Komatös, doch auf den Beinen (der Komaläufer spricht wieder)

Dickicht01

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Es gibt keine Zeit (für myself), keine Zeit, das Schweigen zu brechen. Ich setze mich nicht hin, denke nicht nach, ordne das Nichtgedachte nicht in Sätze, reflektiere nicht was ich tue und wie mir geschieht. Alles Gedachte passiert meinen Schädel, ist auf Durchreise von und in andre Köpfe ohne meins zu werden.

Fünf Monate seit dem Beben, viereinhalb seit ich hier am Asian Rural Institute zu leben und arbeiten begann. Es war so unglaublich viel los in dieser kurzen Zeit, und ich habe mich vielleicht absichtlich nie umgedreht, als ich den Berg hinaufrannte. Ich fange mit kurzsichtigem Blick auf was mir zugeschmissen wird, Arbeit, Gespräche, Abgründe, ich denke nicht nach. Ich mache einfach, mache, jongliere mit dem Greifbaren und werfe es dem nächsten zu. Nichts bleibt lange in meiner Hand, außer vielleicht die Kamera und die saugt gierig auf, ist ein Vielfraßauge, das ich mit Menschenlicht füttre. Ich seh nur das, was vor mir liegt, alles übrige fliegt davon, Atomkraftwerkskatastrophe, Strahlenkrankheit, Nachbeben, die Zeit, ich verfüge nichts außer über die Gegenwart, und sie eigentlich über mich, den Augenblick leben heißt hier Flaschenhals sein, den Sand durchschleusen, aber nichts festhalten. Am Ende dieses Jahres – so hoffe ich jedenfalls – werde ich zurückblicken und verstehen, was all dieses und ich uns gegenseitig bedeuten. Bis dahin ist das einzige, zu dem ich jetzt in der Lage bin, den Fluss auf Sprungsteinen zu überqueren, indem ich einen unsicheren Satz nach dem andern mache. Ich muss mir die Worte leihen, und auch die Gebete sind geborgt, weil nicht nur mein pausenloser Alltag zusammen mit dem unaufhörlichen Codeswitching mein Sprachzentrum blockiert, sondern auch wegen der Betäubung, der Lähmung, die von dem unsichtbaren Übel, das 110km Luftlinie nordöstlich vor sich hinwütet, sich im Hals festgesetzt hat. Das Gespenst hat sich festgesetzt. Ich kann heute nicht weiter darüber und darüber, was mit diesem Land passiert, sprechen, ich brauche länger Anlauf dafür. Dies hier ist wie der erste Schritt zurück.

Ich habe lange geschwiegen weil ich alle Hände voll zu tun habe und nichts richtig zuordnen kann. Doch es geht mir sehr gut, bin glücklich, trotzdem unsere Wirklichkeit nach und nach von dem von uns geschaffenen Irrealen penetriert wird. Für heute sollen ein paar Bilder genügen.


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Dickicht02

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Dickicht03

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Im Blick zurück entstehen die Dinge, die dazu führen, dass wir uns finden.


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