Im Zweifel für den Zweifel – Licht und Nebel im Jesus Lifehouse

Stampfende Beats, schmetternde Gitarren, tanzende Jugendliche vor der blitzenden Bühne, ich stehe etwas abseits im Dunkeln, strecke den Arm aus und singe die unbekannten Songs mit. Nein, das ist kein Rockkonzert, sondern eine Kirche mitten in Tôkyô. Um mich ertönt das vielstimmige Pop-Halleluja hunderter Japaner und Ausländer. Die Kirche – pardon, die Church, heißt Jesus Lifehouse und in ihr fühlt sich mein Körper an, als wäre er zeitgereist – zurück zu den Jugendveranstaltungen in Deutschland, die meinen Teenagerglauben mitprägten. War ich wieder an meinen Wurzeln angelangt? Vom Australier Rod Plummer iniziiert hat das JLH es in nur wenigen Jahren nicht nur geschafft, über Tausend Besucher in seine Konzertgottesdienste zu locken, sondern sich auch in Ôsaka, Yokohama und Hong Kong zu etablieren, wo junge Asiaten scharenweise nach der Theologie und Musik der Hillsong-Bewegung tanzen.

Das war letztes Jahr im Juli. Ich war neu in Tôkyô und hungerte nach Jahren ohne feste Kirche endlich wieder nach christlicher Gemeinschaft. Während meiner Unizeit hatte ich mich von der evangelikalen Bewegung sehr entfernt. Nun wollte ich es noch einmal wagen, wollte zu etwas dazugehören, Zeit, Energie, Können für Gottes Dienst einbringen. Ein neues Leben kickstarten. Jesus Lifehouse mit seinem internationalen Flair schien mir alles dies und noch mehr anzubieten. Es war als betrete man die feurigste Talentschmiede der Stadt. Mich überschwänglich empfangend wollte man sofort man meine Potentiale nutzen. Ich spürte etwas auflodern: Euphorie, der Drang, dabeizusein, wenn etwas Umwälzendes passiert, zu machen, zu liefern. Meine zweimal pro Woche stattfindenden Besuche waren elektrisierend, etwas dem man entgegenfiebern konnte. Eine Kirche mit Vision. Zum ersten Mal in Japan war ich mir sicher, an der richtigen Stelle zu sein…

Einen Monat später war meine Begeisterung in bittere Enttäuschung umgeschlagen. Ich war im Begriff zu einer unerwünschten Person zu werden. Ich verließ Jesus Lifehouse so jäh wie ich gekommen war, entschlossen, die radikal-evangelikale Sache nicht mehr länger als eine Abart im christlichen Dogmenspektrum zu tolerieren, sondern mich ihr zu widersetzen.

Was war geschehen?

JLH-B


Zunächst hatte ich versucht, mich einzubringen. Ich gesellte mich zu einer Kleingruppe – der ‘Life Group’ –, half beim Abbau der Bühne, tauschte mich aus. Darüber, dass die meisten Mitglieder, statt Bücher zu schleppen, ihre Bibel im iPhone gespeichert hatten und ziemlich offen einer urbanen Konsumkultur zu frönen schienen, sah ich hinweg. Life Group-Gebete fanden vorzugsweise bei McDonald’s statt. Unter Leuten, die sich Tyler, Grant und Summer nannten kam ich mir vor wie in einer amerikanischen Sitcom. Dies war also das Selbstverständis junger Christen in Tôkyô. Wir spezialisieren uns, so die Erklärung, auf Jugendevangelisation, den Rest überlassen wir den anderen Kirchen. Plausibel, weil es ja funktionierte: Hunderte von Bekehrten, die die “Messages” der Pastoren aufsaugten, hunderte begeisterte Teens und Twens, die eben noch unter den psychosozialen Elendserscheinungen Japans gelitten hatten. JLH lieferte genau das, was den Jungen in dieser Gesellschaft fehlte: Eindeutigkeit. Gemeinschaft. Identität. Entfaltungschancen. Jemand, der ihnen sagte, wie man lebt.

Die zwei Pastoren Rod Plummer und Kimura Ryûta sprachen in ihren leidenschaftlichen Botschaften Klartext. Sie impften der Gemeinde den Katalog an evangelikalen Lehrsätzen ein: der absolute Wahrheitsanspruch der Bibel, Formeln gegen die Attacken des Teufels, kein Sex vor der Ehe usw. usf. Tacheles, Christsein ohne lauwarmes Duckmäusertum und Langeweile!

