イジメ、ウソ、マインドコントロール —— ライフハウスの裏側

Lixehouse

2011年の2月にこのブログにジーザス・ライフハウス(現在はライフハウス)とういキリスト教会についての記事を日本語・英語・ドイツ語で載せました。その後『疑問に思えば、疑問に賛成 — ジーザスライフハウスの光と霧』がこのブログの一番人気な記事となり、13,600 回もアクセスされました。英語版とドイツ語版のアクセス件数は合わせて 4,200 件です。読んで下さった読者の方々に感謝です!

あれから3年も絶ちますが、その間に記事に対して多くの読者さんがコメントを残してくれました。メールでは、東京の大学教授や教会関係の人もJLHに対しての心配を説明して下さいました。今回の記事はコメントから浮かぶライフハウスの疑わしい正体について問います。

実は、英語版には30件以上のコメントがあり、そのほとんどはライフハウス経験者の話です。何人の方が「ここで初めて真実を語ることができた」などと言い、詳しく書いてくれました。その中で私自身の記事よりも深刻なストーリーが語られています。コメントによりますと、ロド・プラマー牧師を中心に活動するライフハウスには様々なイジメ、洗脳、争いと偽りが生じるらしいです。これは、ライフハウスに対して最初から疑問を感じて遺恨をもつ者の書き込みではありません。ライフハウスにまめに加わりライフグループ・リーダーや牧師に何年間も協力した方々がいて、熱心な信者がたくさんいます。

コメントを書いてくれたサラさんはこういいます。

「JLHによって傷付けられた人はたくさんいると思いますが声を上げることを恐れています。[・・・]他のプロテスタント教会で「普通」と思われること、特にJLHの盲従を強いる指導方法を疑う人たちはチャーチ内でびっくりさせるほど攻撃的な扱い方をされます。」

ライフハウスについて知りたい人たちは大勢います。キリスト教に始めて出会って教会について調べたい人たちもたくさんいるでしょう。この方々のために、30件のコメントからいくつかのポイントをあげてここでまとめていきます。ライフハウスの裏話、それは単なる悪口ではありません。多くのコメンテーターは、「楽しくて」「元気いっぱいのチャーチをめざして」いるライフハウスは、 方向のない都会の孤独な若者をかき集める危険なカルト集団であると主張しています。

私にはすべてのコメントの正確さを調べることはできません。そして全コメントを翻訳することも無理です。しかし少しでも日本語に直してダイジェストとして紹介したいです。もちろん、英語ができる方はそのまま英語の記事で読んで頂けます

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Den Untergang herbeigeredet

Durch die turbulenten Ereignisse wurde mein Vertrauen in die deutsche Nachrichtenerstattung tief erschüttert. Dass ich mich zeitweise vom Alarmismus anstecken ließ, den ARD und n-tv schürten, hat mir eine Lektion in Sachen Krisenverhalten gelehrt. Eine erste Reflektion.


Natürlich, als einigermaßen mündiger Demokrat weiß man, dass man nicht alles für bare Münze nehmen soll, was im Fernsehen läuft. “Take everything with a grain of salt”, wie der Amerikaner sagen würde. Vor allem als Filmstudent ist mir sehr bewusst, dass objektive Realität eine wackelige Angelegenheit ist und Bilder immer nur Bruchstücke der Wahrheit spiegeln können, ohne dass dahinter eine böse Absicht stecken muss. Das Selektieren und Editieren gehört zum Journalismus selbstverständlich dazu.

Weil man trotzdem so etwas wie ein Grundvertrauen in die renommierten Nachrichtensendungen hat, rief ich in den Stunden des Unglückes als Erstes die Webseite der Tagesschau (ARD) auf. Weitere ausländische News bezog ich vom Online-Portal der ZEIT, sowie n-tv, CNN und Al Jazeera. Um das Bild abzurunden schaute ich auch bei MSNBC, Fox News, BBC und den heute-Nachrichten (ZDF) vorbei. Unter den diversen japanischen Live-Nachrichtensendungen zappte ich umher, doch NNN (Nippon Television) und ANN (TV Asahi) waren vergleichsweise am ausführlichsten. Im Allgemeinen wurde dort sehr sachlich, sehr ruhig (so weit es die Situation erlaubte) berichtet.

