Doing the right thing – ただしい道を選ぶ
あなたの御言葉は、わたしの道の光、わたしの歩みを照らす灯。
人生において神さまからの声というものに気付くことがある。その声がはっきり聞こえれば聞こえるほどそれが使命であることが分かり、どの困難にも関わらず従わざるをえないときがある。この度、神さまが私を交差結合された東京の格子風景から栃木県の田舎、アジア学院というところへと呼び出した。
アジア学院は共同体生活に基づいたリーダーシップ学校である。そこには、有機農法や自給自足、コミュニティー・ビルディングや平和活動が教えられており、そのユニークなところで私は過去に一年間ボランティア活動をしたことがある。そしてこれからは広報を担当する職員になる。
私は東京の慌ただしい生活には慣れなかった。自分の価値と真反対な場所であり、人間に残酷なこの街、そして自分を憎むべき姿に変えてゆく映画業界での退屈な事務仕事・・・私が何千人の都会人のようにうつ病に陥らなかったのは、心を支えてくれた友人のおかげだと思う。
そういう中で神さまが扉を開いてくれた。そして、日本が戦後最大の危機に晒されてアジア学院の将来も原発問題で不明確になっている今こそ、私がそこにいるべきことをかたく信じている。ベストを尽くすつもりで私は物を整理して金曜日にアジア学院に引っ越してきた。
いろんな意味で目が開かれたから東京で学べたことを感謝する。この国、私たちの世界がこれよりも深刻なチャレンジとたくさん向かい合うに違いない。だけど私は希望でいっぱいです。神さまはともにある。
Your word is a lamp to my feet and a light to my path.
There are times in life when you hear God’s call so strong and clearly that you can’t do anything else than follow it against all odds. This time, God has called me out of the cross-linked gridscapes of central Tôkyô, to live and work at the Asian Rural Institute, in rural Tochigi prefecture.
The Asian Rural Institute is a community-based leadership school. It teaches sustainable organic farming, self-sufficiency, community and peace building among other things. In this unique and amazing place I had spent a year of volunteering in the past. Now I am becoming a public relations staff member there.
I never got used to the hectic lifestyle of Tôkyô. A city so contrary to my values, so hostile to its people, and my tedious work as an office rat in the movie industry turning me into someone I hated to be… Hadn’t it been for a group of friends there, I might have plunged into urban depression, just as thousands of others.
That’s where God opened this door. And especially now that Japan is going through her biggest crisis since the war and the near future of ARI has become uncertain due to the nuclear power plant crunch I am convinced that this is the place I ought to be now. I wrapped up my stuff and moved to ARI yesterday. I’m willing to give my best.
I am thankful for the things I could learn in Tôkyô. It had opened my eyes in many ways. This country, our world will face more and bigger challenges. But I am filled with hope. God is here.
Den Untergang herbeigeredet
Durch die turbulenten Ereignisse wurde mein Vertrauen in die deutsche Nachrichtenerstattung tief erschüttert. Dass ich mich zeitweise vom Alarmismus anstecken ließ, den ARD und n-tv schürten, hat mir eine Lektion in Sachen Krisenverhalten gelehrt. Eine erste Reflektion.
Natürlich, als einigermaßen mündiger Demokrat weiß man, dass man nicht alles für bare Münze nehmen soll, was im Fernsehen läuft. “Take everything with a grain of salt”, wie der Amerikaner sagen würde. Vor allem als Filmstudent ist mir sehr bewusst, dass objektive Realität eine wackelige Angelegenheit ist und Bilder immer nur Bruchstücke der Wahrheit spiegeln können, ohne dass dahinter eine böse Absicht stecken muss. Das Selektieren und Editieren gehört zum Journalismus selbstverständlich dazu.
Weil man trotzdem so etwas wie ein Grundvertrauen in die renommierten Nachrichtensendungen hat, rief ich in den Stunden des Unglückes als Erstes die Webseite der Tagesschau (ARD) auf. Weitere ausländische News bezog ich vom Online-Portal der ZEIT, sowie n-tv, CNN und Al Jazeera. Um das Bild abzurunden schaute ich auch bei MSNBC, Fox News, BBC und den heute-Nachrichten (ZDF) vorbei. Unter den diversen japanischen Live-Nachrichtensendungen zappte ich umher, doch NNN (Nippon Television) und ANN (TV Asahi) waren vergleichsweise am ausführlichsten. Im Allgemeinen wurde dort sehr sachlich, sehr ruhig (so weit es die Situation erlaubte) berichtet.
Mit der Zeit divergierte der Tonfall zwischen japanischen und deutschen Medien immer deutlicher. Besonders was die Atomkrise in Fukushima betraf, explodierten auf den Webseiten der Tagesschau und n-tv die Informationen. Da hieß es einmal, die Infrastruktur des Lands sei “völlig zerstört”, ein anderes mal war für die ARD der “Super-GAU” schon passiert. Die US-Zeitungen oszillierten zwischen Zurückhaltung und Schrecken. Das führte dazu, dass ich immer verunsicherter wurde und gegen die Hysterie der ausländischen Medien mental ankämpfte. Schließlich fielen mir immer mehr Schwächen der deutschen Medien auf, so dass ich doch wieder den japanischen Glauben schenkte.
Was waren das für Schwächen?
Als erstes bemerkte ich, dass die deutschen Reporter und Kamerateams selten selbst vor Ort waren, um Aufnahmen zu machen und Beteiligte zu befragen. Sehr viele der Videos werden von der Nachrichtenagentur Reuters und NHK World (der internationale Nachrichtenkanal des staatlichen Senders NHK, den kaum ein Japaner kennt) übernommen. Diese Materialbeschaffung ist meines Wissens nach üblich. Die ARD hat ja wohl kaum einen eigenen Hubschrauber in Tôkyô. Wenn allerdings Reuters ein Interview von der Straße, oder NHK World Pressekonferenzen vom Japanischen ins Englische dolmetscht, scheinen diese Simultanübersetzungen wiederum vom Englischen ins Deutsche übertragen zu werden, ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Wortlaut. Es dürfte klar sein, dass dabei immer ein Zeitdruck besteht, der eine 100%ig genaue, alle Nuancen und Fachkenntnisse erforderndern Begriffe korrekt treffende Simultanwiedergabe verhindert. Da wundert es nicht, wenn auf einmal 9000 km vom Geschehen entfernt sich Panik breitmacht, vor allem bei einem brenzligen Thema wie Atomkraft.
