Doppelte Staatsbürgerschaft – Im Namen des Volkes

Beim letzten Mal, als ich hier hinausschrieb, hatte ich mir noch eine doppelte Staatsangehörigkeit gewünscht, und wäre auch heute noch dieser Meinung, hätte ich mich nicht einer bestimmten Angelegenheit besonnen: die Todesstrafe. Japan reiht sich noch heute in die Gemeinschaft der Staaten, in denen das Töten nach Richterspruch ausgeübt wird: Iran, China, Nordkorea, um einige zu nennen. Als einzige Demokratien der Welt beharren derzeit die Vereinigten Staaten, Südkorea und Japan darauf, wobei in Südkorea seit über zehn Jahren keine Hinrichtung mehr durchgeführt wurde.

Nun kann man für und wider die Todesstrafe viele Argumente auf den Tisch legen, doch als Christ gilt für mich zuallererst die Entscheidung für das Leben, so schuldig es auch ist. Zweitens diagnostiziere ich einem Staat, der das Töten einerseits verbietet und andererseits selbst praktiziert, ethische Schizophrenie. Ein Rechtstaat soll nicht auf das Niveau der Mörder, die er beseitigen will, hinabsinken. Und drittens sollten meiner Meinung nach Menschen über das Weiter- bzw Ableben anderer Menschen nicht entscheiden. Das bleibe die Domäne Gottes, des Schicksals, der Natur, wie immer man es nennen mag.  Die Vorstellung, dass in einem demokratischen System meine Unterschrift, mein Kreuz auf dem Zettel einem anderen das Leben zu beenden vermag, das ist eine zu hohe moralische Verantwortung, die ich niemals bis zu ihrem letzten Schritt verfolgen möchte.
Zumindest bin ich für einen ehrlichen Umgang mit dem Töten, wenn es denn gefordert wird. Doch die Hinrichtungen in japanischen Gefängnissen finden ohne Ankündigung und Publikum, weit ab von den Augen der Gesellschaft, statt. Wenn der Staat Wert auf Transparenz legt und Abschreckung erwirken will, dann soll er es gefälligst in aller Öffentlichkeit tun, am besten mitten in der Stadt, auf den Bahnhöfen und Fußgängerkreuzungen, oder vor den Gerichtshöfen. Im Iran werden Verurteilte an Kränen aufgeknüpft und meterhoch in die Luft gehoben. In Saudi-Arabien können Spaziergänger dabei zusehen, wie einem Gotteslästerer der Kopf abgeschnitten wird. Die Menschen hierzulande werden in der Regel für schwere Mordverbrechen an Galgen erhängt. Die öffentliche Kopfabschneiderei macht Saudi-Arabien nicht barbarischer als Japan, vielleicht sogar konsequenter, er versteckt das staatliche Töten nicht, er zeigt den Leuten, was er unter Gerechtigkeit versteht. Warum sollen in Japan die Kindergärtnerin und der Herr Professor nicht dabei zuschauen, wie ein Krimineller zu Tode stranguliert wird. Das Fernsehen sollte es zeigen. Schulklassen sollten zur Besichtigung eingeladen werden. Wenn das Todesurteil im Namen des Volkes ergeht, dann soll das Volk auch genau hinsehen, wofür es Steuern zahlt.

Natürlich muss man nicht mit allem, was der Staat mit unseren Namen und Geldern tut, einverstanden sein. In einer Demokratie darf man ablehnen und protestieren. Die Befürworter der Todesstrafe (immerhin fast 80% der japanischen Bevölkerung) aber sollte der Staat dazu auffordern dürfen, den Henker im Krankheitsfall zu vertreten. Im letzten Mai trat das neue Jurysystem bei Strafgerichten in Kraft. Danach werden aus der Bevölkerung per Zufallsprinzip Schöffen ernannt, dessen Meinungen die Richter bei ihrer Entscheidungsfindung mit einbeziehen. Aber warum sollte die Teilnahme der Bürger an Rechtsprozessen bei der Urteilsfindung enden? Wenn die Mitglieder der Jury für Tod plädieren sollten (das ist bislang noch nicht geschehen), dann sollten sie auch ohne Hemmungen der Aufforderung, die Maßregelung mit eigenen Händen durchzuführen, nachkommen. Man braucht keine Experten dafür. Ein Knopfdruck, und die Klappe öffnet sich. Man darf sich auf die Schulter klopfen, Gerechtigkeit geübt zu haben, beruhigt nach Hause gehen und der Familie beim Eisessen befriedigt von dem Knacken erzählen, das die Halswirbel des Kinderschänders von sich gaben, als die Schlinge sie vom Sturz bremste. Das spart auch Geld für den Henker ein.