Mit der Zeit divergierte der Tonfall zwischen japanischen und deutschen Medien immer deutlicher. Besonders was die Atomkrise in Fukushima betraf, explodierten auf den Webseiten der Tagesschau und n-tv die Informationen. Da hieß es einmal, die Infrastruktur des Lands sei “völlig zerstört”, ein anderes mal war für die ARD der “Super-GAU” schon passiert. Die US-Zeitungen oszillierten zwischen Zurückhaltung und Schrecken. Das führte dazu, dass ich immer verunsicherter wurde und gegen die Hysterie der ausländischen Medien mental ankämpfte. Schließlich fielen mir immer mehr Schwächen der deutschen Medien auf, so dass ich doch wieder den japanischen Glauben schenkte.

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Angespannt, aber sachlich. Nachrichten werden meist im Team präsentiert.

Was waren das für Schwächen?

Als erstes bemerkte ich, dass die deutschen Reporter und Kamerateams selten selbst vor Ort waren, um Aufnahmen zu machen und Beteiligte zu befragen. Sehr viele der Videos werden von der Nachrichtenagentur Reuters und NHK World (der internationale Nachrichtenkanal des staatlichen Senders NHK, den kaum ein Japaner kennt) übernommen. Diese Materialbeschaffung ist meines Wissens nach üblich. Die ARD hat ja wohl kaum einen eigenen Hubschrauber in Tôkyô. Wenn allerdings Reuters ein Interview von der Straße, oder NHK World Pressekonferenzen vom Japanischen ins Englische dolmetscht, scheinen diese Simultanübersetzungen wiederum vom Englischen ins Deutsche übertragen zu werden, ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Wortlaut. Es dürfte klar sein, dass dabei immer ein Zeitdruck besteht, der eine 100%ig genaue, alle Nuancen und Fachkenntnisse erforderndern Begriffe korrekt treffende Simultanwiedergabe verhindert. Da wundert es nicht, wenn auf einmal 9000 km vom Geschehen entfernt sich Panik breitmacht, vor allem bei einem brenzligen Thema wie Atomkraft.

Wie viele deutsche Korrespondenten sind der japanischen Sprache tatsächlich mächtig genug, um komplizierte Redewendungen von Politikern und Technikern im Original zu erfassen? Wenn im deutschen Hörfunk das Wort für die japanischen Verwaltungsbereiche “ken” immer noch mit ‘Provinz’ übersetzt wird, statt mit ‘Präfektur’ darf ich annehmen, dass es nicht viele sind. Das ist so, als sage man ‘Kanton’ statt ‘Bundesland’. Provinzen gibt es in Japan seit 150 Jahren nicht mehr.

Inzwischen scheint die ARD sich ihre Infos fast nur noch von NHK World zu beschaffen…

Es ist nicht nur die Sprache. Ich glaube kaum, dass alle für Japan zuständigen Berichterstatter die nötige kulturelle Erfahrung besitzen, um sensibel genug aus der japanischen Körpersprache und Wortwahl die richtigen Kommunikationshinweise herauslesen zu können. Ich betone das, weil die Wahrnehmungsunterschiede tatsächlich existieren und die Reaktionen der Japaner deswegen nicht einfach als “obrigkeitshörig” oder “fatalistisch” gedeutet werden dürfen, als gelten auf der ganzen Welt deutsche Verhaltensmaßstäbe. Glaubt man der ARD, so sind sie ein monolithisch agierendes Volk von braven Jasagern… Blödsinn! Im Übrigen lesen “die Japaner” den Regierungssprechern weder von den Lippen, noch stellen diese die einzige Informationsquelle dar. In allen hiesigen Nachrichtensendungen werden Experten zu Rate gezogen und wichtige Fragen diskutiert. Kamerateams fliegen direkt in die Krisengebiete und vermitteln ein recht differenzierteres Bild der Verhältnisse. So konnte man erfahren, dass auch über 25 000 verunglückte Menschen gerettet werden konnten. (Die Tsunami-Katastrophe ist vor der Atomangst hier nicht in den Hintergrund gerückt).

Klar, auch die japanischen Medien sind vor Sensationsgeilheit nicht gefeit (man nehme nur die skandalträchtigen Wochenzeitschriften, die seit jeher das Vertrauen in die Politik untergraben). Die Volksverblödung nimmt mit jeder Meldung über Eisbär Knut auch hier ihren Lauf. Doch eine Spekulationskaskade mit der auf einmal die deutschen Medien und Politiker die Köpfe mit Pessimismus fluteten gab es hier nicht: n-tv präsentierte Befürchtungen als Schlagzeilen. Schießbudenfiguren wie Guido Westerwelle (“atomare Apokalypse“) und Günther Oettinger (“Anlage außer Kontrolle“) traten vor die Mikros. Als die anglophonen Journalisten die letzten Arbeiter am AKW Fukushima einhellig als Helden feierten, bezeichnete sie ein deutscher Atomexperte als “arme Schweine“, deren Einsatz “sinnlos” sei. Da ist es kein Wunder, dass die Japaner geradezu sorglos erschienen (was sie nicht sind).