Mehr als die aufgeputschten Predigten interessierten mich die Leute. Bei bei einem BicMac wurde ich in die Kleingruppenmechanik eingeweiht. Es war simpel. Man liest die Bibel und schreibt seine Assoziationen in ein Journal. In der Life Group spricht man dann darüber. Der Life Group-Leiter kommentiert und berät, das war`s. Vorgeschriebene Formen gab es keine.
Ich machte mit. Eine Zeit lang lief es gut. Ich nahm hin, dass Rods Predigten oft anmuteten wie frommes Motivationstraining, und dass die praktischen Lebensratschläge von Ryûta ( der Bibelstellen so schnell hervornuschelte, als gelte es ins Guinness-Buch zu kommen ) nicht unbedingt eine heilige Schrift erfordert hätten. Auch wenn ich mit 50% der Lehre nicht ganz d’accord war, sie brachten immerhin meine inneren Apparate in Aufruhr.

Allmählich wurde es jedoch offensichtlicher, dass ich den absoluten Wahrheitsanspruch der Bibel, Formeln gegen die Attacken des Teufels, kein Sex vor der Ehe usw. usf. nicht für wirklich wesentlich für meinen Glauben hielt, bzw. vieles für mich keineswegs so eindeutig war, wie für meinen Life Group-Leiter, der sich sehr um meine Einbindung bemühte. Meine Neigung zu den eher kontemplativen und mystischen Formen des Christentums schien schon seltsam genug, dass Anzweifeln der göttlichen Authorität der Bibel kam jedoch nicht in die Tüte. Für mich war sie ein wunderbares und zentrales Buch, das aber auch Konzepte enthielt, die man als Christ des 20ten Jahrhunderts respektvoll als Schwächen ihrer Zeit abtun sollte: patriarchisch bestimmte Frauenbilder, Homophobie, latenter Antisemitismus, ganz zu schweigen von ihrer historischen Glaubwürdigkeit. Für meinen Leiter war dies jedoch indiskutabel. Zitat: “In allen Life Groups glauben wir daran, dass die Bibel das absolute Wort Gottes ist, 100% Wahrheit, und in unseren Leben totale Authorität haben muss.”
Wir gerieten in theologische Streitgespräche, in denen die Bibel als Totschlagargument jegliche Vernunft abwürgte. Viele meiner Fragen wurden einfach ignoriert. “Dieses Buch ist die Gebrauchsanweisung fürs Leben.” – Und warum muss ich an die Bibel glauben? – “Weil es Gottes Wort ist!” – Und wer sagt mir das? – “Die Bibel!” Ich dagegen wurde in meiner Argumentation der Zirkelschlüsse belastet, und musste mir anhören, dass ich Gebote nach Belieben zurechtbog – und mich damit selbst zum Gott machen wollte. Meine Doktrin sei “Gift”. Ich könne nur in der Life Group bleiben, wenn ich meine “Selbstverblendungen” aufgab…
War JLH etwa ein Club, der alle Andersdenkenden systematisch ausschließt? Das konnte ich nach all der anfänglichen Herzlichkeit nicht glauben.
In der Annahme, die Life Group wechseln zu können, sprach ich andere an – um festzustellen, dass die übrigen Gruppenleiter auf der gleichen Linie standen. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Die Life Groups waren die Integrationsschleuse in die JLH-Welt. Ohne sie galt man lediglich als “geduldeter” Gast. Ich befürchtete, dass je länger ich dort ohne Gruppe herumlungerte, irgendwann Gerüchte eines von Lüsten getriebenen Häretikers die Runde machen würden und meine Ansichten nichts zählten. Um beitragen zu können hätte ich die Spiritualität, die mir Gott in den letzten fünf Jahren auf steinigen Wegen eröffnet hatte, leugnen müssen.
War dies etwa sein Wille? Bewiesen nicht alleine die Besucherzahlen wer Recht hatte? War nicht jeder dort ein Musterbeispiel an Erfolg? Gute Familie, guter Beruf, und zu Hause steht die X-Box. Ich mit meiner pragmatischen Weltsicht, die sich nicht scheut, die Unzulänglichkeiten des Daseins ironisch zu reflektieren, sah daneben aus wie ein zynischer Miesepeter. Wenn mein skeptischer Glauben zutraf, warum hatte ich dann nicht auch vierhundert Facebook-Freunde, von denen die Hälfte durch meinen flammenden Lebensstil zu Jesus gefunden hatten? Und verglichen mit ihrem für hiesige Verhältnisse schockierenden Selbstbewusstsein musste meine japanische Ambivalenz wie ein Zeugnis tiefer Unsicherheit wirken.

