Pageturner

This week is my last full week as staff member of the Asian Rural Institute. On February 28th, I will take an airplane to Yamaguchi Prefecture and move to Kudamatsu City in Southwest Japan, where my partner Ayumi is waiting for me. We will start a new life together, focusing our energies on making and teaching art. We have been planning this for more than a year. While I am very sad to leave ARI, I am looking forward to taking our relationship to the next stage and to be able to work on my dream. Oh, and of course, if possible I want to continue Foodlife Work at my new home.

It has almost been three years since I moved from Tôkyô to Nasushiobara City, to live and work at ARI. I can’t find the appropriate words to describe the tremendous growth I underwent during this time as staff and community member of ARI, and how much I appreciate all the wonderful people who accepted me. This is truly one of the most inspiring places on Earth.

I arrived here on a cold day on March 26, 2011. It was two weeks after the catastrophic events of 3/11, the Great Eastern Japan Earthquake Disaster. I remember the violent aftershocks continuing for months on end and the fear of facing radioactivity from the destroyed Fukushima I Nuclear Power Plant (65 miles away). I remember how we supported each other, working like horses to cope with the situation. Slowly, we rebuilt, and reclaimed our hope. I will never forget the joyful moment of last year September, when we celebrated ARI’s fortieth anniversary with fifty extraordinary graduates on our beautiful new campus, an exciting moment that would have been impossible to imagine right after the disaster. When I see ARI today I see the miracle of God’s guidance, and believe firmly that he has guided me as well. Being part of this place makes me deeply thankful, proud and happy.

ARI 2013
Rice Harvest with members of the ARI commune and graduates. I’m in the center of the picture!

Now the time has come for me to close this chapter in my life and start writing on the next. But I’m not burning bridges behind me. Some of my graphic design and video work for ARI will continue. And not only do I carry many new friendships with me but the mission of ARI, and I will try to fulfill it in my own way.

Life is unpredictable, like an earthquake. I never plan beyond three years ahead. I follow where God sends me to. Starting a new life in Kudamatsu will be demanding. I know nothing about that place yet. But it’s a great chance to do what I actually want to do, living in accord with my values. I will use everything I’ve learned to create a meaningful life, serve others through art and finally return the riches I have received from you all.

Doing the right thing – ただしい道を選ぶ

あなたの御言葉は、わたしの道の光、わたしの歩みを照らす灯。

人生において神さまからの声というものに気付くことがある。その声がはっきり聞こえれば聞こえるほどそれが使命であることが分かり、どの困難にも関わらず従わざるをえないときがある。この度、神さまが私を交差結合された東京の格子風景から栃木県の田舎、アジア学院というところへと呼び出した。

アジア学院は共同体生活に基づいたリーダーシップ学校である。そこには、有機農法や自給自足、コミュニティー・ビルディングや平和活動が教えられており、そのユニークなところで私は過去に一年間ボランティア活動をしたことがある。そしてこれからは広報を担当する職員になる。

私は東京の慌ただしい生活には慣れなかった。自分の価値と真反対な場所であり、人間に残酷なこの街、そして自分を憎むべき姿に変えてゆく映画業界での退屈な事務仕事・・・私が何千人の都会人のようにうつ病に陥らなかったのは、心を支えてくれた友人のおかげだと思う。

そういう中で神さまが扉を開いてくれた。そして、日本が戦後最大の危機に晒されてアジア学院の将来も原発問題で不明確になっている今こそ、私がそこにいるべきことをかたく信じている。ベストを尽くすつもりで私は物を整理して金曜日にアジア学院に引っ越してきた。

いろんな意味で目が開かれたから東京で学べたことを感謝する。この国、私たちの世界がこれよりも深刻なチャレンジとたくさん向かい合うに違いない。だけど私は希望でいっぱいです。神さまはともにある。


RoadToARI

Your word is a lamp to my feet and a light to my path.

There are times in life when you hear God’s call so strong and clearly that you can’t do anything else than follow it against all odds. This time, God has called me out of the cross-linked gridscapes of central Tôkyô, to live and work at the Asian Rural Institute, in rural Tochigi prefecture.

The Asian Rural Institute is a community-based leadership school. It teaches sustainable organic farming, self-sufficiency, community and peace building among other things. In this unique and amazing place I had spent a year of volunteering in the past. Now I am becoming a public relations staff member there.

I never got used to the hectic lifestyle of Tôkyô. A city so contrary to my values, so hostile to its people, and my tedious work as an office rat in the movie industry turning me into someone I hated to be… Hadn’t it been for a group of friends there, I might have plunged into urban depression, just as thousands of others.

That’s where God opened this door. And especially now that Japan is going through her biggest crisis since the war and the near future of ARI has become uncertain due to the nuclear power plant crunch I am convinced that this is the place I ought to be now. I wrapped up my stuff and moved to ARI yesterday. I’m willing to give my best.

I am thankful for the things I could learn in Tôkyô. It had opened my eyes in many ways. This country, our world will face more and bigger challenges. But I am filled with hope. God is here.


Den Untergang herbeigeredet

Durch die turbulenten Ereignisse wurde mein Vertrauen in die deutsche Nachrichtenerstattung tief erschüttert. Dass ich mich zeitweise vom Alarmismus anstecken ließ, den ARD und n-tv schürten, hat mir eine Lektion in Sachen Krisenverhalten gelehrt. Eine erste Reflektion.