Der letzte Justizminister Mori Eisuke hatte in seiner kurzen Amtszeit neun Hinrichtungen angeordnet.  2008 wurden fünfzehn Gefangene getötet. (Die USA tötete im gleichen Jahr knapp vierzig. In den Bush-Jahren fiel die Zahl der Hinrichtungen um mehr als die Hälfte, erst seit Kurzem steigt sie wieder an.) Mit der Justizministerin der neuen Regierung, Chiba Keiko, bewegt sich das Gesetzbuch vielleicht in naher Zukunft in Richtung Milderung oder Abschaffung der Todesstrafe. Chiba will die öffentliche Debatte neu anfachen, doch einstweilen bleibt Japan formal eine Demokratie, die tötet.
So gerne ich die doppelte Staatsbürgerschaft auch besäße, in meinem Namen soll kein Todesurteil mitergehen. Ich werde hier vielleicht eine ganze Weile lang leben, arbeiten und Steuern zahlen. Und von diesen Steuern werden dann Straßen geteert, Gasleitungen installiert, dem Kaiser die Limousine betankt, Galgenstricke gedreht, Bomben angeschafft. Der Staat kann mein Geld haben, aber nicht meinen Namen. Eine Staatsangehörigkeit würde ich mir aus diesem Grund dreimal überlegen.

Doppelte Staatsbürgerschaft Now! Teil II

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Seine Herkunft nicht länger als Handicap, sondern als eine Erweiterung betrachten. Das ist genauer genommen keine Frage der Nationalität, sondern der Einstellung. Doch bis ich dies akzeptieren konnte dauerte es lange, und es ist nicht gesagt, dass ich in jeder Lebenssituation das Positive aus meiner Patchwork-Identität hervorheben kann. Mir wurde oft geraten, “das Beste aus beiden Welten” zu greifen, als “Eurasier” ein Brückenstück zu sein, aber wenn man weder Fisch noch Reptil, sondern wie eine Art Amphibikum in der Mitte schaukelt, ohne voll anerkannt zu werden, ist “beide Kulturen vereinen” einfacher gesagt als gefühlt. Ein Hindernis für die Selbstwahrnehmung stellt auf jeden Fall die Staatsangehörigkeit dar.
Das Thema multiple Nationalität beschäftigt vor allem internationale Familien. Letztes Jahr konnten einige Gruppen mit der Anerkennung ihrer japanischen Nationalität vor der Justiz einen Sieg erringen. Nebenbei zieht eine Staatsbürgerschaft natürlich auch Pflichten mit sich, zB die Einberufung im Kriegsfall. Im Artikel “A convenience in peace becomes matter of conflict in war” führt die Japan Times die Zweischneidigkeit in Zeiten politischer Bündnisverschiebungen an, zitiert aber auch den Journalisten Yanagihara Shigeo: “Die Regierung muss verstehen, dass in einer modernen Gesellschaft Nationalität nicht unbedingt Ergebenheit zu einem Land gleichkommt”, und fügt hinzu: “Duale Nationalität tut Japan mehr gut als schlecht. Streitfragen werden sicher auftreten, aber diese können je nach Bedarf gelöst werden.”

Die rechtsgerichteten Medien nehmen Meldungen wie diese üblicherweise mit pathetischer Empörung auf, so wie etwa die Talking Heads des im Internet strömenden Nihon Bunka Channel Sakura (“Japanischer Kulturchannel Kirschblüte“), die sich mit nationalistischen Gedöns von ethnischer Einheit und Seitenhieben auf Randgruppen gekonnt selbstkarikieren. Besonders die Gesetzesänderung zugunsten gemischter Kinder aus nichtehelichen Partnerschaften schlägt bis heute hohe Wellen. In muffigem Ambiente spricht der Journalist Mizuma Masanori da zB vom Ausverkauf der Nationalität. Politiker, die tausenden Ausländern (vor allem natürlich aus Nachbarstaaten), welche auf den Dammbrucherlass zur Invasion ihres schönen Landes warten, den Eintritt in den ethnisch sauberen Kreis der Japaner gewähren, seien Landesverräter, die vermutlich unter dem Druck “bestimmter Kräfte” weich wurden. Wenn schon ein Gesetzeswandel, dann nur mit einem “Patriotismustest”. (Dass auf diesem Sender auch antisemitische Töne angeschlagen werden soll hier nur am Rande erwähnt werden)
Auch in den in Westjapan für hohe Einschaltquoten sorgenden politisch inkorrekten Sendungen von TV-Gestalt Yashiki Takajin (“Takajins Ausnahmezustandserklärung“, “Takajins Ausschuss für Redefreiheit“) schütten die als Gäste geladenen rechten Autoren und Journalisten ähnliche Kommentare aus. Obwohl mit Humor unterlegt und nicht so plump daherkommend wie der obskure Channel Sakura bläst auch der Kreis um Takajin in den gleichen xenophoben Tenor. Allen voran stehen Chinesen unter Generalverdacht von Betrug und ergaunerter Nationalität. Drohgespenster wie wachsende Kriminalität heraufbeschwörend schlägt Kolumnist Katsuya Masahiko sogar systematische Kontrollen (in seinem Sinne eher Crackdowns) von Ausländern vor, zB in Convenience Stores. Die Gestapo lässt grüßen.