Wie viele deutsche Korrespondenten sind der japanischen Sprache tatsächlich mächtig genug, um komplizierte Redewendungen von Politikern und Technikern im Original zu erfassen? Wenn im deutschen Hörfunk das Wort für die japanischen Verwaltungsbereiche “ken” immer noch mit ‘Provinz’ übersetzt wird, statt mit ‘Präfektur’ darf ich annehmen, dass es nicht viele sind. Das ist so, als sage man ‘Kanton’ statt ‘Bundesland’. Provinzen gibt es in Japan seit 150 Jahren nicht mehr.
Inzwischen scheint die ARD sich ihre Infos fast nur noch von NHK World zu beschaffen…
Es ist nicht nur die Sprache. Ich glaube kaum, dass alle für Japan zuständigen Berichterstatter die nötige kulturelle Erfahrung besitzen, um sensibel genug aus der japanischen Körpersprache und Wortwahl die richtigen Kommunikationshinweise herauslesen zu können. Ich betone das, weil die Wahrnehmungsunterschiede tatsächlich existieren und die Reaktionen der Japaner deswegen nicht einfach als “obrigkeitshörig” oder “fatalistisch” gedeutet werden dürfen, als gelten auf der ganzen Welt deutsche Verhaltensmaßstäbe. Glaubt man der ARD, so sind sie ein monolithisch agierendes Volk von braven Jasagern… Blödsinn! Im Übrigen lesen “die Japaner” den Regierungssprechern weder von den Lippen, noch stellen diese die einzige Informationsquelle dar. In allen hiesigen Nachrichtensendungen werden Experten zu Rate gezogen und wichtige Fragen diskutiert. Kamerateams fliegen direkt in die Krisengebiete und vermitteln ein recht differenzierteres Bild der Verhältnisse. So konnte man erfahren, dass auch über 25 000 verunglückte Menschen gerettet werden konnten. (Die Tsunami-Katastrophe ist vor der Atomangst hier nicht in den Hintergrund gerückt).
Klar, auch die japanischen Medien sind vor Sensationsgeilheit nicht gefeit (man nehme nur die skandalträchtigen Wochenzeitschriften, die seit jeher das Vertrauen in die Politik untergraben). Die Volksverblödung nimmt mit jeder Meldung über Eisbär Knut auch hier ihren Lauf. Doch eine Spekulationskaskade mit der auf einmal die deutschen Medien und Politiker die Köpfe mit Pessimismus fluteten gab es hier nicht: n-tv präsentierte Befürchtungen als Schlagzeilen. Schießbudenfiguren wie Guido Westerwelle (”atomare Apokalypse“) und Günther Oettinger (”Anlage außer Kontrolle“) traten vor die Mikros. Als die anglophonen Journalisten die letzten Arbeiter am AKW Fukushima einhellig als Helden feierten, bezeichnete sie ein deutscher Atomexperte als “arme Schweine“, deren Einsatz “sinnlos” sei. Da ist es kein Wunder, dass die Japaner geradezu sorglos erschienen (was sie nicht sind).

Statt normaler Werbung liefen Werte-Spots des Ad Council Japan
Ich will hier keine Gefahr kleinreden. Die Lage hier war äußerst dramatisch. Wenn nacheinander zwei Reaktorgebäude in die Luft fliegen ist es verdammt schwer, kühlen Kopf zu bewahren. Die reale Gefahr von Abertausenden von Strahlenopfern bestand, besteht wahrscheinlich immer noch. Offen gesagt, auch ohne n-tv schloss ich das Schlimmste nicht aus.
Die Vergangenheit zeigt, dass bei Atomunfällen die volle Wahrheit erst später herauskommt. Die zwielichtige TEPCO-Führung wird sicher versuchen, sich so positiv wie möglich darzustellen, so wie der Chemiefabrikant Chisso in den 50ern, welcher die Quecksilbervergiftungen, von der Tausende in Kyûshû betroffen waren, vertuschte, oder so wie letztes Jahr der Energiekonzern BP die Ursachen und Folgen der Ölkatastrophe in den USA verharmlosen wollte. Es werden noch furchtbare Dinge ans Tageslicht kommen. Es half im Eifer der Situation allerdings nicht, dass ARD-Korrespondent Robert Hetkämper den Untergang Tôkyôs schon wie eine unabwendbare Sache behandelte und die Appelle der Regierung zur Besonnenheit als “Beschönigung” abfertigte. Denn trotz Atomlobby und Gesichtsrettung glaube ich kaum, dass die Regierung jetzt so verantwortungslos ist, mit Lügen das Leben ihrer Bürger aufs Spiel setzen zu wollen.
Ich fand schließlich, dass neben den japanischen Sendern die Agenturen Reuters und Kyôdô die besten und schnellsten Informationen boten. Zur besseren Interpretation der Ereignisse trugen der Deutschlandfunk und die ZEIT bei.
Mittlerweile hat sich die Lage und auch die Medien beruhigt. Was mir bleibt ist ein stärkeres Misstrauen. Das fehlende kulturelle Feingespür, Nachrichten aus zweiter Hand…. das wirft kein gutes Licht auf die ausländische Berichterstattung, besonders jetzt auch in der Libyenkrise. Für die Zukunft deshalb: Take everything with a spoon full of salt.
