Den Untergang herbeigeredet

Durch die turbulenten Ereignisse wurde mein Vertrauen in die deutsche Nachrichtenerstattung tief erschüttert. Dass ich mich zeitweise vom Alarmismus anstecken ließ, den ARD und n-tv schürten, hat mir eine Lektion in Sachen Krisenverhalten gelehrt. Eine erste Reflektion.


Natürlich, als einigermaßen mündiger Demokrat weiß man, dass man nicht alles für bare Münze nehmen soll, was im Fernsehen läuft. “Take everything with a grain of salt”, wie der Amerikaner sagen würde. Vor allem als Filmstudent ist mir sehr bewusst, dass objektive Realität eine wackelige Angelegenheit ist und Bilder immer nur Bruchstücke der Wahrheit spiegeln können, ohne dass dahinter eine böse Absicht stecken muss. Das Selektieren und Editieren gehört zum Journalismus selbstverständlich dazu.

Weil man trotzdem so etwas wie ein Grundvertrauen in die renommierten Nachrichtensendungen hat, rief ich in den Stunden des Unglückes als Erstes die Webseite der Tagesschau (ARD) auf. Weitere ausländische News bezog ich vom Online-Portal der ZEIT, sowie n-tv, CNN und Al Jazeera. Um das Bild abzurunden schaute ich auch bei MSNBC, Fox News, BBC und den heute-Nachrichten (ZDF) vorbei. Unter den diversen japanischen Live-Nachrichtensendungen zappte ich umher, doch NNN (Nippon Television) und ANN (TV Asahi) waren vergleichsweise am ausführlichsten. Im Allgemeinen wurde dort sehr sachlich, sehr ruhig (so weit es die Situation erlaubte) berichtet.

Mit der Zeit divergierte der Tonfall zwischen japanischen und deutschen Medien immer deutlicher. Besonders was die Atomkrise in Fukushima betraf, explodierten auf den Webseiten der Tagesschau und n-tv die Informationen. Da hieß es einmal, die Infrastruktur des Lands sei “völlig zerstört”, ein anderes mal war für die ARD der “Super-GAU” schon passiert. Die US-Zeitungen oszillierten zwischen Zurückhaltung und Schrecken. Das führte dazu, dass ich immer verunsicherter wurde und gegen die Hysterie der ausländischen Medien mental ankämpfte. Schließlich fielen mir immer mehr Schwächen der deutschen Medien auf, so dass ich doch wieder den japanischen Glauben schenkte.

JapanNews01
Angespannt, aber sachlich. Nachrichten werden meist im Team präsentiert.

Was waren das für Schwächen?

Als erstes bemerkte ich, dass die deutschen Reporter und Kamerateams selten selbst vor Ort waren, um Aufnahmen zu machen und Beteiligte zu befragen. Sehr viele der Videos werden von der Nachrichtenagentur Reuters und NHK World (der internationale Nachrichtenkanal des staatlichen Senders NHK, den kaum ein Japaner kennt) übernommen. Diese Materialbeschaffung ist meines Wissens nach üblich. Die ARD hat ja wohl kaum einen eigenen Hubschrauber in Tôkyô. Wenn allerdings Reuters ein Interview von der Straße, oder NHK World Pressekonferenzen vom Japanischen ins Englische dolmetscht, scheinen diese Simultanübersetzungen wiederum vom Englischen ins Deutsche übertragen zu werden, ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Wortlaut. Es dürfte klar sein, dass dabei immer ein Zeitdruck besteht, der eine 100%ig genaue, alle Nuancen und Fachkenntnisse erforderndern Begriffe korrekt treffende Simultanwiedergabe verhindert. Da wundert es nicht, wenn auf einmal 9000 km vom Geschehen entfernt sich Panik breitmacht, vor allem bei einem brenzligen Thema wie Atomkraft.

Wie viele deutsche Korrespondenten sind der japanischen Sprache tatsächlich mächtig genug, um komplizierte Redewendungen von Politikern und Technikern im Original zu erfassen? Wenn im deutschen Hörfunk das Wort für die japanischen Verwaltungsbereiche “ken” immer noch mit ‘Provinz’ übersetzt wird, statt mit ‘Präfektur’ darf ich annehmen, dass es nicht viele sind. Das ist so, als sage man ‘Kanton’ statt ‘Bundesland’. Provinzen gibt es in Japan seit 150 Jahren nicht mehr.

