen, wie ein Kinderlied. Ich konnte es mir nicht erklären. Es kam aus der Ecke, wo ein Wagon mit dem anderen verkuppelt ist, gleich neben der Fensterscheibe. Es war nicht die zwischen zwei derilierenden Krawattenträgern eingeklemmte Tante, sondern die Ecke selbst, die vor sich hinsummte. Die Eisenbahnen hier, sie atmen, sie singen.
Die sich bei jeder Zugfahrt wiederholenden Klänge erzeugen im Ganzen gesehen einen einzigen langen Rhythmus: Das Klirren der Schienen, wenn die Bahn vor der nächsten Station die Geschwindigkeit drosselt, und das sich mit den Bahnsteigtönen langsam vermischt, wenn das Gefährt dann anhält und sich die Türen zeitgleich mit der Stationsansage auftun, das Ineinandergreifen von Bolzen, hydraulischen Pumpen, Scharnieren und die vielstimmigen Klingelwarnungen kennen ihre Abfolge, und wenn es dann mit eingeübter Wortwahl und  Silbenmodulation gesungenen Meldungen weitergeht, der Zug beschleunigt und den Nachhall kreischender Kurven hinter sich lässt um bei einfachen Geraden ein sicheres Ticken vernehmen zu lassen, unterbrochen vom plötzlichen Hupen entgegenkommender Bahnen, die für weniger als einen Augenblick vorbeirauschen, dann agiert jeder Zug als ein Klangkörper, der wie auf einer Spieluhr die charakteristische Melodie einer Strecke, einer Tonspur sozusagen, interpretiert.

Indem sie täglich mehr als sechs Millionen erschlaffte Körper kreuz und quer durch die Schächte befördern leisten die U-Bahnen Knochenarbeit. So ertönt in der Stadt unter der Stadt ein unentwegtes Kratzen, Quietschen, Kreischen, Seufzen, Klappern, Schaben, Dröhnen, Säuseln, Rumpeln. Metall und Luft und Plaste und die automatischen oder echten Stimmen der Durchsagen halten nicht still, als strengten sie sich an, das kollektive Schweigen der einander fremden Menschen zu übertönen. Selbst wenn man sich zur Stoßzeit auf den Weg nach Shinjuku macht und den ewig gleich aussehenden Büroangestellten auf die Zehen tritt, herrscht nämlich Totenstille. Man ist eben – wenn auch nur zeitweise – unter der Erde, in rollenden Sarkophagen. Es gibt Tage, da halte ich das Schweigen so vieler apathisch wirkender Leute um mich herum nicht aus, möchte jeden anbrüllen und an den Haltegriffen toben.

Es hieß einmal, dass nirgendwo so viel gelesen wird wie in den Zügen von Tôkyô. Dass muss vor dem Siegesmarsch der Mobiltelephone gewesen sein. Heute versenkt die HäIfte der Passagiere ihre Augen nicht mehr in Taschenbücher, sondern in Videospiele, Nachrichten, Mitteilungen, Pornographie und 1seg-Fernsehen. Der Rest hält sie in einem echten oder vorgetäuschten Schlaf zugedrückt. Überhaupt der Schlaf in den Zügen… Dann und wann frage ich mich, ob die in einem Wagon zur gleichen Zeit geträumten Bilder sich aus einem großen Metatraum speisen, welcher als das Spukwerk eines bösartigen kami durch das Stollenlabyrinth mäandert.
Chris Marker erzählt in “Sans Soleil“:

Mehr und mehr meiner Träume finden ihre Schauplätze in den Kaufhäusern von Tôkyô, den unterirdischen Tunneln, die sie erweitern und parallel zu der Stadt verlaufen. Ein Gesicht erscheint, verschwindet … eine Spur ist gefunden, ist verloren. Die ganze Traumfolklore ist so genau an ihrem Platz, dass ich am nächsten Tag, wenn ich wach bin, bemerke, dass ich in dem Kellerlabyrinth jene Gegenwart, die mir in der Nacht zuvor verborgen gewesen war, weitersuche. Ich fange an mich zu fragen, ob diese Träume wirklich die meinen sind, oder ob sie Teil eines Ganzen, eines riesigen kollektiven Traumes sind, von dem die gesamte Stadt die Projektion sein könnte. Es könnte genügen, irgendeines der Telephone, die herumliegen, aufzuheben um eine vertraute Stimme oder das Schlagen eines Herzens zu hören, zum Beispiel das von Sei Shônagon.
Alle Galerien führen zu Stationen; die gleichen Unternehmen besitzen Geschäfte und Eisenbahnenlinien, die ihre Namen tragen. Keiô, Odakyû – all diese Hafennamen. Der von schlafenden Menschen bevölkerte Zug fügt alle Traumfragmente aneinander, macht aus ihnen einen einzigen Film – den ultimativen Film. Die Tickets aus dem Automaten gewähren Eintritt in die Show.

Egal ob Wahnträume oder heilende Halluzinationen durch sie fließen, die Tunnel sind auf diese Weise nicht nur Fleisch- sondern auch Bildadern, die die Geheimnisse, Sehnsüchte und Ängste der Passagiere kanalisieren. Eine dumpfe Gewalt gärender Gespinste, die hinter den Augenlidern zu Tau verwischen.

Manchmal hängt ein stechender Geruch, wie von Bahnhofsklos, in den Wagons. Manchmal führen Männer erbitterte Selbstgespräche. Manchmal verspätet sich die Bahn, weil sich jemand vor ihre zirpenden Räder hat fallen lassen. Dann klingen Ansagen über die Gleise wie Wegen eines jinshinjiko, eines Personenunfalls, verspäten sich die nächsten Bahnen um 20 Minuten. Es darf ausgeschlossen werden, dass die fahrenden Menschen um des Todes eines Unbekannten willen ihr Schweigen brechen. Doch der Unglückszug, und das ist gewiss, hat in jenem Moment mit dem Krachen der Gelenke einen Schrei von sich gegeben, der nur ihm gehört.

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