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Statt normaler Werbung liefen Werte-Spots des Ad Council Japan

Ich will hier keine Gefahr kleinreden. Die Lage hier war äußerst dramatisch. Wenn nacheinander zwei Reaktorgebäude in die Luft fliegen ist es verdammt schwer, kühlen Kopf zu bewahren. Die reale Gefahr von Abertausenden von Strahlenopfern bestand, besteht wahrscheinlich immer noch. Offen gesagt, auch ohne n-tv schloss ich das Schlimmste nicht aus.
Die Vergangenheit zeigt, dass bei Atomunfällen die volle Wahrheit erst später herauskommt. Die zwielichtige TEPCO-Führung wird sicher versuchen, sich so positiv wie möglich darzustellen, so wie der Chemiefabrikant Chisso in den 50ern, welcher die Quecksilbervergiftungen, von der Tausende in Kyûshû betroffen waren, vertuschte, oder so wie letztes Jahr der Energiekonzern BP die Ursachen und Folgen der Ölkatastrophe in den USA verharmlosen wollte. Es werden noch furchtbare Dinge ans Tageslicht kommen. Es half im Eifer der Situation allerdings nicht, dass ARD-Korrespondent Robert Hetkämper den Untergang Tôkyôs schon wie eine unabwendbare Sache behandelte und die Appelle der Regierung zur Besonnenheit als “Beschönigung” abfertigte. Denn trotz Atomlobby und Gesichtsrettung glaube ich kaum, dass die Regierung jetzt so verantwortungslos ist, mit Lügen das Leben ihrer Bürger aufs Spiel setzen zu wollen.

Ich fand schließlich, dass neben den japanischen Sendern die Agenturen Reuters und Kyôdô die besten und schnellsten Informationen boten. Zur besseren Interpretation der Ereignisse trugen der Deutschlandfunk und die ZEIT bei.
Mittlerweile hat sich die Lage und auch die Medien beruhigt. Was mir bleibt ist ein stärkeres Misstrauen. Das fehlende kulturelle Feingespür, Nachrichten aus zweiter Hand…. das wirft kein gutes Licht auf die ausländische Berichterstattung, besonders jetzt auch in der Libyenkrise. Für die Zukunft deshalb: Take everything with a spoon full of salt.

*

Interessante Artikel
Lesenswerte Einschätzung und Kritik eines japanischen Intellektuellen: http://www.fr-online.de/kultur/debatte/-verfuehren-sie-mich-bitte-nicht-zum-nationalismus–/-/1473340/8248880/-/index.html
Zum Verhalten der Japaner in der Katastrophe: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1416210/
Zum Zahlenzynismus in den Medien: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1414866/
Wie die Deutschen vor Ort reagierten: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-03/protokolle-japan-erdbeben

Zwischen Panik und Alltag – Meine Woche seit dem Beben

Es ist nun mehr als eine Woche her, dass Japan von einem unbeschreiblichen Desaster heimgesucht wurde. Das in nur wenigen Tagen hereinbrechende Übermaß an Verderben im Land, in dem ich seit über sechs Jahren lebe, hat mich, obwohl ich überhaupt nicht direkt betroffen war, durch ein Bad der Gefühle gespült. Oft wünschte ich mir, morgens aus diesem Alptraum aufzuwachen. Dabei hatte ich noch Glück, denn zum Zeitpunkt des Bebens war ich gerade für ein paar Tage nach Kyôto gefahren. Dort, 500 km westlich von Tôkyô (wo ich wohne) entfernt, hatte ich meine Freundin Ayumi besucht.