Natürlich, als einigermaßen mündiger Demokrat weiß man, dass man nicht alles für bare Münze nehmen soll, was im Fernsehen läuft. “Take everything with a grain of salt”, wie der Amerikaner sagen würde. Vor allem als Filmstudent ist mir sehr bewusst, dass objektive Realität eine wackelige Angelegenheit ist und Bilder immer nur Bruchstücke der Wahrheit spiegeln können, ohne dass dahinter eine böse Absicht stecken muss. Das Selektieren und Editieren gehört zum Journalismus selbstverständlich dazu.

Weil man trotzdem so etwas wie ein Grundvertrauen in die renommierten Nachrichtensendungen hat, rief ich in den Stunden des Unglückes als Erstes die Webseite der Tagesschau (ARD) auf. Weitere ausländische News bezog ich vom Online-Portal der ZEIT, sowie n-tv, CNN und Al Jazeera. Um das Bild abzurunden schaute ich auch bei MSNBC, Fox News, BBC und den heute-Nachrichten (ZDF) vorbei. Unter den diversen japanischen Live-Nachrichtensendungen zappte ich umher, doch NNN (Nippon Television) und ANN (TV Asahi) waren vergleichsweise am ausführlichsten. Im Allgemeinen wurde dort sehr sachlich, sehr ruhig (so weit es die Situation erlaubte) berichtet.

Mit der Zeit divergierte der Tonfall zwischen japanischen und deutschen Medien immer deutlicher. Besonders was die Atomkrise in Fukushima betraf, explodierten auf den Webseiten der Tagesschau und n-tv die Informationen. Da hieß es einmal, die Infrastruktur des Lands sei “völlig zerstört”, ein anderes mal war für die ARD der “Super-GAU” schon passiert. Die US-Zeitungen oszillierten zwischen Zurückhaltung und Schrecken. Das führte dazu, dass ich immer verunsicherter wurde und gegen die Hysterie der ausländischen Medien mental ankämpfte. Schließlich fielen mir immer mehr Schwächen der deutschen Medien auf, so dass ich doch wieder den japanischen Glauben schenkte.

JapanNews01
Angespannt, aber sachlich. Nachrichten werden meist im Team präsentiert.

Was waren das für Schwächen?

Als erstes bemerkte ich, dass die deutschen Reporter und Kamerateams selten selbst vor Ort waren, um Aufnahmen zu machen und Beteiligte zu befragen. Sehr viele der Videos werden von der Nachrichtenagentur Reuters und NHK World (der internationale Nachrichtenkanal des staatlichen Senders NHK, den kaum ein Japaner kennt) übernommen. Diese Materialbeschaffung ist meines Wissens nach üblich. Die ARD hat ja wohl kaum einen eigenen Hubschrauber in Tôkyô. Wenn allerdings Reuters ein Interview von der Straße, oder NHK World Pressekonferenzen vom Japanischen ins Englische dolmetscht, scheinen diese Simultanübersetzungen wiederum vom Englischen ins Deutsche übertragen zu werden, ohne Rücksicht auf den ursprünglichen Wortlaut. Es dürfte klar sein, dass dabei immer ein Zeitdruck besteht, der eine 100%ig genaue, alle Nuancen und Fachkenntnisse erforderndern Begriffe korrekt treffende Simultanwiedergabe verhindert. Da wundert es nicht, wenn auf einmal 9000 km vom Geschehen entfernt sich Panik breitmacht, vor allem bei einem brenzligen Thema wie Atomkraft.

Wie viele deutsche Korrespondenten sind der japanischen Sprache tatsächlich mächtig genug, um komplizierte Redewendungen von Politikern und Technikern im Original zu erfassen? Wenn im deutschen Hörfunk das Wort für die japanischen Verwaltungsbereiche “ken” immer noch mit ‘Provinz’ übersetzt wird, statt mit ‘Präfektur’ darf ich annehmen, dass es nicht viele sind. Das ist so, als sage man ‘Kanton’ statt ‘Bundesland’. Provinzen gibt es in Japan seit 150 Jahren nicht mehr.

Inzwischen scheint die ARD sich ihre Infos fast nur noch von NHK World zu beschaffen…

Es ist nicht nur die Sprache. Ich glaube kaum, dass alle für Japan zuständigen Berichterstatter die nötige kulturelle Erfahrung besitzen, um sensibel genug aus der japanischen Körpersprache und Wortwahl die richtigen Kommunikationshinweise herauslesen zu können. Ich betone das, weil die Wahrnehmungsunterschiede tatsächlich existieren und die Reaktionen der Japaner deswegen nicht einfach als “obrigkeitshörig” oder “fatalistisch” gedeutet werden dürfen, als gelten auf der ganzen Welt deutsche Verhaltensmaßstäbe. Glaubt man der ARD, so sind sie ein monolithisch agierendes Volk von braven Jasagern… Blödsinn! Im Übrigen lesen “die Japaner” den Regierungssprechern weder von den Lippen, noch stellen diese die einzige Informationsquelle dar. In allen hiesigen Nachrichtensendungen werden Experten zu Rate gezogen und wichtige Fragen diskutiert. Kamerateams fliegen direkt in die Krisengebiete und vermitteln ein recht differenzierteres Bild der Verhältnisse. So konnte man erfahren, dass auch über 25 000 verunglückte Menschen gerettet werden konnten. (Die Tsunami-Katastrophe ist vor der Atomangst hier nicht in den Hintergrund gerückt).

