Der breite und der schmale Weg

Ich erinnere mich. Gemeinsam mit dem rituellen Gutenachtgebet, mit dem mich meine Mutter allabendlich in den Schlaf entließ, war der Besuch in einer freien Kirchengemeinde in Heidelberg meine vermutlich früheste Begegnung mit dem Christentum. Ich war noch sehr klein, aber rieche noch jetzt die gelben Wände des Raumes, in den wir Kinder während des Gottesdienstes gebracht wurden. Weißes Licht kitzelte die Topfplanzen auf dem Fensterbrett und mir auf der Nase. Während eine Nonne auf uns acht gab kämpfte ich mit zusammensteckbarem Plastikspielzeug, das aus roten, blauen, gelben Plättchen bestand, gegen die Langeweile an. Ich war nur ein paar Mal dort.

Richtig los ging es erst in jener Bible Belt-beeinflussten Freikirche am Stadtrand – Religiöser Fundamentalismus zwischen Autohaus und Heimwerkermarkt. Die zweite Etage eines Verlagsgebäudes diente den zwei, drei Dutzend Mitgliedern als Versammlungsort. Es gab mehrere Räume für Besprechungen, Gebetstreffen, Sonntagsschule (von “Kindergottesdienst” war noch nicht die Rede) und einen so schmucklosen wie muffigen Predigtraum. Der deutsche Pastor war so amerikanophil, dass er sich während seiner Studienjahre in den USA einen entsprechenden Akzent zugelegt hatte. Hier lernte ich das kennen, was ich für lange Zeit für das “wahre” Christentum hielt: wortgläubig, weltfremd, konservativ. Anschaulich dafür war “Der breite und der schmale Weg”.

Das Farbposter, welches diesen Titel trug, hing bei uns zu Hause an der Wand. Es war ein Nachdruck eines bekannten Bildes aus dem 19ten Jahrhundert. Auf ihm dargestellt war das dualistische Denken dieses Christentums durch zwei “Lebenswege”. Der urbane breite Pfad, der mit vergnüglichen Lastern lockte, führte vom unteren Rande des Bildes hoch zu einer von Dämonen umflatterten Höllenfestung. Den anderen musste man durch eine schmale Pforte betreten. Er glich eher einem Wanderpfad und gipfelte natürlich im himmlischen Jerusalem. Garniert mit allerlei Bibelversen in Frakturschrift lehrte mich das Poster, dass es im Leben keinen Mittelweg gab, sondern nur zwei Extreme – entweder war man ganz der sündigen “Welt” verschrieben oder aber ganz ein in allen moralischen Fragen überlegener Christusjünger. Monotone Predigten und Sonntagsschulstunden taten ihr Übriges, um dieses simple Gut-Böse-Muster mit noch kleinkarierteren Kontrasten zu versehen.

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Bei den baptistischen Freikirchlern lernte ich das biedere Prä-68er-Lebensverständnis des fundamentalistischen Flügels kennen: Von den unfreiwillig komischen Chick-Traktaten, die Kinderseelen traumatisierten, über die Körperfeindlichkeit, das Schwelgen in Selbstgerechtigkeit gegenüber der schlechten Welt und den falschen Kirchen nebenan, bis hin natürlich zu der Abscheu gegenüber den Kulturleistungen des 20ten Jahrhunderts, wie Rockmusik und abstrakte Malerei, die den als Frömmigkeit deklarierten Stumpfsinn hätten entlarven können. Es war allerdings weniger diese fortschrittsfeindliche Antikultur die mich beeinflusste – gottlob lieferte die Welt der japanischen Fernsehserien mit denen ich auch aufwuchs ein effektives Gegengift – als die paranoide Weltanschauung dieser Christen. In ihr vermengten sich vielleicht deutscher Pietismus mit der Rückwärtsgewandheit der amerikanischen Evangelikalen, die jedes i-Tüpfelchen der Bibel als von höchster Stelle authorisiert betrachten und sich keine Zweifel bezüglich ihres historischen Wahrheitsgehaltes erlauben.