*
Interessante Artikel
Lesenswerte Einschätzung und Kritik eines japanischen Intellektuellen: http://www.fr-online.de/kultur/debatte/-verfuehren-sie-mich-bitte-nicht-zum-nationalismus–/-/1473340/8248880/-/index.html
Zum Verhalten der Japaner in der Katastrophe: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1416210/
Zum Zahlenzynismus in den Medien: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1414866/
Wie die Deutschen vor Ort reagierten: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-03/protokolle-japan-erdbeben
Zwischen Panik und Alltag – Meine Woche seit dem Beben
Es ist nun mehr als eine Woche her, dass Japan von einem unbeschreiblichen Desaster heimgesucht wurde. Das in nur wenigen Tagen hereinbrechende Übermaß an Verderben im Land, in dem ich seit über sechs Jahren lebe, hat mich, obwohl ich überhaupt nicht direkt betroffen war, durch ein Bad der Gefühle gespült. Oft wünschte ich mir, morgens aus diesem Alptraum aufzuwachen. Dabei hatte ich noch Glück, denn zum Zeitpunkt des Bebens war ich gerade für ein paar Tage nach Kyôto gefahren. Dort, 500 km westlich von Tôkyô (wo ich wohne) entfernt, hatte ich meine Freundin Ayumi besucht.
Als es geschah war ich in der Stadt unterwegs. Morgens hatte ich im Kitano Tenmangû-Schrein die Pflaumenblüte bewundert. Erst als ich Ayumi für’s Abendessen traf, erfuhr ich, dass etwas Schlimmes passiert war. In einem Chinarestaurant, wo der Fernseher lief, gewannen wir mit den ersten Bildern eine Ahnung vom Ausmaß der Katastrophe. Tsunami-Warnungen für die gesamte Küste Japans, der öffentliche Verkehr in Tôkyô liegt lahm, Millionen Pendler stehen herum. Die Facebook-Einträge meiner Freunde bestätigten die Situation in der Hauptstadt. Noch bevor wir etwas zu Essen bestellten, versuchten wir Familienangehörige ans Telephon zu bekommen – erfolglos, die Leitungen waren überlastet. Zu dem Zeitpunkt begriffen wir noch gar nicht, dass die Videos jener Häuser, die von Flutwellen weggerissen wurden, verschiedene Orte zeigten, und nicht nur ein und den selben.
Im Ryokan (ein traditionelles Hotel) ließen wir den Fernseher an. Die Meldungen der Moderatoren überschlugen sich im Minutentakt. Stromausfälle in Tôkyô, Nachbeben erschütterten die Studios, an einem Strand wurden angeblich über 200 Leichen gefunden, ein Kernkraftwerk bereitete Schwierigkeiten, ganze Industrieanlagen waren in Flammenmeere verwandelt, meterhohe Flutwellen rasten immer noch heran… die beispiellose Kette der Zerstörung, die man live mitverfolge, wirkte wie das Szenario eines billigen Katastrophenfilms, zu surreal um wahr zu sein… die Bilder passten nicht zu dem “echten” Japan, an das ich gewohnt war…
Obwohl uns in Kyôto nichts zugestoßen war, senkte sich in dieser Nacht ein Gefühl der Bedrohung auf uns herab… als hätten sich irgendwelche Mächte dazu verschworen, Japan zu vernichten… sogar das kurzlebige Gerücht, dass der seit dreihundert Jahren ruhende Fujisan wieder ausbrechen könnte, schien an diesem Abend keine Spinnerei. Ayumi und ich beteten.
Mein Vorhaben, am nächsten Tag nach Tôkyô zurückzukehren, wurde durch kilometerlange Staus in Shizuoka verhindert. Die Busse fuhren nicht. In Tôkyô gab es Probleme mit Wasser und Strom. Ich entschied mich dafür, noch ein, zwei Tage zu bleiben. Wenigstens konnte ich meine Verwandten erreichen. Allen ging es gut.
Aus den ein, zwei Tagen wurde eine ganze aufwühlende Woche, in der meine Nerven ständig von der Furcht vor einer Atomkatastrophe und der Ungewissheit vor dem kommenden Tag malträtiert wurden. Schon am nächsten Abend erfuhren mein Studienfreund, der mir in seiner engen Mietswohnung ein Futon zum Übernachten bereitstellte, und ich von der Explosion am Kernkraftwerk Fukushima. Die Informationslage war wirr. Ich verfolgte gleichzeitig deutsche, amerikanische, japanische und arabische Nachrichtensender. Dass sich aus keinem eine überzeugende Einschätzung gewinnen ließ steigerte die Hilflosigkeit. Wem konnte man vertrauen? Mit Erdbeben hatte ich Erfahrung, aber ein Atom-GAU? Der Kloß im Hals verschlang jede neue Unglücksbotschaft und wuchs zu einem dunklen Gespenst im Kopf heran. Man war noch Zuschauer, aber ein bedrohter.
Tagsüber schlug ich die Zeit in der Nähe von WiFi-Spots tot. Sorgenbelastete emails aus Deutschland. Freunde, die nacheinander das Land verließen. Gerüchte, die an der Glaubwürdigkeit der Behörden nagten.
Morgens am Spiegel entdeckte ich ein graues Haar.
Ich wollte mich nicht irremachen lassen. Traf mich mit Freunden, lenkte mich ab. Die Experten im japanischen Fernsehen erklärten in beruhigenden Tönen. Als jedoch das zweite Reaktorgebäude in die Luft flog und die Strahlungswerte in Tôkyô stiegen und es laut US-Experten in Fukushima zu einer veheerenden Kettenreaktion kommen könnte, sprang ich auf den Paranoiazug auf, den allen voran die deutschen Medien anheizten. Erst Ayumi und ein Tôkyôter Kumpel bremsten mich durch besonnene Worte ab. Wir besuchten eine Paul Klee-Ausstellung, seitdem war das Gespenst im Hals verpufft.