Klar, auch die japanischen Medien sind vor Sensationsgeilheit nicht gefeit (man nehme nur die skandalträchtigen Wochenzeitschriften, die seit jeher das Vertrauen in die Politik untergraben). Die Volksverblödung nimmt mit jeder Meldung über Eisbär Knut auch hier ihren Lauf. Doch eine Spekulationskaskade mit der auf einmal die deutschen Medien und Politiker die Köpfe mit Pessimismus fluteten gab es hier nicht: n-tv präsentierte Befürchtungen als Schlagzeilen. Schießbudenfiguren wie Guido Westerwelle (“atomare Apokalypse“) und Günther Oettinger (“Anlage außer Kontrolle“) traten vor die Mikros. Als die anglophonen Journalisten die letzten Arbeiter am AKW Fukushima einhellig als Helden feierten, bezeichnete sie ein deutscher Atomexperte als “arme Schweine“, deren Einsatz “sinnlos” sei. Da ist es kein Wunder, dass die Japaner geradezu sorglos erschienen (was sie nicht sind).

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Statt normaler Werbung liefen Werte-Spots des Ad Council Japan

Ich will hier keine Gefahr kleinreden. Die Lage hier war äußerst dramatisch. Wenn nacheinander zwei Reaktorgebäude in die Luft fliegen ist es verdammt schwer, kühlen Kopf zu bewahren. Die reale Gefahr von Abertausenden von Strahlenopfern bestand, besteht wahrscheinlich immer noch. Offen gesagt, auch ohne n-tv schloss ich das Schlimmste nicht aus.
Die Vergangenheit zeigt, dass bei Atomunfällen die volle Wahrheit erst später herauskommt. Die zwielichtige TEPCO-Führung wird sicher versuchen, sich so positiv wie möglich darzustellen, so wie der Chemiefabrikant Chisso in den 50ern, welcher die Quecksilbervergiftungen, von der Tausende in Kyûshû betroffen waren, vertuschte, oder so wie letztes Jahr der Energiekonzern BP die Ursachen und Folgen der Ölkatastrophe in den USA verharmlosen wollte. Es werden noch furchtbare Dinge ans Tageslicht kommen. Es half im Eifer der Situation allerdings nicht, dass ARD-Korrespondent Robert Hetkämper den Untergang Tôkyôs schon wie eine unabwendbare Sache behandelte und die Appelle der Regierung zur Besonnenheit als “Beschönigung” abfertigte. Denn trotz Atomlobby und Gesichtsrettung glaube ich kaum, dass die Regierung jetzt so verantwortungslos ist, mit Lügen das Leben ihrer Bürger aufs Spiel setzen zu wollen.

Ich fand schließlich, dass neben den japanischen Sendern die Agenturen Reuters und Kyôdô die besten und schnellsten Informationen boten. Zur besseren Interpretation der Ereignisse trugen der Deutschlandfunk und die ZEIT bei.
Mittlerweile hat sich die Lage und auch die Medien beruhigt. Was mir bleibt ist ein stärkeres Misstrauen. Das fehlende kulturelle Feingespür, Nachrichten aus zweiter Hand…. das wirft kein gutes Licht auf die ausländische Berichterstattung, besonders jetzt auch in der Libyenkrise. Für die Zukunft deshalb: Take everything with a spoon full of salt.

*

Interessante Artikel
Lesenswerte Einschätzung und Kritik eines japanischen Intellektuellen: http://www.fr-online.de/kultur/debatte/-verfuehren-sie-mich-bitte-nicht-zum-nationalismus–/-/1473340/8248880/-/index.html
Zum Verhalten der Japaner in der Katastrophe: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1416210/
Zum Zahlenzynismus in den Medien: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1414866/
Wie die Deutschen vor Ort reagierten: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2011-03/protokolle-japan-erdbeben

Zwischen Panik und Alltag – Meine Woche seit dem Beben

Es ist nun mehr als eine Woche her, dass Japan von einem unbeschreiblichen Desaster heimgesucht wurde. Das in nur wenigen Tagen hereinbrechende Übermaß an Verderben im Land, in dem ich seit über sechs Jahren lebe, hat mich, obwohl ich überhaupt nicht direkt betroffen war, durch ein Bad der Gefühle gespült. Oft wünschte ich mir, morgens aus diesem Alptraum aufzuwachen. Dabei hatte ich noch Glück, denn zum Zeitpunkt des Bebens war ich gerade für ein paar Tage nach Kyôto gefahren. Dort, 500 km westlich von Tôkyô (wo ich wohne) entfernt, hatte ich meine Freundin Ayumi besucht.