Der Einfluss Amerikas war stets gegenwärtig. US-Missionare gehörten zum Stammpersonal. Die besonders kirchentreuen Jugendlichen träumten davon, eines Tages in der Bob Jones Universität zu studieren. Erbauliche Musik kam ebenso aus dem Gelobten Land wie lehrsame Literatur: Über die wissenschaftlichen Grundlagen des Kreationismus. Über die schädlichen Einflüsse von Hollywood und Popmusik. Über die Irrlehren der großen Hure Babylon – pardon, der Katholischen Kirche. Über die prognostizierbaren Termine der Wiederkunft Christi. Über die Machenschaften von Regierungshäuptern und Medienmogulen, die mit dem Antichristen an der Spitze eine globale Christenverfolgung einleiten würden. Wer genug gelesen und gehört hatte wusste bescheid, dass Hitler, Mohammed, der Papst und John Lennon alle mit Satan im Bunde gewesen waren, dass wir uns im Kreuzfeuer des kosmischen Dauerkriegs zwischen höllischen und himmlischen Gewalten mit der Waffenrüstung Gottes zu wappnen hatten, dass das Böse immer im Begriff war die himmlische Ordnung zu vernichten, sei es durch die Loveparade oder die Freimaurer. Was die fundamentalistisch-evangelikale Theologie aus Amerika anbot war nicht einfach nur Regelwerk für ein “bibel”treues Leben, sondern ein apokalyptisches Moralpanorama, welches hinter jeder Nachrichtenzeile die Kräfte einer dämonischen Verschwörung am Werke sah. Wahren Christen wurde Eintritt in dieses Geheimwissen gewährt, anhand dessen sich die so furchtbar komplizierte Welt herrlich einfach erklären ließ.

Natürlich sieht jede Religion die Welt durch eine bestimmte Brille, und mit ihr das Wirken des Unsichtbaren. Hier jedoch wurde eine Narrative heraufbeschworen, die klare Grenzen zwischen Us and Them definierend das gesamte Weltgeschehen endzeitlich umdeutete. Das Gedankengut dieser Subkultur unterwandert mal in abgemildeter, mal in agressiver Form den Common Sense der protestantischen Kirche weltweit. Mit den Spinnereien eines Tim LaHaye, eines Benny Hinn, eines Pat Robertson, gesülzt in eine martialische Sprache, die zu “geistlicher Kriegsführung” aufruft, vollzieht die evangelikale Theologie eine schleichende Radikalisierung der moderaten und die Fanatisierung der unmündigsten Gläubigen.

Die pessimistische Ideologie dieses anschwellenden Nebenstromes der Christenheit hat in mir Leerflächen hinterlassen. Ich denke, zwar, dass mein Glauben heute von jenen beengenden Dogmata, von Homophobie und vertrockneten Geschlechterbildern, vom Bild eines autoritären Bestrafergottes, weitgehend befreit ist. Doch das Misstrauen gegenüber Politik, Wissenschaft und Technologie, und die Erwartung des nahenden Weltuntergangs sind geblieben.

Es gab eine ganze Reihe ähnlicher Gemeinden in Heidelberg, von denen die “freie christliche” noch nicht einmal die reaktionärste war. Die Frauen durften keine Hosen tragen, aber es bestand immerhin keine Kopftuchpflicht, wie bei den Russlanddeutschen einen Block weiter. Und obwohl einige der jungen Männer mit ihrer Bundeswehrzeit prahlten (was nichts half, da ihr Schicksal, mit den Mädchen aus derselben Gemeinde weitere Großfamilien zu gründen, bereits besiegelt war), hatte ich immerhin nie den Eindruck von Deutschtümelei oder gar Ausländerfeindlichkeit, wie man sie bei anderen christlich-konservativen Parteien und Gruppierungen vorfindet (wie zB bei den Redakteuren des Hetzerblogs PI-News).