Am nächsten Tag fiel Schnee. Ayumi und ich freuten uns über die Freizeit. Wir waren in der leicht bizarren Lage, physisch völlig unbetroffen zu sein. Das Leben in Kansai (Westjapan) verlief so als sei nichts geschehen. Abends jedoch empfingen wir eine Freundin mit ihrer Familie am Bahnhof. In Begleitung ihrer schwerkranken Mutter waren sie aus der Präfektur Ibaraki hergefahren, weil sie die Dauererdbeben nicht mehr aushielten.
In der Nacht schwankte mein Hotelzimmer, Stärke 3.
Am Freitag aß ich mit einem australischen Freund zu Mittag. Einer der vielen, die Tôkyô verlassen hatten und nun auf dem Weg zum Flughafen in Ôsaka waren. Sein Konsulat stellte ihm das Flugticket bereit. Auch ich dachte mehrmals über eine Rückkehr nach Deutschland nach, mit Ayumi, weil Verwandte und Freunden dazu drängten. Selbst die deutsche Botschaft war nach Kansai getürmt. Doch so einfach weg ging nicht. Erstens lag mein Reisepass in Tôkyô. Zweitens konnte und wollte ich meine Familie, das Land hier nicht zurücklassen… Erst recht nicht in dieser Not. War es Solidarität? Schlechtes Gewissen? Faulheit? Keine Ahnung. Ich entschied mich für Hoffnung, und achtete nicht mehr auf die bescheuerte deutsche Berichterstattung. Ich war nervös, aber verglichen mit den vielen Leuten, die wirklich alles verloren hatten, ging es mir ausgesprochen gut.
Nach sieben Nächten in Kyôto stieg ich am Samstagmittag endlich in den Shinkansen nach Tôkyô. Der Zug war leerer als sonst. Die Tasche mit Vorräten war schwer. Die Ungewissheit als Kopfgepäck. Zwei verträumte Fahrtstunden später war ich wieder da. In den Gallerien des Bahnhofs Tôkyô, die wegen einer langwierigen Renovierung jede Woche anders verlaufen, waren weniger Menschen als sonst zu sehen. Ansonsten Normalität. Man erkannte, wo Strom gespart wurde. Einige Regale in den Convenience Stores waren leer.
Mein schuhschachtelgroßes Zimmer in Ningyô-chô war ein Durcheinander, aber nicht so schlimm wie befürchtet. Die Bücherstapel waren sanft aufs Bett gefallen, Kartons lagen auf dem Boden. Während ich aufräumte gab es zwei mittelstarke Beben. Auch das ist normal in Japan.
Ich danke allen, die mich durch Gebete und Nachrichten unterstützt haben! Die Katastrophe im Land ist indes noch lange nicht überstanden. Im Moment habe ich keine Angst mehr, aber Sorge um die halbe Million Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Ihnen und jenen, die am Atomkraftwerk Fukushima immer noch und sicher in den kommenden Wochen ihr Leben riskieren sollten unsere Gebete und Hilfe gelten. Durch diese Krise habe ich einiges gelernt, und ich werde versuchen, dies im Nachfolgenden noch zu analysieren.
Ein Wort, das mir im Moment der Entscheidung half, war jenes berühmte (falsche) Luther-Zitat:
“Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.”
疑問に思えば、疑問に賛成 — ジーザスライフハウスの光と霧
鳴り響くギター、 激しく音をたてるビート、きらめくステージの前に踊る若者たち。私は少し端っこの暗闇に立ち、腕をあげて知らない歌を歌ってみる。いや、これはロックコンサートではなく、東京のど真ん中にあるキリスト教の教会である。私の周りに何百もの日本人と外国人の歌声からのポップ風なハレルヤが聞こえる。その教会、いや、「チャーチ」の名前はジーザスライフハウスと言い、そこは自分が信仰心を築いた少年時代のユース・イベントの頃へとタイムスリップしたかのように感じる場所だった・・・。ここで私は自分のルーツに戻ったのでは・・・?オーストラリア人のロッド・プラマー氏に開始されてジーザスライフハウスは、わずか数年間で何千人もの人をコンサート礼拝に集客しただけでなく、大阪、横浜、香港にも創立された姉妹教会でも、若いアジア人たちをヒルソング運動の音楽と神学へと踊らせることに成功した。
それは昨年の7月だった。私は大学時代に福音派の運動からだいぶ遠ざかり、四年間もこれといった教会に通わなかった。東京に引っ越した時点でキリスト教の交わりに飢えていた。これをきっかけにしてもう一度それに挑んでみたかった。何かに属して自分の時間、エネルギー、能力を神さまの奉仕に注ぎたかった。新生活にはずみをつけて。 国際的な雰囲気を持ち若い才能に燃えているジーザスライフハウスがその全てを提供できるように見えた。 喜びが溢れるほど歓迎されてすぐにも私のポテンシャルを活用させるように誘われた。自分のなかに突然炎が燃え立つような気がしてワクワクした——幸福感・・・激変が起こるときに参加して感じる衝動・・・何かをやって、何かを成し遂げたい気持ち・・・週に2回も教会を訪れることは期待できる、熱狂を呼び覚ますことになった。これはビジョンを持った教会であり、自分がやっと適切な場所に辿り着いたことを日本に来てから初めて確信した・・
それから一ヶ月後、私の熱意が苦い失望感へと一転していた。自分自身がもはや歓迎されない人物になるところだった。 過激的福音派の大義を、多数あるキリスト教義のなかのある変種として黙認せずに、むしろそれに逆らうことを決心して僕はジーザスライフハウスを去った。
いったい何が起こっただろうか?
In case of doubt, go for the doubt – Light and fog at the Jesus Lifehouse
Stomping beats, blaring guitars, dancing youths in front of a glittering stage, I stand a little offside in the dark, reach out my arm and sing along to the unknown song. No, this not a rock concert, but a church in the middle of Tôkyô. Around me resonates the many-voiced pop-Alleluia of hundreds of Japanese and foreigners. The church is called Jesus Lifehouse, and in it my body feels as if it was time-traveling – back to the youth events in Germany that helped shape my teenage faith. Was I back to my roots? Initiated by the Australian Rod Plummer, the JLH has just in a few years not only managed to attract over a thousand visitors to its concert services, but also to establish itself in Ôsaka, Yokohama and Hong Kong, where young Asians dance in droves to the theology and music of the Hillsong movement.