Als es geschah war ich in der Stadt unterwegs. Morgens hatte ich im Kitano Tenmangû-Schrein die Pflaumenblüte bewundert. Erst als ich Ayumi für’s Abendessen traf, erfuhr ich, dass etwas Schlimmes passiert war. In einem Chinarestaurant, wo der Fernseher lief, gewannen wir mit den ersten Bildern eine Ahnung vom Ausmaß der Katastrophe. Tsunami-Warnungen für die gesamte Küste Japans, der öffentliche Verkehr in Tôkyô liegt lahm, Millionen Pendler stehen herum. Die Facebook-Einträge meiner Freunde bestätigten die Situation in der Hauptstadt. Noch bevor wir etwas zu Essen bestellten, versuchten wir Familienangehörige ans Telephon zu bekommen – erfolglos, die Leitungen waren überlastet. Zu dem Zeitpunkt begriffen wir noch gar nicht, dass die Videos jener Häuser, die von Flutwellen weggerissen wurden, verschiedene Orte zeigten, und nicht nur ein und den selben.
Im Ryokan (ein traditionelles Hotel) ließen wir den Fernseher an. Die Meldungen der Moderatoren überschlugen sich im Minutentakt. Stromausfälle in Tôkyô, Nachbeben erschütterten die Studios, an einem Strand wurden angeblich über 200 Leichen gefunden, ein Kernkraftwerk bereitete Schwierigkeiten, ganze Industrieanlagen waren in Flammenmeere verwandelt, meterhohe Flutwellen rasten immer noch heran… die beispiellose Kette der Zerstörung, die man live mitverfolge, wirkte wie das Szenario eines billigen Katastrophenfilms, zu surreal um wahr zu sein… die Bilder passten nicht zu dem “echten” Japan, an das ich gewohnt war…
Obwohl uns in Kyôto nichts zugestoßen war, senkte sich in dieser Nacht ein Gefühl der Bedrohung auf uns herab… als hätten sich irgendwelche Mächte dazu verschworen, Japan zu vernichten… sogar das kurzlebige Gerücht, dass der seit dreihundert Jahren ruhende Fujisan wieder ausbrechen könnte, schien an diesem Abend keine Spinnerei. Ayumi und ich beteten.

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Mein Vorhaben, am nächsten Tag nach Tôkyô zurückzukehren, wurde durch kilometerlange Staus in Shizuoka verhindert. Die Busse fuhren nicht. In Tôkyô gab es Probleme mit Wasser und Strom. Ich entschied mich dafür, noch ein, zwei Tage zu bleiben. Wenigstens konnte ich meine Verwandten erreichen. Allen ging es gut.

Aus den ein, zwei Tagen wurde eine ganze aufwühlende Woche, in der meine Nerven ständig von der Furcht vor einer Atomkatastrophe und der Ungewissheit vor dem kommenden Tag malträtiert wurden. Schon am nächsten Abend erfuhren mein Studienfreund, der mir in seiner engen Mietswohnung ein Futon zum Übernachten bereitstellte, und ich von der Explosion am Kernkraftwerk Fukushima. Die Informationslage war wirr. Ich verfolgte gleichzeitig deutsche, amerikanische, japanische und arabische Nachrichtensender. Dass sich aus keinem eine überzeugende Einschätzung gewinnen ließ steigerte die Hilflosigkeit. Wem konnte man vertrauen? Mit Erdbeben hatte ich Erfahrung, aber ein Atom-GAU? Der Kloß im Hals verschlang jede neue Unglücksbotschaft und wuchs zu einem dunklen Gespenst im Kopf heran. Man war noch Zuschauer, aber ein bedrohter.
Tagsüber schlug ich die Zeit in der Nähe von WiFi-Spots tot. Sorgenbelastete emails aus Deutschland. Freunde, die nacheinander das Land verließen. Gerüchte, die an der Glaubwürdigkeit der Behörden nagten.
Morgens am Spiegel entdeckte ich ein graues Haar.
Ich wollte mich nicht irremachen lassen. Traf mich mit Freunden, lenkte mich ab. Die Experten im japanischen Fernsehen erklärten in beruhigenden Tönen. Als jedoch das zweite Reaktorgebäude in die Luft flog und die Strahlungswerte in Tôkyô stiegen und es laut US-Experten in Fukushima zu einer veheerenden Kettenreaktion kommen könnte, sprang ich auf den Paranoiazug auf, den allen voran die deutschen Medien anheizten. Erst Ayumi und ein Tôkyôter Kumpel bremsten mich durch besonnene Worte ab. Wir besuchten eine Paul Klee-Ausstellung, seitdem war das Gespenst im Hals verpufft.

Am nächsten Tag fiel Schnee. Ayumi und ich freuten uns über die Freizeit. Wir waren in der leicht bizarren Lage, physisch völlig unbetroffen zu sein. Das Leben in Kansai (Westjapan) verlief so als sei nichts geschehen. Abends jedoch empfingen wir eine Freundin mit ihrer Familie am Bahnhof. In Begleitung ihrer schwerkranken Mutter waren sie aus der Präfektur Ibaraki hergefahren, weil sie die Dauererdbeben nicht mehr aushielten.
In der Nacht schwankte mein Hotelzimmer, Stärke 3.