Als es geschah war ich in der Stadt unterwegs. Morgens hatte ich im Kitano Tenmangû-Schrein die Pflaumenblüte bewundert. Erst als ich Ayumi für’s Abendessen traf, erfuhr ich, dass etwas Schlimmes passiert war. In einem Chinarestaurant, wo der Fernseher lief, gewannen wir mit den ersten Bildern eine Ahnung vom Ausmaß der Katastrophe. Tsunami-Warnungen für die gesamte Küste Japans, der öffentliche Verkehr in Tôkyô liegt lahm, Millionen Pendler stehen herum. Die Facebook-Einträge meiner Freunde bestätigten die Situation in der Hauptstadt. Noch bevor wir etwas zu Essen bestellten, versuchten wir Familienangehörige ans Telephon zu bekommen – erfolglos, die Leitungen waren überlastet. Zu dem Zeitpunkt begriffen wir noch gar nicht, dass die Videos jener Häuser, die von Flutwellen weggerissen wurden, verschiedene Orte zeigten, und nicht nur ein und den selben.
Im Ryokan (ein traditionelles Hotel) ließen wir den Fernseher an. Die Meldungen der Moderatoren überschlugen sich im Minutentakt. Stromausfälle in Tôkyô, Nachbeben erschütterten die Studios, an einem Strand wurden angeblich über 200 Leichen gefunden, ein Kernkraftwerk bereitete Schwierigkeiten, ganze Industrieanlagen waren in Flammenmeere verwandelt, meterhohe Flutwellen rasten immer noch heran… die beispiellose Kette der Zerstörung, die man live mitverfolge, wirkte wie das Szenario eines billigen Katastrophenfilms, zu surreal um wahr zu sein… die Bilder passten nicht zu dem “echten” Japan, an das ich gewohnt war…
Obwohl uns in Kyôto nichts zugestoßen war, senkte sich in dieser Nacht ein Gefühl der Bedrohung auf uns herab… als hätten sich irgendwelche Mächte dazu verschworen, Japan zu vernichten… sogar das kurzlebige Gerücht, dass der seit dreihundert Jahren ruhende Fujisan wieder ausbrechen könnte, schien an diesem Abend keine Spinnerei. Ayumi und ich beteten.

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Mein Vorhaben, am nächsten Tag nach Tôkyô zurückzukehren, wurde durch kilometerlange Staus in Shizuoka verhindert. Die Busse fuhren nicht. In Tôkyô gab es Probleme mit Wasser und Strom. Ich entschied mich dafür, noch ein, zwei Tage zu bleiben. Wenigstens konnte ich meine Verwandten erreichen. Allen ging es gut.

Aus den ein, zwei Tagen wurde eine ganze aufwühlende Woche, in der meine Nerven ständig von der Furcht vor einer Atomkatastrophe und der Ungewissheit vor dem kommenden Tag malträtiert wurden. Schon am nächsten Abend erfuhren mein Studienfreund, der mir in seiner engen Mietswohnung ein Futon zum Übernachten bereitstellte, und ich von der Explosion am Kernkraftwerk Fukushima. Die Informationslage war wirr. Ich verfolgte gleichzeitig deutsche, amerikanische, japanische und arabische Nachrichtensender. Dass sich aus keinem eine überzeugende Einschätzung gewinnen ließ steigerte die Hilflosigkeit. Wem konnte man vertrauen? Mit Erdbeben hatte ich Erfahrung, aber ein Atom-GAU? Der Kloß im Hals verschlang jede neue Unglücksbotschaft und wuchs zu einem dunklen Gespenst im Kopf heran. Man war noch Zuschauer, aber ein bedrohter.
Tagsüber schlug ich die Zeit in der Nähe von WiFi-Spots tot. Sorgenbelastete emails aus Deutschland. Freunde, die nacheinander das Land verließen. Gerüchte, die an der Glaubwürdigkeit der Behörden nagten.
Morgens am Spiegel entdeckte ich ein graues Haar.
Ich wollte mich nicht irremachen lassen. Traf mich mit Freunden, lenkte mich ab. Die Experten im japanischen Fernsehen erklärten in beruhigenden Tönen. Als jedoch das zweite Reaktorgebäude in die Luft flog und die Strahlungswerte in Tôkyô stiegen und es laut US-Experten in Fukushima zu einer veheerenden Kettenreaktion kommen könnte, sprang ich auf den Paranoiazug auf, den allen voran die deutschen Medien anheizten. Erst Ayumi und ein Tôkyôter Kumpel bremsten mich durch besonnene Worte ab. Wir besuchten eine Paul Klee-Ausstellung, seitdem war das Gespenst im Hals verpufft.

Am nächsten Tag fiel Schnee. Ayumi und ich freuten uns über die Freizeit. Wir waren in der leicht bizarren Lage, physisch völlig unbetroffen zu sein. Das Leben in Kansai (Westjapan) verlief so als sei nichts geschehen. Abends jedoch empfingen wir eine Freundin mit ihrer Familie am Bahnhof. In Begleitung ihrer schwerkranken Mutter waren sie aus der Präfektur Ibaraki hergefahren, weil sie die Dauererdbeben nicht mehr aushielten.
In der Nacht schwankte mein Hotelzimmer, Stärke 3.