That was last year in July. I was new in Tôkyô and after years without a stable church starving to reconnect to the Christian community. During my university times I had distanced myself much from the evangelical movement. Now I wanted to risk it again, wanted to belong to somewhere, to contribute time, energy, skills for God’s ministry. Kick-start a new life. Jesus Lifehouse, with its international flair, seemed to offer all this and more. It was like entering the fieriest talent smithy of the city. After being welcomed effusively they immediately wished to make use of my potentials. I sensed something flaring up: euphoria, the urge of being there when something cataclysmic happens, to make it, to deliver it. My biweekly visits were electrifying, something which one could hardly await. A church with a vision. For the first time in Japan, I was sure to be at the right place …
A month later, my enthusiasm had turned into bitter disappointment. I was about to become an unwelcome person. I left Jesus Lifehouse as suddenly as I had come, determined to not longer tolerate the radical evangelical cause as one variation in the spectrum of Christian dogma, but to oppose it.
What had happened?
Im Zweifel für den Zweifel – Licht und Nebel im Jesus Lifehouse
Stampfende Beats, schmetternde Gitarren, tanzende Jugendliche vor der blitzenden Bühne, ich stehe etwas abseits im Dunkeln, strecke den Arm aus und singe die unbekannten Songs mit. Nein, das ist kein Rockkonzert, sondern eine Kirche mitten in Tôkyô. Um mich ertönt das vielstimmige Pop-Halleluja hunderter Japaner und Ausländer. Die Kirche – pardon, die Church, heißt Jesus Lifehouse und in ihr fühlt sich mein Körper an, als wäre er zeitgereist – zurück zu den Jugendveranstaltungen in Deutschland, die meinen Teenagerglauben mitprägten. War ich wieder an meinen Wurzeln angelangt? Vom Australier Rod Plummer iniziiert hat das JLH es in nur wenigen Jahren nicht nur geschafft, über Tausend Besucher in seine Konzertgottesdienste zu locken, sondern sich auch in Ôsaka, Yokohama und Hong Kong zu etablieren, wo junge Asiaten scharenweise nach der Theologie und Musik der Hillsong-Bewegung tanzen.
Das war letztes Jahr im Juli. Ich war neu in Tôkyô und hungerte nach Jahren ohne feste Kirche endlich wieder nach christlicher Gemeinschaft. Während meiner Unizeit hatte ich mich von der evangelikalen Bewegung sehr entfernt. Nun wollte ich es noch einmal wagen, wollte zu etwas dazugehören, Zeit, Energie, Können für Gottes Dienst einbringen. Ein neues Leben kickstarten. Jesus Lifehouse mit seinem internationalen Flair schien mir alles dies und noch mehr anzubieten. Es war als betrete man die feurigste Talentschmiede der Stadt. Mich überschwänglich empfangend wollte man sofort man meine Potentiale nutzen. Ich spürte etwas auflodern: Euphorie, der Drang, dabeizusein, wenn etwas Umwälzendes passiert, zu machen, zu liefern. Meine zweimal pro Woche stattfindenden Besuche waren elektrisierend, etwas dem man entgegenfiebern konnte. Eine Kirche mit Vision. Zum ersten Mal in Japan war ich mir sicher, an der richtigen Stelle zu sein…
Einen Monat später war meine Begeisterung in bittere Enttäuschung umgeschlagen. Ich war im Begriff zu einer unerwünschten Person zu werden. Ich verließ Jesus Lifehouse so jäh wie ich gekommen war, entschlossen, die radikal-evangelikale Sache nicht mehr länger als eine Abart im christlichen Dogmenspektrum zu tolerieren, sondern mich ihr zu widersetzen.
Was war geschehen?
Mirages of My Mind – head-zapping, phantom debates and the Me-Camera™

I am a person who thinks in pictures. Or, to be more precise, a person whose entire reasoning is translated to mental videos. The Germans have an aphorism for this: Kopfkino, “head cinema”. I suppose that most people are able to imagine pictures, sounds and other sensory impressions that require actual stimuli from the outside world. However, in my case it’s a constant flow of mental images that appear involuntarily as I think. My “Mind’s Eye” (das geistige Auge) is never shut. Regardless of what my physical eyes register through the retinae I cannot help but to always imagine something. Images and sounds are my thoughts.
What happens is that my mind continuously generates ficticious situations, like the music visualizers in iTunes. Here are some examples:
Sometimes when I think questions through or plan something I see myself giving a speech to a group of people. The settings change. Sometimes it’s an auditorium, sometimes I am interviewed on tv, and sometimes I am a part of a movie scene or just together with a close person. Or I envision myself sitting at the desk, writing. It is impossible for me to purely think in voices.
In maybe of the cases, it’s not even me who is doing the talk. I imagine another person speaking and acting my thoughts out, in his or her language. I use this a lot for thinking in Japanese and English, I let native speakers formulate my thoughts in their languages. For that I envision small “how would it be if…”-kind of scenarios.
For example, when I think about the political situation in Myanmar, immediately the image of my Myanmarese friend John pops up, along with a map of the region, and he starts talking about his country. But it’s a phantom talk. Because it is not a memory but a situation that I make up. This enables me to have the arguments spoken out by an appropriate person and in a related setting. I would mix the image of John with pictures of Myanmar from my memory, and with fantasy images.
Another example: Let’s say I reflect on differences between Catholic and Protestant theology. I would orchestrate a debate between devout followers of both creeds before my Mind’s Eye. Maybe I would choose people that I know personally, and speculate what they would have to say about this topic. Or I pick famous persons, like the Pope and German theologian Margot Käßmann. I might actually picture it as a tv show, with a presenter and an audience. I let them phrase all my viewpoints, and it’s hard to tell to what degree I mingle my own ideas with those of that certain person. It’s a mix between “the Pope would say this” and “if I were the Pope I would say this”.