Am Freitag aß ich mit einem australischen Freund zu Mittag. Einer der vielen, die Tôkyô verlassen hatten und nun auf dem Weg zum Flughafen in Ôsaka waren. Sein Konsulat stellte ihm das Flugticket bereit. Auch ich dachte mehrmals über eine Rückkehr nach Deutschland nach, mit Ayumi, weil Verwandte und Freunden dazu drängten. Selbst die deutsche Botschaft war nach Kansai getürmt. Doch so einfach weg ging nicht. Erstens lag mein Reisepass in Tôkyô. Zweitens konnte und wollte ich meine Familie, das Land hier nicht zurücklassen… Erst recht nicht in dieser Not. War es Solidarität? Schlechtes Gewissen? Faulheit? Keine Ahnung. Ich entschied mich für Hoffnung, und achtete nicht mehr auf die bescheuerte deutsche Berichterstattung. Ich war nervös, aber verglichen mit den vielen Leuten, die wirklich alles verloren hatten, ging es mir ausgesprochen gut.

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Nach sieben Nächten in Kyôto stieg ich am Samstagmittag endlich in den Shinkansen nach Tôkyô. Der Zug war leerer als sonst. Die Tasche mit Vorräten war schwer. Die Ungewissheit als Kopfgepäck. Zwei verträumte Fahrtstunden später war ich wieder da. In den Gallerien des Bahnhofs Tôkyô, die wegen einer langwierigen Renovierung jede Woche anders verlaufen, waren weniger Menschen als sonst zu sehen. Ansonsten Normalität. Man erkannte, wo Strom gespart wurde. Einige Regale in den Convenience Stores waren leer.

Mein schuhschachtelgroßes Zimmer in Ningyô-chô war ein Durcheinander, aber nicht so schlimm wie befürchtet. Die Bücherstapel waren sanft aufs Bett gefallen, Kartons lagen auf dem Boden. Während ich aufräumte gab es zwei mittelstarke Beben. Auch das ist normal in Japan.

Ich danke allen, die mich durch Gebete und Nachrichten unterstützt haben! Die Katastrophe im Land ist indes noch lange nicht überstanden. Im Moment habe ich keine Angst mehr, aber Sorge um die halbe Million Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Ihnen und jenen, die am Atomkraftwerk Fukushima immer noch und sicher in den kommenden Wochen ihr Leben riskieren sollten unsere Gebete und Hilfe gelten. Durch diese Krise habe ich einiges gelernt, und ich werde versuchen, dies im Nachfolgenden noch zu analysieren.

Ein Wort, das mir im Moment der Entscheidung half, war jenes berühmte (falsche)  Luther-Zitat:

“Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.”

Utsukushii Kotoba – Beautiful Japanese

Have you ever found a beautiful Japanese word? Japanese language can be roughly divided into so-called wago and kango – words which have a Japanese origin, and those which are Japanized loanwords from China. The latter ones are like Latin or Greek in European languages and serve similar purposes. There is often a Japanese expression which can be replaced by a Chinese kango, or vice versa, just as you can replace beginning with inception.

I noticed recently that I like the sounds of original Japanese words better than those from China. Kango are precise and short, and you can piece them together like lego bricks: Bi-Shô – the smile.  – copper.  Kan-Tan – easy. Kon-Nan – difficult. Sei-Fu – the government.
Oftentimes, the Japanese expressions for the same things are the exact opposite. Long and melodic and soft. Like pearl strings that you connect to each other in a row: Hohoemi – the smile. Akagane – copper. Yasashii – easy. Muzukashii – difficult. Matsurigoto – the government. To me, their archaic long-windedness is a point that adds to their beauty. They do not quite fit to the short attention span and economical thinking of our present-day. Kango are very suitable for science, philosophy and trade. Wago only seem to be good for describing nature. It’s completely useless for technology. A simple word like electron would be a challenge to be expressed through wago alone, while it is rather easy to pull out two pieces of Chinese and create a perfect expression (denshi 電子, by the way). And this effective modular system can be even shortened down. Genshiryoku-Hatsuden-Sho (原子力発電所) – which means “nuclear powerplant”- is often abbreviated to a snappy genpatsu (原発).
Another example: For “physical strength” you would use two Chinese characters and simply say tairyoku (体力), which is a four syllable word. In Japanese you would need to say karada no chikara (からだのちから). Seven syllables. No one wants to lose time, so you go with four. That saves a little bit of tairyoku, too.