Das Betroffenheitstheater dieser selbsternannten TV-Pundits diffamiert leider ganz nebenbei die Millionen Ausländer die für japanische Unternehmen arbeiten, mit Einheimischen verheiratet sind, als Touristen durchs Land reisen, einen Schüleraustausch wagen, in Pflegeheimen sich um vergessene Senioren kümmern. Besonders junge Leute nehmen aus Bewunderung und Interesse zur japanischen Kultur einen beschwerlichen Weg auf sich, von den Hürden Heiratswilliger ganz zu schweigen. Die Herren Katsuya und Mizuma schieben Ausländer an den äußeren Rand der Gesellschaft und unterschlagen ihren Anhängern die offensichtliche Realität: Japan befindet sich unumkehrbar mitten in der Globalisierung. Ihren ratlosen Gesichter gegenüber Kinder aus gemischten Ehen (als sei dies ein Phänomen, das sich dem Common Sense entzieht) kann man die Ignoranz für die wachsende Verflechtung der Gesellschaft mit der “Außen”welt entnehmen, die auch eine Integration des Inselstaats in die Welt bedeutet. Die Vermengung von Kulturen, Genen, Sprachen, Beziehungen, all das zeichnet zum guten und schlechten die Wirklichkeit aus, die wir mitgestaltet haben, oder kann man im Ernst annehmen, ohne dass Massen von Japanern raus- und Ausländern reinkommen zu einer derartigen Wirtschaftmacht anzuwachsen? Prominente “Halfs” wie die Musikerin Angela Aki oder der Schönling Wentz Eiji gehören zu festen Bestandteilen der Popkultur und werden sicher auch die Tore für halbasiatische Talento erweitern (die erwähnten Gestalten gelten vor allem durch ihre westlichen Elternteile als besonders cool). Wobei ich erwähnen will, dass ich persönlich den Begriffen “Half” und “Double” nicht viel abgewinne und mich seit einiger Zeit als “Fremder” (異人 Ijin) am ehesten identifizieren kann.

Eine nichtrepräsentative Leserumfrage in der Japan Times, auf die Frage, wie man die Kinder aus gemischten Ehen bezeichnen soll ergab folgende Ergebnisse: 30% fanden, dass man das Kind bei seinem Namen nenne solle, es gebe nämlich “no need for labels”. 25% stimmten für eine Bindestrichlösung á la “Japanese-American”. “Half” lag abgeschlagen mit 13% immerhin noch vor “Bicultural/Biracial/Binational” (9%) und “Double” (3%). Dass ich meine eigene Meinung in diesen Ergebnissen widergespiegelt finde zeigt, dass ich mit meiner Wahrnehmung der Dinge nicht alleine stehe.
Ich bin mir sicher, dass kein Mensch nur eine einzige Identität besitzt, und diese auch nicht ausschließlich durch Rassenmodelle bestimmt wird. Identität kommt in einer Palette unterschiedlicher Farben und Formen. Deutschsein ist nur eine davon. Ich möchte “Fremder” nicht mehr länger als die Hauptfarbe sehen. Vielmehr inspiriert mich die Offenheit Barack Obamas, der seine Wurzeln als African-American in Stärke münzen konnte. Amerika wimmelt ja nur so von Chinese-Americans, Italian-Americans usw… Wenn man das Hyphen als einen Binde- und nicht Trennstrich auffasst, so entsteht eine integrierende Vielfalt. Im Deutschen kann man den Strich sogar ganz weglassen und “Afrodeutscher” oder “Deutschbrasilianer” angeben.
Wie wäre es deshalb mit der Bezeichnung “Japanodeutscher”? Auf Japanisch wäre 日系ドイツ人 Nikkei-Doitsujin nichts überraschendes. Oder etwa Nikkei-Gerumanjin? Germane klingt alt aber zünftig. Auch rechnet niemand mit einem erfrischendem Germanojapaner. 独系日本人 Dokkei-Nihonjin, das ist eine Einführung wert, alleine schon um die Schießbudenfiguren von Channel Sakura in Rage zu versetzen. Solange ich offiziell Besitzer nur einer Nationalität sein darf kann ich mich möglicherweise an diese Bezeichnung gewöhnen. Vielleicht so sehr, dass die Staatsbürgerschaftsfrage darüber hinaus verblasst.