And there is one more pattern: Whenever I hear Sarah Palin, for instance, utter a controversial statement on tv, I instantly debate her in my mind – and she argue back. It is like a debating exercise, with the major catch that in real life I usually fail to lay out my points as convincingly as in my daydreams.
This process applies not only for words, but also for actions. Before going out to run some errands, I fancy myself entering the supermarket. I pick the goods, calculate, pay, and think about how painful it is to pay a certain price by detailing out the moment at the cashier. I cut all the easy moments that don’t require much attention away, but phantasize the crucial moments out to the tiniest possibilities. Before difficult decisions I replay the same scenes in my mind again and again, with different nuances. I prepare reactions until I got a plastic grasp on what might happen.
This does not function as systematic as it sounds. In fact, as I keep musing the settings and persons fluctuate with the train of thought, similar to a typical tv documentary that jumps back and forth from talking heads to historic footage to re-enacted scenes to the presenter. Sometimes random pictures get mingled in. In other words, I got a whole tv program in my head that I zap through each second. That’s what thinking is for me, a constant mental cinema, a visual simulation of everything. Thinking ahead is the same for me as remembering scenes of the past, I (re)create and (re)formulate them before my Mind’s Eye. Everything that I plan or ponder on is a film.
So, the above examples are what happens when I reflect on specific issues. But most of the time, I just see an image of myself.
There is an invisible video camera hovering in front of me or a little bit sideways and it delivers images to my brain: I see myself as I write this sentence, my facial expression, my posture, the movement of my eyes. The Me-Camera is constantly running, changing angles, feeding me with pictures. Especially when I don’t really think about something specific, or when I talk to somebody, walk down the road or lie half-asleep in my bed.
Of course, this appearance is a distortion, but there is no way I could prevent my mind from creating this mirage of myself, it is there by default.
I was seventeen when I realized that not everyone thinks the same way I do.
When I described the Me-Camera to friends and the fact that I see my own face I got questioning looks. I asked more people in more detail. Most people found my explanations to be incomprehensible. Many did not even believe me. I looked into it on the web and in literature, however, there was nothing that hit the nail.
In 2006 I moved to Kyoto. I questioned my colleagues at university. We were all students of the visual & performing arts department. And lo and behold, not only did they understand my findings, many could tell of similar or even more bizarre experiences. Midori, the dancing ace of my class, explained how there is always a second version of her present, peeking over her shoulder. As soon as she becomes aware of her, that second her becomes aware of a third Midori and the third would notice a fourth and so on, until an infinite line of mental duplicates stands behind her physical self. This is certainly different from me, but the notion of visual thinking was better understood among my (Japanese) art friends.
I also once described my observations to a psychology professor at my university. Her specialty were mental conditions such as schizophrenia. She diagnosed me with dissociative identity disorder on the spot and handed me a stack of copies. When I went through these I had to fight the notion of suffering from a severe psychic dysfuntion. Your mind can do weird, sometimes creepy things. Multiple identities… auditary hallucinations.., psychosis… But mine is fine – for the most part, I guess. I got issues with identity, that’s true. But as for the Me-Camera and the inner tv show, as long as I am not suffering, I think it’s alright….
To be continued…..
Utsukushii Kotoba – Beautiful Japanese
Have you ever found a beautiful Japanese word? Japanese language can be roughly divided into so-called wago and kango – words which have a Japanese origin, and those which are Japanized loanwords from China. The latter ones are like Latin or Greek in European languages and serve similar purposes. There is often a Japanese expression which can be replaced by a Chinese kango, or vice versa, just as you can replace beginning with inception.
I noticed recently that I like the sounds of original Japanese words better than those from China. Kango are precise and short, and you can piece them together like lego bricks: Bi-Shô – the smile. Dô – copper. Kan-Tan – easy. Kon-Nan – difficult. Sei-Fu – the government.
Oftentimes, the Japanese expressions for the same things are the exact opposite. Long and melodic and soft. Like pearl strings that you connect to each other in a row: Hohoemi – the smile. Akagane – copper. Yasashii – easy. Muzukashii – difficult. Matsurigoto – the government. To me, their archaic long-windedness is a point that adds to their beauty. They do not quite fit to the short attention span and economical thinking of our present-day. Kango are very suitable for science, philosophy and trade. Wago only seem to be good for describing nature. It’s completely useless for technology. A simple word like electron would be a challenge to be expressed through wago alone, while it is rather easy to pull out two pieces of Chinese and create a perfect expression (denshi 電子, by the way). And this effective modular system can be even shortened down. Genshiryoku-Hatsuden-Sho (原子力発電所) – which means “nuclear powerplant”- is often abbreviated to a snappy genpatsu (原発).
Another example: For “physical strength” you would use two Chinese characters and simply say tairyoku (体力), which is a four syllable word. In Japanese you would need to say karada no chikara (からだのちから). Seven syllables. No one wants to lose time, so you go with four. That saves a little bit of tairyoku, too.
I know, I know, Chinese loanwords are so engrained into Japanese that nobody feels uncomfortable using them or considers them as some exotic import. Rather would it be unnatural to swap them for obsolete Japanese words. And I certainly have no sympathy for those who cling to furuki-yoki, “good old”, Japanese culture for no good reason. Language changes and wago and kango alike sound much different than 1000 years ago anyway.
However, the more wago I encounter the deeper I feel touched by their poetic expressiveness, in sound and meaning, especially when it comes to verbs and adjectives. To me, they feel more organic, as if re-invoking the sensibility of people who lived close to nature. There is a beautiful verb for the dawning night, when the day enters twilight: tasogareru. There is also a verb that describes the cherishing of nostalgic feelings, or the longing for something gone by: natsukashimu. Sometimes, wago are straight to the point.