Bei allen negativen Aspekten, die ich mit dieser Art von Christentum verbinde, man darf eine Gemeinde nicht nur an ihren extremsten Mitgliedern messen. Außer den Hardlinern gab es natürlich die besonnenen, von Herzen guten Gläubigen, denen es ziemlich egal war, ob die Arche Noah nun bald gefunden wird oder nicht. Was mir deshalb ebenfalls in Erinnerung geblieben ist, sind die Freundschaften und Beweise der christlichen Nächstenliebe. Die Mitglieder unterstützten einander aufopferungsvoll mit Diensten und Materiellem. Nie werde ich vergessen, dass der Pastor mit zwei Kisten voller Lebensmitteln an unserer Haustür stand, als meine Familie in Not war. Ich wurde für eine Woche Mitglied einer amerikanischen Missionarsfamilie, als meine Mutter arbeitsbedingt verreisen musste (mein muffinbesetzter Ausflug in die amerikanische Lebensart). Bei Problemen oder Bitten war eine helfende Hand nie weit. Das Engagement für Kinder und Jugendliche, die “Missionseinätze” auf den Straßen und in Altersheimen, das war nie Zurschaustellung sondern kam aus echter Überzeugung heraus, Menschen etwas Gutes zu bringen. Von einer gefährlichen Sekte oder ähnlichem zu reden wäre deswegen trotz allem unangebracht.

Im Nachhinein bin ich vor allem dankbar für das Bibelwissen, das uns in der Sonntagsschule (zu einer Uhrzeit in der man lieber den Disney Club geschaut hätte) nahegebracht wurde. Weil eines der bärtigsten Mitglieder meine Mutter dazu überredete für viele deutsche Mark Kinderhörspielkassetten mit Bibelgeschichten zu kaufen, wurde ich mit Abraham und den Pharaonen so vertraut wie andere Kinder mit Bibi Bloxberg. Ich war zehn, als ich mich für die Taufe entschied.

Schlussendlich wurde uns das stickige Klima der Gemeinde mit wachsenden Machtgeklüngel und Widersprüchen zu viel. Wir verließen sie etwa 1996. Weil unser Sozialleben so sehr in sie verwoben war, dauerte es, bis Distanz gewonnen war. Doch jemandem wie mir war die evangelische Landeskirche so fremd wie eine Moschee. Eine Zeit lang driftete ich von einem Angebot des fundamentalistischen Spektrums zum anderen, von der ultrakonservativen Brüdergemeinde in der Innenstadt zum agitatorisch-hyperaktiven Gospel Center neben dem Aldi. Erst als ich mit vierzehn die Freie evangelische Gemeinde Heidelberg fand, die sich zwar als evangelikal bezeichnete, aber ein völlig anderes Milieu aufwies, konnte ein geistlicher Genesungsprozess beginnen. Ich war nicht allein: andere ehemalige Mitglieder meiner früheren Gemeinde waren schon vor mir angekommen um freier zu atmen als je zuvor.

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One thought on “Der breite und der schmale Weg

  1. Hallo Thomas,

    ich bin eine Freundin von Deiner Mutter.
    Weil ich neugierig bin, wie es Dir gerade in Japan geht, habe ich mal auf Deinem Blog vorbeigeguckt.
    Oh, mit diesem Posting hier sprichst Du mir so aus dem Herzen. In der FEG war ich zwar noch nicht – hab’s im Moment auch nicht vor – aber diese ganze seltsame, ja hasserfüllte Ideologie, die man in der Freikirchen treffen kann, das ist mir auch um einiges zu viel. Das dogmatische, das starre, … Ich bin katholisch eigentlich, aber da ist die katholische Kirche quietschlebendig und äusserst heilspendend im Gegensatz zu vielem von dem freikirchlichen Quatsch. Richtige Katholikin bin ich wahrscheinlich auch nicht, meine Gemeinde zuhause war ziemlich liberal. Und Ökumene war so überhaupt kein Problem, das war was ganz normales.

    Allerdings habe ich ein Buch von der Oxforder Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong gelesen. Es heisst “Im Kampf für Gott – Fundamentalismus im Judentum, Christentum und Islam”. Ein ganz dickes Ding, habe drei Monate dafür gebraucht. Eigentlich ist es ein Buch über die Moderne und die Ängste des Menschen in der Moderne. Und so ist der Fundamentalismus – auch als Religion der Zornes oder gar des Hasses – eine moderne Erscheinung. Ich selbst hatte nie gewusst, dass man solche starken Ängste und solche dermassen Sehnsucht nach Sicherheit haben kann, dass man das jeweilige Glaubenswerk (Tora, Koran oder Bibel) wortwörtlich nehmen und damit plattmachen muss.

    Ganz, ganz liebe Grüsse in einer schwierigen Zeit,
    Sabine

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