Inzwischen scheint die ARD sich ihre Infos fast nur noch von NHK World zu beschaffen…

Es ist nicht nur die Sprache. Ich glaube kaum, dass alle für Japan zuständigen Berichterstatter die nötige kulturelle Erfahrung besitzen, um sensibel genug aus der japanischen Körpersprache und Wortwahl die richtigen Kommunikationshinweise herauslesen zu können. Ich betone das, weil die Wahrnehmungsunterschiede tatsächlich existieren und die Reaktionen der Japaner deswegen nicht einfach als “obrigkeitshörig” oder “fatalistisch” gedeutet werden dürfen, als gelten auf der ganzen Welt deutsche Verhaltensmaßstäbe. Glaubt man der ARD, so sind sie ein monolithisch agierendes Volk von braven Jasagern… Blödsinn! Im Übrigen lesen “die Japaner” den Regierungssprechern weder von den Lippen, noch stellen diese die einzige Informationsquelle dar. In allen hiesigen Nachrichtensendungen werden Experten zu Rate gezogen und wichtige Fragen diskutiert. Kamerateams fliegen direkt in die Krisengebiete und vermitteln ein recht differenzierteres Bild der Verhältnisse. So konnte man erfahren, dass auch über 25 000 verunglückte Menschen gerettet werden konnten. (Die Tsunami-Katastrophe ist vor der Atomangst hier nicht in den Hintergrund gerückt).

Klar, auch die japanischen Medien sind vor Sensationsgeilheit nicht gefeit (man nehme nur die skandalträchtigen Wochenzeitschriften, die seit jeher das Vertrauen in die Politik untergraben). Die Volksverblödung nimmt mit jeder Meldung über Eisbär Knut auch hier ihren Lauf. Doch eine Spekulationskaskade mit der auf einmal die deutschen Medien und Politiker die Köpfe mit Pessimismus fluteten gab es hier nicht: n-tv präsentierte Befürchtungen als Schlagzeilen. Schießbudenfiguren wie Guido Westerwelle (“atomare Apokalypse“) und Günther Oettinger (“Anlage außer Kontrolle“) traten vor die Mikros. Als die anglophonen Journalisten die letzten Arbeiter am AKW Fukushima einhellig als Helden feierten, bezeichnete sie ein deutscher Atomexperte als “arme Schweine“, deren Einsatz “sinnlos” sei. Da ist es kein Wunder, dass die Japaner geradezu sorglos erschienen (was sie nicht sind).

JapanNews02
Statt normaler Werbung liefen Werte-Spots des Ad Council Japan

Ich will hier keine Gefahr kleinreden. Die Lage hier war äußerst dramatisch. Wenn nacheinander zwei Reaktorgebäude in die Luft fliegen ist es verdammt schwer, kühlen Kopf zu bewahren. Die reale Gefahr von Abertausenden von Strahlenopfern bestand, besteht wahrscheinlich immer noch. Offen gesagt, auch ohne n-tv schloss ich das Schlimmste nicht aus.
Die Vergangenheit zeigt, dass bei Atomunfällen die volle Wahrheit erst später herauskommt. Die zwielichtige TEPCO-Führung wird sicher versuchen, sich so positiv wie möglich darzustellen, so wie der Chemiefabrikant Chisso in den 50ern, welcher die Quecksilbervergiftungen, von der Tausende in Kyûshû betroffen waren, vertuschte, oder so wie letztes Jahr der Energiekonzern BP die Ursachen und Folgen der Ölkatastrophe in den USA verharmlosen wollte. Es werden noch furchtbare Dinge ans Tageslicht kommen. Es half im Eifer der Situation allerdings nicht, dass ARD-Korrespondent Robert Hetkämper den Untergang Tôkyôs schon wie eine unabwendbare Sache behandelte und die Appelle der Regierung zur Besonnenheit als “Beschönigung” abfertigte. Denn trotz Atomlobby und Gesichtsrettung glaube ich kaum, dass die Regierung jetzt so verantwortungslos ist, mit Lügen das Leben ihrer Bürger aufs Spiel setzen zu wollen.

Ich fand schließlich, dass neben den japanischen Sendern die Agenturen Reuters und Kyôdô die besten und schnellsten Informationen boten. Zur besseren Interpretation der Ereignisse trugen der Deutschlandfunk und die ZEIT bei.
Mittlerweile hat sich die Lage und auch die Medien beruhigt. Was mir bleibt ist ein stärkeres Misstrauen. Das fehlende kulturelle Feingespür, Nachrichten aus zweiter Hand…. das wirft kein gutes Licht auf die ausländische Berichterstattung, besonders jetzt auch in der Libyenkrise. Für die Zukunft deshalb: Take everything with a spoon full of salt.