I know, I know, Chinese loanwords are so engrained into Japanese that nobody feels uncomfortable using them or considers them as some exotic import. Rather would it be unnatural to swap them for obsolete Japanese words. And I certainly have no sympathy for those who cling to furuki-yoki, “good old”, Japanese culture for no good reason. Language changes and wago and kango alike sound much different than 1000 years ago anyway.

However, the more wago I encounter the deeper I feel touched by their poetic expressiveness, in sound and meaning, especially when it comes to verbs and adjectives. To me, they feel more organic, as if re-invoking the sensibility of people who lived close to nature. There is a beautiful verb for the dawning night, when the day enters twilight: tasogareru. There is also a verb that describes the cherishing of nostalgic feelings, or the longing for something gone by: natsukashimu. Sometimes, wago are straight to the point.
Ancient Japanese believed in kotodama, the magical, spiritual power of words. Maybe that’s why they sound so poetic to me. When they named the world around them, they clothed it into these beautiful, simple sounds. Sumire-iro for “violet”. Oborozuki for “a moon veiled in clouds”. Kagayaku is when something shines brilliantly. Mabataku means “to blink” your eyes, but then you use it to express things like “a flickering lamp”, mabataku tomoshibi or “the twinkling stars”, mabataku hoshi-tachi.

I think most people unfamiliar with the Japanese language have the image of it being a hectic shing-shang-shong. Well, the hyperbolic use of high-pitched ad messages in tv and pop music does not exactly help making people notice the beauty of words like uruwashii or ôunabara. Hearing a new word that beautiful can make me almost cry. And when I listen to a song like “Koi wa momo-iro” (“Romance is peach-colored”), whose lyrics are almost entirely made up of wago, I believe they strike right into my emotions because of their simplicity and tenderness:

Performed by Hosono Haruomi and Yano Akiko


And I am still looking for good contemporary Japanese poetry…

Doppelte Staatsbürgerschaft – Im Namen des Volkes

Beim letzten Mal, als ich hier hinausschrieb, hatte ich mir noch eine doppelte Staatsangehörigkeit gewünscht, und wäre auch heute noch dieser Meinung, hätte ich mich nicht einer bestimmten Angelegenheit besonnen: die Todesstrafe. Japan reiht sich noch heute in die Gemeinschaft der Staaten, in denen das Töten nach Richterspruch ausgeübt wird: Iran, China, Nordkorea, um einige zu nennen. Als einzige Demokratien der Welt beharren derzeit die Vereinigten Staaten, Südkorea und Japan darauf, wobei in Südkorea seit über zehn Jahren keine Hinrichtung mehr durchgeführt wurde.

Nun kann man für und wider die Todesstrafe viele Argumente auf den Tisch legen, doch als Christ gilt für mich zuallererst die Entscheidung für das Leben, so schuldig es auch ist. Zweitens diagnostiziere ich einem Staat, der das Töten einerseits verbietet und andererseits selbst praktiziert, ethische Schizophrenie. Ein Rechtstaat soll nicht auf das Niveau der Mörder, die er beseitigen will, hinabsinken. Und drittens sollten meiner Meinung nach Menschen über das Weiter- bzw Ableben anderer Menschen nicht entscheiden. Das bleibe die Domäne Gottes, des Schicksals, der Natur, wie immer man es nennen mag.  Die Vorstellung, dass in einem demokratischen System meine Unterschrift, mein Kreuz auf dem Zettel einem anderen das Leben zu beenden vermag, das ist eine zu hohe moralische Verantwortung, die ich niemals bis zu ihrem letzten Schritt verfolgen möchte.
Zumindest bin ich für einen ehrlichen Umgang mit dem Töten, wenn es denn gefordert wird. Doch die Hinrichtungen in japanischen Gefängnissen finden ohne Ankündigung und Publikum, weit ab von den Augen der Gesellschaft, statt. Wenn der Staat Wert auf Transparenz legt und Abschreckung erwirken will, dann soll er es gefälligst in aller Öffentlichkeit tun, am besten mitten in der Stadt, auf den Bahnhöfen und Fußgängerkreuzungen, oder vor den Gerichtshöfen. Im Iran werden Verurteilte an Kränen aufgeknüpft und meterhoch in die Luft gehoben. In Saudi-Arabien können Spaziergänger dabei zusehen, wie einem Gotteslästerer der Kopf abgeschnitten wird. Die Menschen hierzulande werden in der Regel für schwere Mordverbrechen an Galgen erhängt. Die öffentliche Kopfabschneiderei macht Saudi-Arabien nicht barbarischer als Japan, vielleicht sogar konsequenter, er versteckt das staatliche Töten nicht, er zeigt den Leuten, was er unter Gerechtigkeit versteht. Warum sollen in Japan die Kindergärtnerin und der Herr Professor nicht dabei zuschauen, wie ein Krimineller zu Tode stranguliert wird. Das Fernsehen sollte es zeigen. Schulklassen sollten zur Besichtigung eingeladen werden. Wenn das Todesurteil im Namen des Volkes ergeht, dann soll das Volk auch genau hinsehen, wofür es Steuern zahlt.