Ich verstand nicht, warum Glauben ein Nullsummenspiel sein sollte. Dass die Debatten tatsächlich im Kreis liefen lag sicher auch an meiner Unfähigkeit, meine Ansichten in geordneter Weise zu formulieren. Ich hatte auf einen Ort gehofft, in der die Dynamik eines Autausches vieler Positionen lebendig sei, wie anderswo auch. Doch statt freies Denken zu kultivieren war die Life Group dazu da, es in die von der Kirchenleitung festgelegte Richtung zu lenken. Diskussionen unerwünscht.
Nach und nach fielen mir weitere Dinge auf. Aus den den Predigten ließ sich die symptomatische Selbstgefälligkeit jener heraushören, die meinen, im Besitz der letzten Wahrheit zu sein: ‘Wir gegen die verdorbene Welt. Wir gegen die dämonischen Religionen Japans. Wir sind ganz anders. Nur wir können wirkliches Glück erlangen und anständig leben.’ Und dieser aktionistische Duktus der Pastoren wurde von den Nachwuchspredigern der Kirche munter imitiert.

Mein Glaube war im Krisenzustand. Ich wollte nicht gehen. Trotzdem musste ich mich losreißen. Auch auf die Gefahr hin, abermals als Glaubensnomade getrieben zu sein. Ich entschied mich letztlich, mit lustvoller Selbstzerstörung, für das Außenseitertum. Mut für meine Ablehnung gewann ich auch von Tocotronics neuestem Song

Im Zweifel für den Zweifel und die Unfassbarkeit
Für die innere Zerknirschung, wenn man die Zähne zeigt
Im Zweifel fürs Zusammenklappen vor gesamten Saal
Mein Leben wird Zerrüttung, meine Existenz Skandal

Und habe es nicht bereut. Gott hatte andere Pläne für mich, wie ich hinterher feststellte.

Ich bin nicht sicher, wie ich Jesus Lifehouse beurteilen soll. Keine Kirche ist perfekt, klar. Und ich will sie nicht verdammen, weil dies den zahlreichen strahlenden Persönlichkeiten dort Unrecht tun würde. Meine Eindrücke sind bestimmt unvollständig. Der Erfolg beruht jedoch sicher nicht nur auf einer Kanne Extrasegen, sondern auch auf jenen Strategien, die die Menschen hierzulande auch zu durchgeknallten Gruppierungen wie der Wissenschaft des Glücks schwärmen lassen. Was ich kritisiere ist die Exklusivität gegenüber Andersdenkenden und die Einseitigkeit der von vielen jüdisch-christlichen Traditionen losgelösten Lehre. Dieses antidemokratische, selbstgerechte Element ist gefährlich. Werden die Mitglieder volle Entscheidungsfreiheit behalten können, oder wird ihr Leben über kurz oder lang fremdbestimmt? Werden sie dazu verleitet, die Verbindungen zu opponierenden Familien und Freunden zu kappen? Werden sie ehrlichen Fragen auf den Grund gehen dürfen, wenn bei Schicksalsschlägen Zweifel aufkeimen, oder stets mit “Weil das in der Bibel steht” abgespeist? Und gibt es eigentlich Kontrollinstanzen, die das Handeln der “Leiter” reglementieren?

Inzwischen ist die Gemeinde nach Roppongi, in ein noch hipperes Viertel, umgezogen und hat eine weitere Jugendkirche in Nagoya unter seinen Schirm gebracht. Gut vorstellbar, dass hier bald eine Megachurch entsteht. Für eine breite Christianisierung braucht es allerdings zusätzliche Strategien, da eine Jugendkirche in Japans vergreisender Gerontokratie als Konzept kaum ausreicht.
Sollte es je eine Massenerweckung in Japan geben, wird JLH an seiner Speerspitze stehen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass es sich unter den Hardlinern zu einer Sekte radikalisiert, die die Vielfalt christlicher Lebensweisen und kritisches Denken ausschlägt. Wie dem auch sei, Jesus Lifehouse ist auf dem Weg, diese Stadt, dieses Land zu beeinflussen. Ich sehe dieser Entwicklung – mal wieder – mit Ambivalenz entgegen.