Ancient Japanese believed in kotodama, the magical, spiritual power of words. Maybe that’s why they sound so poetic to me. When they named the world around them, they clothed it into these beautiful, simple sounds. Sumire-iro for “violet”. Oborozuki for “a moon veiled in clouds”. Kagayaku is when something shines brilliantly. Mabataku means “to blink” your eyes, but then you use it to express things like “a flickering lamp”, mabataku tomoshibi or “the twinkling stars”, mabataku hoshi-tachi.
I think most people unfamiliar with the Japanese language have the image of it being a hectic shing-shang-shong. Well, the hyperbolic use of high-pitched ad messages in tv and pop music does not exactly help making people notice the beauty of words like uruwashii or ôunabara. Sometimes I almost cry when I hear a new word that beautiful. And when I listen to a song like “Koi wa momo-iro” (”Romance is peach-colored”), whose lyrics are almost entirely made up of wago, I believe they strike right into my emotions because of their simplicity and tenderness:
Performed by Hosono Haruomi and Yano Akiko
And I am still looking for good contemporary Japanese poetry…
Der breite und der schmale Weg
Ich erinnere mich. Gemeinsam mit dem rituellen Gutenachtgebet, mit dem mich meine Mutter allabendlich in den Schlaf entließ, war der Besuch in einer freien Kirchengemeinde in Heidelberg meine vermutlich früheste Begegnung mit dem Christentum. Ich war noch sehr klein, aber rieche noch jetzt die gelben Wände des Raumes, in den wir Kinder während des Gottesdienstes gebracht wurden. Weißes Licht kitzelte die Topfplanzen auf dem Fensterbrett und mir auf der Nase. Während eine Nonne auf uns acht gab kämpfte ich mit zusammensteckbarem Plastikspielzeug, das aus roten, blauen, gelben Plättchen bestand, gegen die Langeweile an. Ich war nur ein paar Mal dort.
Richtig los ging es erst in jener Bible Belt-beeinflussten Freikirche am Stadtrand – Religiöser Fundamentalismus zwischen Autohaus und Heimwerkermarkt. Die zweite Etage eines Verlagsgebäudes diente den zwei, drei Dutzend Mitgliedern als Versammlungsort. Es gab mehrere Räume für Besprechungen, Gebetstreffen, Sonntagsschule (von “Kindergottesdienst” war noch nicht die Rede) und einen so schmucklosen wie muffigen Predigtraum. Der deutsche Pastor war so amerikanophil, dass er sich während seiner Studienjahre in den USA einen entsprechenden Akzent zugelegt hatte. Hier lernte ich das kennen, was ich für lange Zeit für das “wahre” Christentum hielt: wortgläubig, weltfremd, konservativ. Anschaulich dafür war “Der breite und der schmale Weg”.
Das Farbposter, welches diesen Titel trug, hing bei uns zu Hause an der Wand. Es war ein Nachdruck eines bekannten Bildes aus dem 19ten Jahrhundert. Auf ihm dargestellt war das dualistische Denken dieses Christentums durch zwei “Lebenswege”. Der urbane breite Pfad, der mit vergnüglichen Lastern lockte, führte vom unteren Rande des Bildes hoch zu einer von Dämonen umflatterten Höllenfestung. Den anderen musste man durch eine schmale Pforte betreten. Er glich eher einem Wanderpfad und gipfelte natürlich im himmlischen Jerusalem. Garniert mit allerlei Bibelversen in Frakturschrift lehrte mich das Poster, dass es im Leben keinen Mittelweg gab, sondern nur zwei Extreme – entweder war man ganz der sündigen “Welt” verschrieben oder aber ganz ein in allen moralischen Fragen überlegener Christusjünger. Monotone Predigten und Sonntagsschulstunden taten ihr Übriges, um dieses simple Gut-Böse-Muster mit noch kleinkarierteren Kontrasten zu versehen.
Bei den baptistischen Freikirchlern lernte ich das biedere Prä-68er-Lebensverständnis des fundamentalistischen Flügels kennen: Von den unfreiwillig komischen Chick-Traktaten, die Kinderseelen traumatisierten, über die Körperfeindlichkeit, das Schwelgen in Selbstgerechtigkeit gegenüber der schlechten Welt und den falschen Kirchen nebenan, bis hin natürlich zu der Abscheu gegenüber den Kulturleistungen des 20ten Jahrhunderts, wie Rockmusik und abstrakte Malerei, die den als Frömmigkeit deklarierten Stumpfsinn hätten entlarven können. Es war allerdings weniger diese fortschrittsfeindliche Antikultur die mich beeinflusste – gottlob lieferte die Welt der japanischen Fernsehserien mit denen ich auch aufwuchs ein effektives Gegengift – als die paranoide Weltanschauung dieser Christen. In ihr vermengten sich vielleicht deutscher Pietismus mit der Rückwärtsgewandheit der amerikanischen Evangelikalen, die jedes i-Tüpfelchen der Bibel als von höchster Stelle authorisiert betrachten und sich keine Zweifel bezüglich ihres historischen Wahrheitsgehaltes erlauben.