Doppelte Staatsbürgerschaft Now! Teil I

MyFlagwas ist, hast du etwa keine Flagge?

2008 war ein Jahr, in dem die Integration von Ausländern in die japanische Gesellschaft durch die Anerkennung von mehrfacher Staatsangehörigkeit ungewöhnlich ernst diskutiert wurde (falls man bei der hiesigen hysterischen Diskussionskultur von “ernst” sprechen kann). Da ich kaum Nachrichten auf Japanisch lese und ohne Fernsehapparat auch sonst wenig von gesellschaftlichen Trends mitbekomme ging diese Entwicklung mehr oder weniger an mir vorbei, doch zu Jahresanfang wurde ich auf der Online-Ausgabe der englischsprachigen Japan Times auf den Artikel “Many faces of citizenship: Debate on multiple nationalities to heat up” aufmerksam. Darin wird die Debatte zur rechtlichen Lage der Staatsbürgerschaft, die in der letzten Phase vor allem durch den Gesetzesantrag des Abgeordneten Kôno Tarô bereichert wurde, zusammengefasst und hat meine eigenen Gedanken zu diesem für mich persönlich nicht enden wollenden Thema neu angestoßen.

Japan ist eines der Länder, das mehrfache Staatsangehörigkeit nicht erlaubt und auch sonst eine äußerst konservative Haltung gegenüber Immigranten und Bürgern mit ausländischen Wurzeln bewahrt. Unter den Volksgruppen, die seit Jahren um Rechte streiten, gehören zum Beispiel die sogenannten “Zainichi“-Koreaner und -Chinesen. Unter dem Etikett Zainichi (“in Japan residierend”) fasst man solche Menschen zusammen, die mit koreanischen bzw chinesischen Migrationshintergrund seit Jahrzehnten in Japan leben und auch hier geboren sind. Deren Vorfahren kamen unter anderem durch den Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter und Einwanderer oder als Flüchtlinge des Koreakrieges nach Japan. Heute besitzen viele von ihnen japanische Namen, haben niemals ein Stück Ausland betreten und sind kaum von “normalen” Japanern unterscheidbar. Dennoch sind sie als “Ausländer” registriert und gezwungen eine Karte mit sich umherzuschleppen, das Certificate of Alien Registration oder kurz Ausländerkarte, wie manche von uns zu sagen pflegen, deren Nichtnachweis schwere Geldstrafen mit sich bringen kann.
Der Status von Bürgern mit nichtjapanischen Elternteilen mag in eine etwas andere Kategorie fallen als das seit Jahrzehnten schwelende
Zainichi-Thema, es demonstriert aber gleichermaßen die Schwerfälligkeit, mit der die Politik an solche delikaten Fragen herangeht (delikat deshalb weil viele hohle Köpfe Volk noch mit Rassenvorstellungen verbinden) und ihre Unfähigkeit, diese zu kommunizieren.

Die rechtliche Lage sieht bisher vor, dass Kinder, die zwei oder mehr Nationalitäten besitzen (jeweils die des anderen Elternteiles), sich bis zum 22ten Lebensjahr für eine einzige zu entscheiden haben. Eine mehrfache Nationalität ist nicht erwünscht. In der Praxis jedoch besitzen geschätzte 600-700 000 erwachsene Japaner mehr als einen Pass. Der Großteil der “Halfs” scheint die Gesetzesregelung einfach zu ignorieren. Staatliche Kontrollen dieser Verstöße gibt es keine, weil die Mittel dafür fehlen.
Letztes Jahr brachten dann gleich mehrere Seiten die Angelegenheit in Bewegung. Einerseits war da der Physiknobelpreisträger Nambu Yôichirô, ein Japaner der in die USA ausgewandert war und die dortige Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Zwar hatte er den Preis gemeinsam mit zwei japanischen Kollegen in Empfang genommen, einige Politiker wollten jedoch Nanbus japanische Staatsbürgerschaft reaktivieren um aus dem Duo ein Trio zu zaubern.
Eine weitreichendere Wirkung hatten die zehn Ankläger – Kinder von philippinischen Müttern und japanischen Vätern – die um Anerkennung ihrer japanischen Nationalität vor den Obersten Gerichtshof traten. Bisher wurden nur solchen Kindern die japanische Nationalität anerkannt, deren verheiratete japanische Väter die Vaterschaft bestätigten. Dass unehelichen Kindern dieses Recht nicht zustand wurde als verfassungswidrig erkannt. Die Entscheidung des Gerichts bedeutet einen kräftigen Schritt nach vorne, da nun zehntausende von “versteckten” Japanern einreisen bzw volle Rechte und Pflichten empfangen können. Eine ähnliche Klage gab es auch von iranischstämmigen Japanern, denen eine Abschiebung in den Iran drohte. Da viele von ihnen weder ein Wort Farsi sprechen noch jemals einen Fuß außerhalb ihres Geburtslandes Japan gesetzt hatten, wurde eine solche Praxis als menschenrechtswidrig beurteilt und ihnen volle Rechte erteilt.