Am Freitag aß ich mit einem australischen Freund zu Mittag. Einer der vielen, die Tôkyô verlassen hatten und nun auf dem Weg zum Flughafen in Ôsaka waren. Sein Konsulat stellte ihm das Flugticket bereit. Auch ich dachte mehrmals über eine Rückkehr nach Deutschland nach, mit Ayumi, weil Verwandte und Freunden dazu drängten. Selbst die deutsche Botschaft war nach Kansai getürmt. Doch so einfach weg ging nicht. Erstens lag mein Reisepass in Tôkyô. Zweitens konnte und wollte ich meine Familie, das Land hier nicht zurücklassen… Erst recht nicht in dieser Not. War es Solidarität? Schlechtes Gewissen? Faulheit? Keine Ahnung. Ich entschied mich für Hoffnung, und achtete nicht mehr auf die bescheuerte deutsche Berichterstattung. Ich war nervös, aber verglichen mit den vielen Leuten, die wirklich alles verloren hatten, ging es mir ausgesprochen gut.

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Nach sieben Nächten in Kyôto stieg ich am Samstagmittag endlich in den Shinkansen nach Tôkyô. Der Zug war leerer als sonst. Die Tasche mit Vorräten war schwer. Die Ungewissheit als Kopfgepäck. Zwei verträumte Fahrtstunden später war ich wieder da. In den Gallerien des Bahnhofs Tôkyô, die wegen einer langwierigen Renovierung jede Woche anders verlaufen, waren weniger Menschen als sonst zu sehen. Ansonsten Normalität. Man erkannte, wo Strom gespart wurde. Einige Regale in den Convenience Stores waren leer.

Mein schuhschachtelgroßes Zimmer in Ningyô-chô war ein Durcheinander, aber nicht so schlimm wie befürchtet. Die Bücherstapel waren sanft aufs Bett gefallen, Kartons lagen auf dem Boden. Während ich aufräumte gab es zwei mittelstarke Beben. Auch das ist normal in Japan.

Ich danke allen, die mich durch Gebete und Nachrichten unterstützt haben! Die Katastrophe im Land ist indes noch lange nicht überstanden. Im Moment habe ich keine Angst mehr, aber Sorge um die halbe Million Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Ihnen und jenen, die am Atomkraftwerk Fukushima immer noch und sicher in den kommenden Wochen ihr Leben riskieren sollten unsere Gebete und Hilfe gelten. Durch diese Krise habe ich einiges gelernt, und ich werde versuchen, dies im Nachfolgenden noch zu analysieren.

Ein Wort, das mir im Moment der Entscheidung half, war jenes berühmte (falsche)  Luther-Zitat:

“Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.”

Eluding the Sirens of Titan

AlitoAndTheCity

MMX – or –  On the Brink of Madness… This year I’ve listened to necktied businessmen bragging about their yachts, survived six months of room-sharing with an unnerving South-Indian Skype-addict, swayed to Bavarian music at the Oktoberfest in Munich, and started commuting in the rolling sarcophagi of the Tôkyô Underground melting into the millions of dead faces around me, leading to daily daydreams of UFOs, mega-earthquakes and nukes releasing me from this utter insanity.

MMX – and that is also true – The Bliss of Friendship.
Bi-monthly reunions with my girlfriend with whom I share a deeper love than ever before, tons of energy from ARI and uni friends and from new friends at the Tôkyô Union Church (all of them, not the money keep me sane in this phrenesis), and of course the beautiful last days of university where I served as the leader of the Graduate Exhibition and finished my short film “Life on Sirius”, which later led me to an inspiring film festival.

The change that triggered everything was of course my moving from idyllic Kyôto to brain-melting Tôkyô. New life, new work, a new bed next to a three-storeyed highway, and on the horizon I see the SkyTree growing steel brace by steel brace to pour even more brain-melting TV signals to the zombie citizens. As weeks pass by I feel as if a neutron bomb goes off inside my skull, exploding in super slow-motion, peeling my mind away layer after layer. God has led me here to teach me the true values of kindness, relationships, individuality and faith. This is purgatory. I am here to learn and burn. Working at a Japanese company is getting me the insight into what makes this country tick, and what makes me tick. Being rejected at one church and accepted at another helps me clarify my positions. The days of Asian ambiguity are counted. In 2011, I will cut, I will state, I will underline. This country caught in lethargy needs beams of light (Stand up and fight!). There will be good – maybe not by the long-awaited UFO but by letting myself fall deeper into the scare of my Savior. He has helped me regaining strength in faith this year.

MMX – I use Facebook more than before, visited Germany and Holland for a business trip, received advice from Korean artist Lee Chang-Dong, spent a night at an internet café like the thousands of “cyber-homeless”, started reading Herta Müller and Orhan Pamuk, translated Tocotronic albums into Japanese, completed watching a thousand movies, and drank more Starbucks cocoa than ever.

And now the usual balance sheet:

Best Films 2010
“Kokuhaku (Confessions)” by Nakajima Tetsuya, Japan
“The White Ribbon” by Michael Haneke, Germany
“Inception” by Christopher Nolan, USA
“Shi (Poetry)” by Lee Chang-Dong, South Korea
“Redline” by Koike Takeshi, Japan

Best Music 2011
Tocotronic – Schall und Wahn
UNKLE – Never Never Land
Benjamin Herman – Blue Sky Blond
Bassekou Kouyate & Ngomi Ba – I speak Fula
Babylon Zoo – Spaceman
Erykah Badu –  New Amerykah Pt. II, Return of the Ankh

Wishing Everyone a Happy New Year of true Blessing, Love and Discoveries!