Der Einfluss Amerikas war stets gegenwärtig. US-Missionare gehörten zum Stammpersonal. Die besonders kirchentreuen Jugendlichen träumten davon, eines Tages in der Bob Jones Universität zu studieren. Erbauliche Musik kam ebenso aus dem Gelobten Land wie lehrsame Literatur: Über die wissenschaftlichen Grundlagen des Kreationismus. Über die schädlichen Einflüsse von Hollywood und Popmusik. Über die Irrlehren der großen Hure Babylon – pardon, der Katholischen Kirche. Über die prognostizierbaren Termine der Wiederkunft Christi. Über die Machenschaften von Regierungshäuptern und Medienmogulen, die mit dem Antichristen an der Spitze eine globale Christenverfolgung einleiten würden. Wer genug gelesen und gehört hatte wusste bescheid, dass Hitler, Mohammed, der Papst und John Lennon alle mit Satan im Bunde gewesen waren, dass wir uns im Kreuzfeuer des kosmischen Dauerkriegs zwischen höllischen und himmlischen Gewalten mit der Waffenrüstung Gottes zu wappnen hatten, dass das Böse immer im Begriff war die himmlische Ordnung zu vernichten, sei es durch die Loveparade oder die Freimaurer. Was die fundamentalistisch-evangelikale Theologie aus Amerika anbot war nicht einfach nur Regelwerk für ein “bibel”treues Leben, sondern ein apokalyptisches Moralpanorama, welches hinter jeder Nachrichtenzeile die Kräfte einer dämonischen Verschwörung am Werke sah. Wahren Christen wurde Eintritt in dieses Geheimwissen gewährt, anhand dessen sich die so furchtbar komplizierte Welt herrlich einfach erklären ließ.
Natürlich sieht jede Religion die Welt durch eine bestimmte Brille, und mit ihr das Wirken des Unsichtbaren. Hier jedoch wurde eine Narrative heraufbeschworen, die klare Grenzen zwischen Us and Them definierend das gesamte Weltgeschehen endzeitlich umdeutete. Das Gedankengut dieser Subkultur unterwandert mal in abgemildeter, mal in agressiver Form den Common Sense der protestantischen Kirche weltweit. Mit den Spinnereien eines Tim LaHaye, eines Benny Hinn, eines Pat Robertson, gesülzt in eine martialische Sprache, die zu “geistlicher Kriegsführung” aufruft, vollzieht die evangelikale Theologie eine schleichende Radikalisierung der moderaten und die Fanatisierung der unmündigsten Gläubigen.
Die pessimistische Ideologie dieses anschwellenden Nebenstromes der Christenheit hat in mir Leerflächen hinterlassen. Ich denke, zwar, dass mein Glauben heute von jenen beengenden Dogmata, von Homophobie und vertrockneten Geschlechterbildern, vom Bild eines autoritären Bestrafergottes, weitgehend befreit ist. Doch das Misstrauen gegenüber Politik, Wissenschaft und Technologie, und die Erwartung des nahenden Weltuntergangs sind geblieben.
Es gab eine ganze Reihe ähnlicher Gemeinden in Heidelberg, von denen die “freie christliche” noch nicht einmal die reaktionärste war. Die Frauen durften keine Hosen tragen, aber es bestand immerhin keine Kopftuchpflicht, wie bei den Russlanddeutschen einen Block weiter. Und obwohl einige der jungen Männer mit ihrer Bundeswehrzeit prahlten (was nichts half, da ihr Schicksal, mit den Mädchen aus derselben Gemeinde weitere Großfamilien zu gründen, bereits besiegelt war), hatte ich immerhin nie den Eindruck von Deutschtümelei oder gar Ausländerfeindlichkeit, wie man sie bei anderen christlich-konservativen Parteien und Gruppierungen vorfindet (wie zB bei den Redakteuren des Hetzerblogs PI-News).
Bei allen negativen Aspekten, die ich mit dieser Art von Christentum verbinde, man darf eine Gemeinde nicht nur an ihren extremsten Mitgliedern messen. Außer den Hardlinern gab es natürlich die besonnenen, von Herzen guten Gläubigen, denen es ziemlich egal war, ob die Arche Noah nun bald gefunden wird oder nicht. Was mir deshalb ebenfalls in Erinnerung geblieben ist, sind die Freundschaften und Beweise der christlichen Nächstenliebe. Die Mitglieder unterstützten einander aufopferungsvoll mit Diensten und Materiellem. Nie werde ich vergessen, dass der Pastor mit zwei Kisten voller Lebensmitteln an unserer Haustür stand, als meine Familie in Not war. Ich wurde für eine Woche Mitglied einer amerikanischen Missionarsfamilie, als meine Mutter arbeitsbedingt verreisen musste (mein muffinbesetzter Ausflug in die amerikanische Lebensart). Bei Problemen oder Bitten war eine helfende Hand nie weit. Das Engagement für Kinder und Jugendliche, die “Missionseinätze” auf den Straßen und in Altersheimen, das war nie Zurschaustellung sondern kam aus echter Überzeugung heraus, Menschen etwas Gutes zu bringen. Von einer gefährlichen Sekte oder ähnlichem zu reden wäre deswegen trotz allem unangebracht.
Im Nachhinein bin ich vor allem dankbar für das Bibelwissen, das uns in der Sonntagsschule (zu einer Uhrzeit in der man lieber den Disney Club geschaut hätte) nahegebracht wurde. Weil eines der bärtigsten Mitglieder meine Mutter dazu überredete für viele deutsche Mark Kinderhörspielkassetten mit Bibelgeschichten zu kaufen, wurde ich mit Abraham und den Pharaonen so vertraut wie andere Kinder mit Bibi Bloxberg. Ich war zehn, als ich mich für die Taufe entschied.
Schlussendlich wurde uns das stickige Klima der Gemeinde mit wachsenden Machtgeklüngel und Widersprüchen zu viel. Wir verließen sie etwa 1996. Weil unser Sozialleben so sehr in sie verwoben war, dauerte es, bis Distanz gewonnen war. Doch jemandem wie mir war die evangelische Landeskirche so fremd wie eine Moschee. Eine Zeit lang driftete ich von einem Angebot des fundamentalistischen Spektrums zum anderen, von der ultrakonservativen Brüdergemeinde in der Innenstadt zum agitatorisch-hyperaktiven Gospel Center neben dem Aldi. Erst als ich mit vierzehn die Freie evangelische Gemeinde Heidelberg fand, die sich zwar als evangelikal bezeichnete, aber ein völlig anderes Milieu aufwies, konnte ein geistlicher Genesungsprozess beginnen. Ich war nicht allein: andere ehemalige Mitglieder meiner früheren Gemeinde waren schon vor mir angekommen um freier zu atmen als je zuvor.
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