Natürlich muss man nicht mit allem, was der Staat mit unseren Namen und Geldern tut, einverstanden sein. In einer Demokratie darf man ablehnen und protestieren. Die Befürworter der Todesstrafe (immerhin fast 80% der japanischen Bevölkerung) aber sollte der Staat dazu auffordern dürfen, den Henker im Krankheitsfall zu vertreten. Im letzten Mai trat das neue Jurysystem bei Strafgerichten in Kraft. Danach werden aus der Bevölkerung per Zufallsprinzip Schöffen ernannt, dessen Meinungen die Richter bei ihrer Entscheidungsfindung mit einbeziehen. Aber warum sollte die Teilnahme der Bürger an Rechtsprozessen bei der Urteilsfindung enden? Wenn die Mitglieder der Jury für Tod plädieren sollten (das ist bislang noch nicht geschehen), dann sollten sie auch ohne Hemmungen der Aufforderung, die Maßregelung mit eigenen Händen durchzuführen, nachkommen. Man braucht keine Experten dafür. Ein Knopfdruck, und die Klappe öffnet sich. Man darf sich auf die Schulter klopfen, Gerechtigkeit geübt zu haben, beruhigt nach Hause gehen und der Familie beim Eisessen befriedigt von dem Knacken erzählen, das die Halswirbel des Kinderschänders von sich gaben, als die Schlinge sie vom Sturz bremste. Das spart auch Geld für den Henker ein.

Der letzte Justizminister Mori Eisuke hatte in seiner kurzen Amtszeit neun Hinrichtungen angeordnet.  2008 wurden fünfzehn Gefangene getötet. (Die USA tötete im gleichen Jahr knapp vierzig. In den Bush-Jahren fiel die Zahl der Hinrichtungen um mehr als die Hälfte, erst seit Kurzem steigt sie wieder an.) Mit der Justizministerin der neuen Regierung, Chiba Keiko, bewegt sich das Gesetzbuch vielleicht in naher Zukunft in Richtung Milderung oder Abschaffung der Todesstrafe. Chiba will die öffentliche Debatte neu anfachen, doch einstweilen bleibt Japan formal eine Demokratie, die tötet.
So gerne ich die doppelte Staatsbürgerschaft auch besäße, in meinem Namen soll kein Todesurteil mitergehen. Ich werde hier vielleicht eine ganze Weile lang leben, arbeiten und Steuern zahlen. Und von diesen Steuern werden dann Straßen geteert, Gasleitungen installiert, dem Kaiser die Limousine betankt, Galgenstricke gedreht, Bomben angeschafft. Der Staat kann mein Geld haben, aber nicht meinen Namen. Eine Staatsangehörigkeit würde ich mir aus diesem Grund dreimal überlegen.

Antisemantismus No. 1: Shakaijin

shakaijin

Morgen endet mein Studium. Bevor es am Abend mit meinen Kollegen und Dozenten zu einer großen Abschiedsfeier in die Stadt gehen wird, müssen wir vormittags noch die Abschlusszeremonie in der Uni-eigenen Theaterhalle erdulden. Und in den zu erwartenden steifen Reden, die über uns ergehen werden, wird mit Sicherheit das eine oder andere Mal jenes Wort fallen, das uns, wie schon etliche Male zuvor, auf spezifisch japanische Weise an den Ernst des Lebens gemahnen soll: Shakaijin.
Diese Vokabel setzt sich aus “Gesellschaft” Shakai und “Mensch” Jin zusammen und scheint auf den ersten Blick einigermaßen klar zu sein: “Gesellschaftsmensch”, oder einfach “Mitglied der Gesellschaft”. Doch so simpel kann lässt sie sich nicht ins Deutsche übertragen. Als ich ihn die ersten Male hörte, verwirrte mich dieser Begriff. Auf Job-Hunting-Seminaren bemerkte ich Losungen á la “Ein Shakaijin beherrscht die Höflichkeitssprache und quasselt nicht wie ein Student daher” oder “Wenn ihr bald ehrbare Shakaijin sein  werdet, müsst ihr unbedingt dies und das befolgen”. War ich denn nicht schon längst Mitglied der Shakai, wenn auch ein ausländisches, das sich mit Kräften zu integrieren versucht?