Call to Action

My weekend attending the Kyôto International Student Film & Video Festival 2010 was an amazing experience.

It was my first time to be invited to a film festival since high school. I did not win a prize for my film, but I am truly thankful that my little work “Life on Sirius” was among the high-level student movies of the official competition. Plus I am super-thankful for the encouragement I received through sharing time and  thoughts with the other directors from Japan, Indonesia, Poland and Korea. Most of the works I watched represented the unique and passionate world views of the creators, and though each one stood on different coordinates I felt a common understanding, or… consciousness. I could place myself as one legit voice within this community of visual expressionists, and, above all, got reassured that what I do and think is worth doing and thinking. I see one red line and one story here, which my director is guiding me on.

Ever since I left university to stumble through this irreality called Tôkyô I started feeling detached from creating movies, even though or maybe because of my work in the so-called movie industry, which focuses on anencephalous commercial cinema. However, two weeks ago I met my teacher Lee Chang-Dong in Ginza. The advice he gave me and the attendance at the Tokyo FILMeX movie festival brought me back on the right track. What do you want to say? What do you want to do? I am encouraged to bring forth the pictures in my head, to stand for my world view and to present my feelings through better and better works. You’ve got to believe in what you do and what you are. I’ve received so much encouragment. Thank you. I understand. I will continue this way from now on.

KyotoFilmFestival01

The festival lasted for a week, on Saturday there were discussions. 10 of the directors from four different countries were present.


KyotoFilmFestival02

I appreciate the strong doubts about certain aspects of my movie, stated by the jury members Aiuchi Keiji and Andô Momoko, but I also take it as great spur that my old teacher and movie critic Kitakôji Takashi (right) ranked it number 2 in the competition.

My film at the KISFF – 京都国際学生映画祭でフジの作品!

I’m happy to announce that my graduation work LIFE ON SIRIUS was chosen to be one of the works to be shown at the Kyoto International Students Film Festival next month.
It is not only nice to have the movie shown in a theater, but that it happens to be in my beloved old university town where the movie’s story is set.
It will be shown along with Japanese student films and a handful of foreign works, as well. I will attend the screenings on December 3rd and 4th. I am also very excited about watching the works of other students, and look forward to discussing and learning. I know this sounds cheesy, but I really feel this way right now.
The screening of the video will not be in its native HD format, but as an SD video tape. There were technical restrictions on both my side and that of the festival’s management. Nevertheless, if you are around I’d be happy if you drop by to watch my short film.

LOS-CafeSceneScene from “Life on Sirius” ・「シリアスに生きる」の1シーン

私の卒業作品、「シリアスに生きる」が、来月末に開かれる京都国際学生映画祭にて上映されるように選ばれました。
映画館で見せられることだけで嬉しいし、それがむしろ自分が親しくなった京都の街になるとも良かった。作品の舞台設定も京都になってます。

自分の短編映画は日本人学生、そして数が少ない海外の学生たちの作品とともに上映されます。私は12月3・4日の回に出席する予定。他の学生たちの映画、そしてディスカッションと勉強を楽しみにしています、何てね。ありふれた台詞だけど、本当にそう感じますよ。

残念ながら上映はこの映画の元のHD形式でなくSDビデオテープで行われます。映画祭と自分のほうで色々と技術的な制限があって・・・それにもかかわらず、その時見に来れたら気軽に来てください。

Shoe Box

Shoebox

Ein mehrstöckiger Highway, unter dessen farblosen Betonwindungen das weiße Stablicht der sich aneinanderreihenden Convenience Stores pulst. Ein breiter Fluss, der an den von wehender Wäsche gezierten Batterien von Wohntürmen entlang in die Bucht fließt. Ein Zimmer, so groß wie eine Schuhschachtel, zwischen dessen muffigen Wänden sich abermals Buchseiten, Wäschestapel und Erinnerungen zu noch mehr Erinnerungen verschachteln, neu verschachteln, neu ordnen. Seit drei Tagen lebe ich in Tôkyo, das Gästezimmer, das ich mir mit einem indischen Computerfachmann teile, ist für die nächsten paar Monate meine Bleibe, bis ich umziehen kann. Es passt nur zu gut, dass das Viertel, in dem es sich befindet, Hakozaki heißt. Schachtelkap.

Schachteln, Schächte, Schachzüge, die Gott lenkt. An die Wände meines Schädels pochen Worte aus dem Klezmer “Song of Ruth”: She lived inside a shoe box… lost in the wheels of Chicago… a woman that spoke six languages survived as a factory girl… wait for me, and I will come for you…

Zwar fühle ich mich nicht mehr “wie ein Drachen, der ohne Schnur im Wind taumelt”, aber noch lange nicht geerdet. Tôkyô, die Oststadt. Um der unbekannten Stadt ein wenig Vertrauen abzugewinnen übersetze ich mir die japanischen Ortsnamen in deutsche um. Manche lassen sich willig umdrehen. Aus Shinjuku wird Neuenheim, Yotsuya ist das Vierstal, aus Shinbashi wird Neubrücken und Ôtemachi lässt sich nach ein, zwei Biegungen in Prankstadt wandeln. Wenn aus Ueno Oberwilden und Roppongi Sechsbeumen und Aoyama einfach Blauberg wird, fühlt man sich nicht mehr ganz so fremd. Gleich nach dem wüsten Schachtelkap folgt die belebtere Puppenstadt. Die meisten Namen lassen sich allerdings nicht ganz so bequem umdeutschen. Deswegen bleiben Hanzômon und Suitengû-Mae, die Stationen, die mich von jetzt ab täglich ein und aussteigen sehen, von meinen Verdrehungen vorerst unbehelligt.