*

Interessante Artikel
Lesenswerte Einschätzung und Kritik eines japanischen Intellektuellen: http://www.fr-online.de/kultur/debatte/-verfuehren-sie-mich-bitte-nicht-zum-nationalismus–/-/1473340/8248880/-/index.html
Zum Verhalten der Japaner in der Katastrophe: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1416210/
Zum Zahlenzynismus in den Medien: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1414866/
Wie die Deutschen vor Ort reagierten: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-03/protokolle-japan-erdbeben

4 thoughts on “Den Untergang herbeigeredet

  1. Vielen Dank Fuji, für diesen aufschlussreichen Artikel, der mich in meinen Vermutungen mehr als nur bestätigte. Sprachtechnisch konnte ich nur die englischsprachigen und deutschen Medienberichte miteinander Vergleichen, die Unterschiede waren oft sehr deutlich und verwirrten am Ende immer mehr. Es wird leider immer schwerer, bei all den zugänglichen Quellen die tatsächlichen Sachverhalte herauszufiltern. Gerade zum Thema Fukushima wurden zich Experten (ob wahre oder selbsternannte) gehört und neben einigen besonnen sachlichen Ausnahmen, gab es doch leider eine Mehrheit die im schwärzesten Schwarz die Zukunft malten. Sicher, zu Spaßen ist mit diesem Thema nicht, die Folgen können verherend sein…aber dennoch ließen gerade die Herren Atomspezialisten,die am apokalyptischsten zu sprechen pflegten, immer wieder den Einschub verlauten, dass doch alles auf Vermutungen basiere, denn genaue Informationen hätte man zur Stunde ja noch nicht…live aus Osaka…
    Knapp 2 Wochen nach dem Beben, verebbt langsam aber sicher die Berichterstattung, obwohl die Situation noch lange nicht gelöst zu sein scheint, Menschen immer noch vermisst werden, obdachlos sind, ohne Strom und Wärme. Hierzulande macht man sich nun nur Sorgen ob das Sushi im asiatischen Supermarkt noch zu genießen ist und der Grüne Tee nicht bei Aufgießen zu strahlen beginnt. Die, dem gemeinen Nachrichtenkonsument, oft als typische asiatische Charaktereigenschaft verkaufte, ruhige, besonnene, fast stoische Gelassenheit, scheint angesichts einer von raschen Übergängen panischer Sensationsberichten zu beiläufigen “außerdem geschehen” News bestimmten Medienwelt, die weitaus aufrichtigere und kompatibelste Haltung gegenüber Katastrophen wie diesen zu sein.

  2. Sag mal Fuji-san…wie lange studierst bzw. lernst du schon Deutsch? Ich finde es unglaublich, wie du fehlerfrei und dazu noch sowas von wortgewandt deinen Blog verfasst! Das ist bis her der beste Blog, den ich zu diesem Thema gelesen habe. Ich bin ganz nebenbei der Bruder von Annemarie, die du vielleicht aus Heidelberg kennst. Ich studiere Japanologie jetzt seit 2 1/2 Jahren und wage mich kaum an japanische Medien heran. Natürlich gucke ich die Nachrichten im Fernsehen und höre Radio, aber ich gebe dir Recht, dass es für einen Deutschen sehr schwer verständlich ist. Besonders die ganzen “Kango” machen mir zu schaffen! Gerade deswegen bin ich dir dankbar, dass du als objektiver Vermittler zwischen beiden Seiten fungierst und beide Sprachen, Kulturen und vorallem deren Berichterstattung beleuchtest!…Vielen Dank!本当にありがとうございました!

  3. Hallo David,
    vielen Danke für den Kommentar. Ich habe von Annemarie von dir gehört, als ich noch in Heidelberg lebte. Ich bin übrigens in Deutschland aufgewachsen, Deutsch ist meine Muttersprache, daher ist es etwas zu viel des Lobes… Japanisch muss ich mir auch erst erarbeiten. Um japanische Nachrichten einigermaßen zu verstehen, dafür habe ich auch länger gebraucht.
    Wo studierst du denn Japanologie? Ich dachte, du bist noch in Okinawa stationiert?
    これからもよろしくお願いします!

  4. Danke Beatrix,
    du hast recht, mit dem Thema Atomgefahr ist, außer mit Galgenhumor, für uns im Moment nicht zu spaßen. Uns bleibt im Moment gar nichts übrig, als ruhig zu bleiben, weil durch Panik oft auch Schaden entsteht. Leider ist die Situation in den Notunterkünften mitunter so ernst, dass es in den letzten Tagen schon zu Benzindiebstahl (falls man in dem Fall von Diebstahl reden darf) gekommen. Ich fürchte, dass die Geduld der Leute ihre Grenzen hat…

    Auch hier verebben die Nachrichten und viele in den verschonten Gebieten gehen zur Tagesordnung über. Ich fühle mich, wie auch viele sicher auch, überfordert mit der Krisenlage gleich vor der Haustür, man weiß im ersten Moment einfach nicht, was zu tun ist, wenn man noch nie in einer solchen Extremsituation war.

Leave a Reply