2 thoughts on “Im Zweifel für den Zweifel – Licht und Nebel im Jesus Lifehouse

  1. Hallo Fujishima Itsuo,
    ich bin nach einer Internet-Recherche über Christen in Japan (zuerst bei YouTube.com) auf diese Bewegung gestoßen.

    Ich kannte sie noch garnicht, auch wenn sie, wie sich nachher herausstellte, eine der “Pfingstbewegungen” sind…welche mir ein Begriff sind.

    Natürlich hatte das ganze – auch auf mich – eine positive Wirkung, so sind die Videos auch konzipiert…sie zeigen wohl kaum Mutter Teresa’s schwere Zweifel im Glauben (&an Gott). Alles geht um Freude. Und eigentlich ist daran auch nichts Falsches, denn immerhin geht es hier um “die frohe Botschaft”.

    Naja, wie dem auch sei. Ich bin froh deine kritische Meinung gefunden zu haben (&deine Seite!) und werde dir auch noch eine eMail schreiben.

    Vielen Dank!

    LG
    Jonathan Dark

  2. Hallo Fuji,

    Ich denke, der Ruf des Geldes & der Macht, die es verspricht, hat das JLH zerstört (v.a. seinen Führern den Geist vernebelt…sie verwechseln “Wahn” mit “Vision”).
    Was ich an Kommentaren zu deinem englischen Blog-Eintrag gelesen hatte, ist schon erschütterlich. Gut, gewarnt zu sein. Danke!

    Jesus sagte “man kann nicht gleichzeitig Gott dienen UND dem Geld”. Er war stinksauer (und das war er selten!), als er sah, dass ein Gotteshaus für Geldgeschäfte (Wechsel) missbraucht wurde.
    Das stimmt mit Sicherheit, u.a. ist Geld nur eine Sache. Man kann sich damit weder Freunde, Liebe, Freude, Gesundheit noch Glück kaufen, man kann nicht den Tod damit betrügen, noch das Schicksal.

    Natürlich erleichtert (genügend) Geld vieles im Leben. Zu viel davon bringt aber (wissenschaftlich nachgewiesen) keine zusätzliche Freude [ab 60.000€ Jahreseinkommen].

    Zu viel Geld kann auch eine große Last werden, weil man es nicht verlieren will, weil man die Dimensionen verliert (astronomische Renditen >25%), falsche Freunde, Schleimer, etc..

    Nicht umsonst leiden viele Lottogewinner unter Depressionen und sind nachher unglücklicher, als zuvor.

    Wer aber viel Geld hat (selber, ehrlich erarbeitet) und gerne gibt, anderen hilft, die nicht so viel Glück hatten, der wird sicher durch das GEBEN glücklich (und dadurch, dass er sieht, dass sich etwas beim Nächsten verbessert, dass etwas aufgebaut wird und wächst –> “Früchte trägt”).

    Das JLH möchte nur wachsen (expandieren, mächtig werden). Dem Nächsten zu geben, scheint abhanden gekommen zu sein. Daher kann es garnicht mehr Gottes Willen folgen (es hat seine eigene Firmen-Mission). Das aber dient nur Mammon (und der ist weder treu, noch gerecht).

    Es zeigt sich immer wieder, dass nicht die, die so viel Geld haben, dass sie nicht wissen was sie davon kaufen sollen, glücklich werden. Sondern die, die genug zum Leben haben und sich keine (finanziellen) Sorgen machen müssen.

    Ich denke aber, dass man durchaus wohlhabend werden kann als Christ (siehe z.B. Peter F. Drucker). Und dass Christsein nicht automatisch bedeutet arm zu sein/zu bleiben.

    Jedoch bedeutet es bei den Armen zu sein (nicht nur arm an Geld, z.B. auch arm an Glauben) – die Armen nie zu meiden.
    Wer reich und mächtig ist, wird sehr leicht korrumpiert! So verstehe ich Jesu’ Gleichnis zu den Reichen (eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel).

    Man soll Geld einfach nie an die 1. Stelle setzen (das ist leider im JLH passiert, wie allzu viele berichten).

    Wirf doch mal einen Blick auf:
    Die “offene Bibel”
    http://www.offene-bibel.de/

    LG
    Jonathan Dark (ハーフ)

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