Noch ist alles neu, vor allem ich hier. Wenn man Freunde trifft oder mit ihnen skypet, geht es besser. Und wenn man betet und die Wände der Pappschachtel von einem Licht erhellen lässt, das lebt.

She hides inside a shoe box earrings and a corsage. A box of receipts and postcards on a shelf in a Chicago garage…

Heading East

PointingEastJapan, Kyôto. 2nd May 2010.

Life is shifting eastwards, the frozen seaquake of steal, concrete and glass that is called Tôkyô – I am starting a job there next week. The Lord has provided and I am following the call. Goodbye, Kyôto. It’s been a long time. A good time.

I am going to move into an international guesthouse in the Ningyô-chô neighborhood. The Puppet Town. Let’s see what that means. Can’t say I’m familiar with Tôkyô. Yet.

For the time being, I am going to pause my video and film work. I got other ideas. I want to read a lot. Reactivate my drawing and painting skills. Engreen and deplasticize my life. Go deeper spiritually. Write. I am glad about this opportunity and excited about a new start.

Thank you so much for your help and love, always. I couldn’t have made it without you. I promise I’ll do my best and more.

Good times are waiting. Let’s move.

Sirius Interferences

I originally had intended to upload my new film LIFE ON SIRIUS this week, but things have gotten complicated on the way. After the final presentations I sent my work to the public competition of the annual Image Forum Festival. The Image Forum is – despite the low quality of the presented works in recent years – one of Japan’s big experimental film competitions. My teacher whose works were made into a DVD by the Image Forum last year encouraged me to take part.

Should LIFE ON SIRIUS be among the 15 selected works of the competition there might be a chance of winning one of the ¥ 100,000+ prizes along with some attention of the visual arts world. The hook here is the Forum’s rules on screening rights, which it’s going to claim for another year after the festival. I wonder what impact that could have on taking part in other competitions.

One more rule prevents me from uploading my work to that series of tubes called the www. I need to wait until mid-March when the jury’s results are in. One of this year’s jury members is Tanaami Keiichi, who could remember me from the university-intern film competition two years ago. That time I got ¥ 50,000 from Ukawa Naohiro for my high school work REGRECJO PJOŞ. If I am not considered for the competition I’ll be free to upload it, otherwise I am going to create DVDs for those who helped me with the project…

Be it as it may, I did a test screening of the film last Sunday at my school’s shishashitsu for the staff and cast involved in the production. This time I didn’t feed from DV tape but from a 720p HD video file, and boy, the image quality blew me away. I had feared block noise in some contrast-stark areas and overall pixelishousness but the h.264 video looked beautiful. I had planned the film for the web first, but this thing is meant to be on the screen. I also got some positive feedback from totally uninvolved people. This film might be able to go a little bit further. I am really happy about it, and while I am very sorry to be unable of  showing it here anytime soon, I’ll just give some still shots.

Everyone, thank you so much!!

Zielgerade

Als habe man alle Zeit der Welt: mit dem Notebook im Uni-Café sitzen, lesen und schreiben. Die Sonne rutscht mühelos ein wolkenloses Blau herab. An den Tischen ringsumher die bekannten Cafégestalten. Da ist der buckelige kleine Herr, der neulich abends noch laut singend den Fahrradstand ablief und nun ein Buch mit Kalligraphien durchblättert. Hinter einer anderen Säule sitzt der geheimnisvolle Endzwanziger, die Kammzinken seines dünnen Oberlippenbartes stechen bis zum Kinn hinab, er streift jeden Tag im gleichen fliederfarbenen Pullover die Uni nach Lesbarem durch, um sich die Taschen mit  kleinbeschriebenen Notizblättern zu füllen. Herr Li wie immer mit Schlapphut und Militärjacke, draußen, wo das Rauchverbot endet, umschmeichelt von Katzen, die er heute ignoriert. Auch ich habe meinen Stammplatz belegt, auf den grauen Polstern, froh, dass ich den gestrigen Tag nicht im Schneideraum verbringen musste und mal mehr als drei Stunden Schlaf/Nacht abbekam.

Mit zwei Firmenbesichtigungen in Ôsaka und Hyôgo und dem endgültigen Abgabetermin meines Abschlussfilmes gelangte ich diese Woche an die letzte Station vor dem Gipfelkreuz. Mein Abschlusswerk LIFE ON SIRIUS (meine Diplomarbeit sozusagen) ist zu 95% fertiggeschnitten und zu 100% eingereicht. Nächstes Wochenende findet die Vorführung statt, vor dem versammelten Jahrgang und der Dozentenschaft. Ein dreitägiger Kurzfilmmarathon mit offenem Ausgang. Es sei mir erlaubt, durch die Vorschusslorbeeren meiner Hauptdozenten Itô und Lee guter Dinge zu sein. Besonders froh bin ich über die harte Arbeit meiner Tongestalterin und die Farben, die ich diesmal mit Synthetic Aperture (einem After Effects-Plugin) erwirken konnte. Anfang Februar wird der Film hochgeladen, in 720p-HD und Farbe.