Ans Ende dieser Kette reihte Kôno Tarô seinen Gesetzesantrag. Darin erkennt die Regierung die Mehrfachnationalität an und setzt gleichzeitig die Bedingungen für ihren Erhalt und Verlust (etwa bei Eintritt in eine ausländische Armee). Doch leider blieb eine Entscheidung aus, Finanzkrise und drohende Neuwahlen gewannen an Priorität.
Wird Japan in Zukunft Mehrfachstaatsangehörigkeit annehmen? Für die Zukunft scheint dies unausweichlich, ja ich bin trotz des derzeitigen politischen Klimas sogar guter Hoffnung. Die Politiker werden, ob sie wollen oder nicht, den globalen Trend der Vermischung von Völker, Kulturen und Sprachen anerkennen und zu entsprechenden Maßnahmen gezwungen sein. Immer mehr Ausländer entscheiden sich für ein Leben in Japan, während auch viele Japaner ihre Zukunft im Ausland sehen. Wenn ich mir Schulklassen oder Kindergärten in meiner Stadt ansehe, so findet sich in jeder Gruppe mindestens ein Kind mit europäischen oder südamerikanischen Schlag. Das bestätigt auch die Statistik: Es existieren allein in Japan an die 40 000 internationale Ehen. Jede zwanzigste Ehe wird mit einem fremdländischen Ehepartner geschlossen und eines von dreißig neugeborenen Kindern stammt aus gemischten Partnerschaften. Für ein Land, dessen Heirats- und Geburtenziffern rückläufig sind, werden gemischte Ehen bald eine so große Rolle spielen, dass die Regierung diese nicht mehr ignorieren werden kann. Mit der steigenden Zahl solcher Familien werden Ausländer sowohl in den Medien als auch im Alltag hoffentlich nicht mehr als Kuriosum, sondern als Normalität betrachtet werden und dem Mythos der Japaner als “einem homogenen Volk” ein Ende bereiten. Zwanzig Jahre, geben Sie uns zwanzig Jahre, Sie werden Japan nicht wiedererkennen. Die Städte werden bevölkert sein mit bunten Gesichtern, die alle akzentfreies Japanisch sprechen (das zur Hälfte sicher durch Pseudoenglisch ersetzt wurde) und ihre Herkunft nicht verstecken, sondern die Vielfalt zelebrieren.

Was mich im Moment betrifft – ja, gebt mir die doppelte Staatsangehörigkeit! Ich weiß, sie ist bloß eine Formsache, etwas, um Bürokraten hinter unaufgeräumten Schreibtischen vor zu viel Denken zu bewahren, bloß ein Label für die Schubladenhirne der Politiker. Doch jahrelanges Kopfzerbrechen um meine Identität wären damit … nun ja, auf keinen Fall geklärt, doch zumindest auf einen besseren Grund gebracht. Die Frage für mich ist schon lange nicht mehr, ob ich Deutscher oder Japaner sein will. Der Punkt ist, dass ich mich für keines von beiden halte, aber lieber als beides als nur als eines gelten mag. Ich möchte sagen können, ich sei Deutscher und Japaner, dann würde sich das Gefühl des Nichtangehörens, des ewigen Außenseiters, legen. Die multiple Staatsangehörigkeit – sollte sie in den nächsten Jahren tatsächlich eingeführt werden – würde für mich endlich die Anerkennung meiner dualen Identität, meiner doppelten kulturellen wie ethnischen Wurzeln bedeuten. Die Einschränkung auf nur eine Staatsbürgerschaft beraubt mich dieser Vielfalt, ich bin amtlich “nur” ein Deutscher, anstatt sowohl als auch. Es ist die Zeit gekommen, meine gemischte Herkunft als ein Plus zu sehen, und nicht als Stigma.