Der Gesellschaftsbegriff ist in Japan zwar theoretisch ungefähr gleich umfang- und facettenreich wie in der europäischen Welt, doch im Kontext der Megastädte mit ihrer Konzentration von Kapital und Jinzai (“Menschenmaterial” = Arbeitskräfte) hat sich im allgemeinen Bewusstsein eine Vorstellung herausfokussiert, die vor allem Unternehmen, Arbeiter und Geld als Kernelemente der Gesellschaft hervorhebt. Zur dieser gehören deshalb all jene, die als brave Zahnräder in der Japan AG ihren Lebensunterhalt verdienen, konsumieren und Steuern zahlen. Ist es Zufall, dass die Schriftzeichen für Shakai 社会 ausgetauscht Kaisha 会社, also “Unternehmen”, bedeuten? Man spricht von Japan deshalb auch von einer Kaisha-Shakai 会社社会, eine von Betrieben dominierte Gesellschaft.

Als europäisch Geschulter mutet mir diese Definition von dem, was das Zusammenleben in einem Staat ausmacht, natürlich stark kurzsichtig an. Was ist mit Kindern, Schülern, Hausfrauen, den Senioren, Behinderten, also all jenen, die vielleicht nicht irgendwo bei Mitsubishi oder Sumitomo angestellt sind, aber natürlich genauso dem sozialen Gefüge angehören? Bisher hatte ich angenommen, dass die Geburt einen automatisch zu einem Mitglied der Gesellschaft macht. Der Begriff Shakaijin scheint die einseitige Polung der Menschen in Konsumapparate zu kennzeichnen, die Japan ohne Rücksicht auf nichtmonetäre Lebensinhalte nach dem Krieg so blindwütig verfolgte, und deren faule Früchte (Massenselbstmorde, Freeter, Hikikomori, Mobbing…) es nicht zu verdauen in der Lage ist.

Dass Studenten bei einer solchen Denkweise ebenfalls nicht als vollwertige Mitglieder der Shakai behandelt werden, während in Deutschland Aktivisten die Erwähnung von Kinderrechten im Grundgesetz fordern, um diese “besser in die Gesellschaft zu integrieren”, wird darum nicht überraschen. Das Konzept der Shakaijin weist meiner Meinung nach auch darauf hin, wie sehr die Universitäten von dem Rest der Gesellschaft abgeschnitten sind. Einbindung und Prestige von Universitäten, Akademikern und Studenten sind vergleichsweise niedrig. Die Vorstellung, dass Studenten der Shakai irgendetwas Konstruktives beizutragen in der Lage seien, scheint kaum vorhanden. Sie sind aufgefordert, “in die Gesellschaft hinausgehen” (Shakai ni deru), und zwar als Kaisha-In – Unternehmensangestellte. Und werden dazu in Job-Hunting-Seminaren auf den richtigen Benimm als uniforme Shakaijin getrimmt. Unternehmen fragen Berufseinsteiger so wie gut wie nie nach ihren Noten, sondern legen mehr Wert auf das penible Einhalten von Umgangsformen. Aus eigener Beobachtung ist die Kluft zwischen Studenten und dem, was Jisshakai (“die wirkliche Gesellschaft”) genannt wird, groß. Kein Wunder, dass Studenten hierzulande im Vergleich zu westlichen so wenig an politischen und sozialen Themen interessiert sind.

Vielleicht werde ich morgen dazu aufgefordert “in die Gesellschaft hinauszugehen”. In dem Fall werde ich ablehnen. Gegen einen verkürzten Gesellschaftsbegriff, welcher lediglich Arbeiter als ihre vollwertigen Mitglieder anerkennt, und in der derzeitigen Wirtschaftslage nicht mehr als ein stures Festhalten an der Illusion einer heterogenen Wirtschaftsnation bedeutet, sage ich: Scheiß auf eure Westerwelle-Definition. Diese Gesellschaft ist mehr als ein Geldapparat und ich bin seit jeher ein Teil von ihr. Und ein Shakaijin hat mit der Shakai so viel zu tun wie ein Feldwebel mit ‘nem Gemüsefeld.