Endlich fertig mit dem Film nutzte ich den gestrigen Tag für etwas Muße. Eine Freundin von der Bühnenkunst präsentierte für ihre Graduierung eine aufwendige Installation. Leere Stühle, Fenster, die in Fenster münden, ein Frau, die im Dunkeln Beckett vorliest. Danach nahm ich in dem Christian Fellowship Center ein spontanes Interview mit einer Koreanobolivianerin auf, die ich dort abends zuvor kennengelernt hatte. Den Rest des Abends lesen. Heute muss noch eine Bewerbung raus und danach blättere ich mich durch das Material für die Abschlussausstellung unserer Uni im Februar. Nach dem Etappensieg auf der Zielgeraden noch einmal Gas geben.

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Japan, Kyôto. January 24 2010.

Das Boot fährt weiter

Seit gestern bin ich in Tsukuba, 60km nördlich von Tôkyô, im Haus meines Oheims. Ihm, seiner Frau und den drei Basen Gesellschaft leistend lasse ich das Jahr ausblenden, fernab von Schneideräumen, Bewerbungsstress, Bühnenaufnahmen. Hier in Tsukuba zeigt sich der Winter von einer freundlicheren Seite als im knochenklirrenden Kyôto. Eine milde Wintersonne wirft lange Schatten auf die flache Landschaft. Übermorgen reisen wir ab, nach Iwate und dann nach Akita. Neujahr in der Provinz.

MMIX in zwischen Wahn und Ekstase oszillierenden Schlaglichtern. Anfang des Jahres stand ich kurz davor meinen Glauben zu verlieren, hörte aber rechtzeitig haSchem und bekam die Kurve noch. Die geistige Inventur ließ mich für den Rest des Jahres etwas leer dastehen. Ich fand Geschmack an Thai-Curry, Tantan-Men, Nattô und Caffelatte. Alte Freunde verheirateten sich oder bekamen Kinder. Als Deutschlehrer übersetzte und korrigierte ich bis zum Ende des Sommers Texte und half meinen Sprachpartnern bei ihren Reisen und Studien. Im April begann ich, ernsthaft eine Anstellung zu suchen, bis mich mein Abschlussfilm 24 Stunden pro Tag (weil auch in meinen Träumen) in Anspruch nahm. Allerdings filmte ich – verglichen mit den Vorjahren – nur wenig. Dagegen arbeitete ich oft für Freunde an der Kamera: ein Musical, ein Spielfilm, mehrere Bühnenstücke, und ab und zu mal Tonaufnahmen, Licht und Stimmenspiel. Zum Schluss schrieb ich noch ein paar Seiten Web.
Ich verbrachte irrsinnig gute Tage in Deutschland und Korea, fand mich bei einem Dreh in Tôkyô wieder und besuchte die Familie meiner Freundin in Yamaguchi. Ein Kunstfestival lockte uns auf den Berg Kôya. Wöchentliche Treffen mit anderen ausländischen Christen sorgen für mentalen Ausgleich, denn Japan 24/7 lässt einem bald den Kopf platzen. Ich wurde TED-Übersetzer. Ich sah meine erste Sonnenfinsternis. Sichere Highlights: Ausstellungen von William Kentridge, Miwa Yanagi und Ai Weiwei. Es gab einen Geldpreis für herausragende Schulleistungen. Ich wurde für “spiegeltief” in der Uni-Zeitschrift Uryû-Tsûshin vorgestellt.  Mehr und mehr halte ich mich auf dem Takahara Campus auf, gehöre irgendwie zu den Leuten, denen man täglich über den Weg läuft. Man weiß inzwischen Freunde von Kommilitonen zu unterscheiden.

Bester Film: Ai no Mukidashi / Love Exposure. Beste Musik: 17 Hippies, Element of Crime, Hikashû, Stereo Total, Michael Jackson, Beethoven, und seit gestern Abend Shiina Ringo. Und die Welt: Acht düstere Bush-Jahre sind mit einem Jahr Obama nicht zu glätten, aber es herrscht doch eine frische Luft, als sei ein Fenster aufgerissen worden. Auch der Regierungswechsel in Japan weckt leise Hoffnung, dass es hier irgendwann einmal demokratisch zugehen wird. Im Widerspruch dazu ließ ich die Bundestagswahl links liegen. Twitter und die Schweinegrippe erwischten mich nicht. Copenhagen zeigt endgültig, dass sich Politiker um das Schicksal des Planeten nicht scheren –  wenn doch Michael nur hier wäre…

BlueWaves

2009 als Irrfahrt zu beschreiben ist angemessen. Es passt im Rückblick auch, dass ich ausgerechnet dieses Jahr zum ersten Mal Homers “Odyssee” durchlas. Mit kleinen Ruderschlägen ins nächste Jahr, wo mich die Wellen, wer weiß an welchen Strand werfen. Der Wind weht, ich muss die Segel setzen. Die Galeere nach Aiaia darf mich nicht kriegen.