Zwischen Panik und Alltag – Meine Woche seit dem Beben

Es ist nun mehr als eine Woche her, dass Japan von einem unbeschreiblichen Desaster heimgesucht wurde. Das in nur wenigen Tagen hereinbrechende Übermaß an Verderben im Land, in dem ich seit über sechs Jahren lebe, hat mich, obwohl ich überhaupt nicht direkt betroffen war, durch ein Bad der Gefühle gespült. Oft wünschte ich mir, morgens aus diesem Alptraum aufzuwachen. Dabei hatte ich noch Glück, denn zum Zeitpunkt des Bebens war ich gerade für ein paar Tage nach Kyôto gefahren. Dort, 500 km westlich von Tôkyô (wo ich wohne) entfernt, hatte ich meine Freundin Ayumi besucht.

Als es geschah war ich in der Stadt unterwegs. Morgens hatte ich im Kitano Tenmangû-Schrein die Pflaumenblüte bewundert. Erst als ich Ayumi für’s Abendessen traf, erfuhr ich, dass etwas Schlimmes passiert war. In einem Chinarestaurant, wo der Fernseher lief, gewannen wir mit den ersten Bildern eine Ahnung vom Ausmaß der Katastrophe. Tsunami-Warnungen für die gesamte Küste Japans, der öffentliche Verkehr in Tôkyô liegt lahm, Millionen Pendler stehen herum. Die Facebook-Einträge meiner Freunde bestätigten die Situation in der Hauptstadt. Noch bevor wir etwas zu Essen bestellten, versuchten wir Familienangehörige ans Telephon zu bekommen – erfolglos, die Leitungen waren überlastet. Zu dem Zeitpunkt begriffen wir noch gar nicht, dass die Videos jener Häuser, die von Flutwellen weggerissen wurden, verschiedene Orte zeigten, und nicht nur ein und den selben.
Im Ryokan (ein traditionelles Hotel) ließen wir den Fernseher an. Die Meldungen der Moderatoren überschlugen sich im Minutentakt. Stromausfälle in Tôkyô, Nachbeben erschütterten die Studios, an einem Strand wurden angeblich über 200 Leichen gefunden, ein Kernkraftwerk bereitete Schwierigkeiten, ganze Industrieanlagen waren in Flammenmeere verwandelt, meterhohe Flutwellen rasten immer noch heran… die beispiellose Kette der Zerstörung, die man live mitverfolge, wirkte wie das Szenario eines billigen Katastrophenfilms, zu surreal um wahr zu sein… die Bilder passten nicht zu dem “echten” Japan, an das ich gewohnt war…
Obwohl uns in Kyôto nichts zugestoßen war, senkte sich in dieser Nacht ein Gefühl der Bedrohung auf uns herab… als hätten sich irgendwelche Mächte dazu verschworen, Japan zu vernichten… sogar das kurzlebige Gerücht, dass der seit dreihundert Jahren ruhende Fujisan wieder ausbrechen könnte, schien an diesem Abend keine Spinnerei. Ayumi und ich beteten.

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Mein Vorhaben, am nächsten Tag nach Tôkyô zurückzukehren, wurde durch kilometerlange Staus in Shizuoka verhindert. Die Busse fuhren nicht. In Tôkyô gab es Probleme mit Wasser und Strom. Ich entschied mich dafür, noch ein, zwei Tage zu bleiben. Wenigstens konnte ich meine Verwandten erreichen. Allen ging es gut.

Aus den ein, zwei Tagen wurde eine ganze aufwühlende Woche, in der meine Nerven ständig von der Furcht vor einer Atomkatastrophe und der Ungewissheit vor dem kommenden Tag malträtiert wurden. Schon am nächsten Abend erfuhren mein Studienfreund, der mir in seiner engen Mietswohnung ein Futon zum Übernachten bereitstellte, und ich von der Explosion am Kernkraftwerk Fukushima. Die Informationslage war wirr. Ich verfolgte gleichzeitig deutsche, amerikanische, japanische und arabische Nachrichtensender. Dass sich aus keinem eine überzeugende Einschätzung gewinnen ließ steigerte die Hilflosigkeit. Wem konnte man vertrauen? Mit Erdbeben hatte ich Erfahrung, aber ein Atom-GAU? Der Kloß im Hals verschlang jede neue Unglücksbotschaft und wuchs zu einem dunklen Gespenst im Kopf heran. Man war noch Zuschauer, aber ein bedrohter.
Tagsüber schlug ich die Zeit in der Nähe von WiFi-Spots tot. Sorgenbelastete emails aus Deutschland. Freunde, die nacheinander das Land verließen. Gerüchte, die an der Glaubwürdigkeit der Behörden nagten.
Morgens am Spiegel entdeckte ich ein graues Haar.
Ich wollte mich nicht irremachen lassen. Traf mich mit Freunden, lenkte mich ab. Die Experten im japanischen Fernsehen erklärten in beruhigenden Tönen. Als jedoch das zweite Reaktorgebäude in die Luft flog und die Strahlungswerte in Tôkyô stiegen und es laut US-Experten in Fukushima zu einer veheerenden Kettenreaktion kommen könnte, sprang ich auf den Paranoiazug auf, den allen voran die deutschen Medien anheizten. Erst Ayumi und ein Tôkyôter Kumpel bremsten mich durch besonnene Worte ab. Wir besuchten eine Paul Klee-Ausstellung, seitdem war das Gespenst im Hals verpufft.

Am nächsten Tag fiel Schnee. Ayumi und ich freuten uns über die Freizeit. Wir waren in der leicht bizarren Lage, physisch völlig unbetroffen zu sein. Das Leben in Kansai (Westjapan) verlief so als sei nichts geschehen. Abends jedoch empfingen wir eine Freundin mit ihrer Familie am Bahnhof. In Begleitung ihrer schwerkranken Mutter waren sie aus der Präfektur Ibaraki hergefahren, weil sie die Dauererdbeben nicht mehr aushielten.
In der Nacht schwankte mein Hotelzimmer, Stärke 3.

Am Freitag aß ich mit einem australischen Freund zu Mittag. Einer der vielen, die Tôkyô verlassen hatten und nun auf dem Weg zum Flughafen in Ôsaka waren. Sein Konsulat stellte ihm das Flugticket bereit. Auch ich dachte mehrmals über eine Rückkehr nach Deutschland nach, mit Ayumi, weil Verwandte und Freunden dazu drängten. Selbst die deutsche Botschaft war nach Kansai getürmt. Doch so einfach weg ging nicht. Erstens lag mein Reisepass in Tôkyô. Zweitens konnte und wollte ich meine Familie, das Land hier nicht zurücklassen… Erst recht nicht in dieser Not. War es Solidarität? Schlechtes Gewissen? Faulheit? Keine Ahnung. Ich entschied mich für Hoffnung, und achtete nicht mehr auf die bescheuerte deutsche Berichterstattung. Ich war nervös, aber verglichen mit den vielen Leuten, die wirklich alles verloren hatten, ging es mir ausgesprochen gut.

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Nach sieben Nächten in Kyôto stieg ich am Samstagmittag endlich in den Shinkansen nach Tôkyô. Der Zug war leerer als sonst. Die Tasche mit Vorräten war schwer. Die Ungewissheit als Kopfgepäck. Zwei verträumte Fahrtstunden später war ich wieder da. In den Gallerien des Bahnhofs Tôkyô, die wegen einer langwierigen Renovierung jede Woche anders verlaufen, waren weniger Menschen als sonst zu sehen. Ansonsten Normalität. Man erkannte, wo Strom gespart wurde. Einige Regale in den Convenience Stores waren leer.

Mein schuhschachtelgroßes Zimmer in Ningyô-chô war ein Durcheinander, aber nicht so schlimm wie befürchtet. Die Bücherstapel waren sanft aufs Bett gefallen, Kartons lagen auf dem Boden. Während ich aufräumte gab es zwei mittelstarke Beben. Auch das ist normal in Japan.

Ich danke allen, die mich durch Gebete und Nachrichten unterstützt haben! Die Katastrophe im Land ist indes noch lange nicht überstanden. Im Moment habe ich keine Angst mehr, aber Sorge um die halbe Million Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Ihnen und jenen, die am Atomkraftwerk Fukushima immer noch und sicher in den kommenden Wochen ihr Leben riskieren sollten unsere Gebete und Hilfe gelten. Durch diese Krise habe ich einiges gelernt, und ich werde versuchen, dies im Nachfolgenden noch zu analysieren.

Ein Wort, das mir im Moment der Entscheidung half, war jenes berühmte (falsche)  Luther-Zitat:

“Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.”