Der Hônen-In

Hunde und Katzen regnet es, ihr Lieben. An einem so durchnässten Tag bleibt man entweder daheim oder man bummelt – wenn es etwas freundlicher nieselt – zu einem Tempel den Berg hoch. Gerade Regen und Schnee verleihen buddhistischen Tempeln ein entspannendes Flair. Gestern früh sind wir den Philosophenweg entlang spaziert und besuchten den Hônen-In. Lange her, dass ich mich für ein, zwei Stunden von Bildschirm und Buchstaben losriss um die Seele zu füttern.

Der Hônen-In geht zurück auf die Klause des Priesters Hônen (1133 – 1212), dem Gründer der Jôdo-Sekte, in der er mit seinen Schülern lebte, bevor er wegen Ketzerei nach Tosa verbannt wurde. Seine Lehre sah für die Wiedergeburt in das Reine Land nichts weiter vor als das gläubige Anrufen Buddhas mit der Nenbutsu-Formel. Diese unkomplizierte Glaubensübung lockte zahlreiche Anhänger bei den “ungesitteten” Teilen des Volkes an, besonders Frauen. Doch Politikern und dem etabilierten Klerus missfiel die neue Lehre. Sie bekämpften Hônens Sekte eine Weile lang und ließen seine Jünger Jûren und Anraku, welche mit ihm die Klausenhütte bewohnten, hinrichten. Der jetzige Tempel entstand erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Wir lassen uns auf den Stufen eines Nebengebäudes nieder und lauschen dem Konzert aus Wasserklängen. Eine Frau bietet uns Regenschirme an. Wir kommen ohne sie aus. Unter dem Dach des Tempels, dessen Türen geschlossen sind, da sonst Affen aus dem Wald ins Innere dringen. Eine Reihe buddhistischer Bücher steht zum Zeitvertreib auf dem Holzgang bereit. Die Feuchtigkeit ruft aus den Bauten und dem Garten der Tempelanlage allerlei angenehme Gerüche hervor. Aus den alten Holzbalken, den Moosflächen zwischen den Bäumen, den Steinen auf dem Boden duftet es beruhigend nach Regen. Dazu mischt sich der  Geruch von Weihrauch. Fernab der Straßen vernimmt das Ohr hier nichts weiter als Nuancen von Wasser. Wie es auf die Ziegel prasselt oder die Rinne herabtropft. Jenseits einer alten Mauer hört man das Bambusklacken einer Wildscheuche.
Japanische Tempel nutzen die Natur und platzieren den Menschen in den Zusammenhang mit seiner Umwelt. Graue und weiße Karpfen bewegen sich ohne Eile durch den Teich. Vögel hüpfen von Zweig zu Zweig. Rote Kamelienblumen verwelken im Brunnen. Kaulquappen huschen durch ein Becken, in dem noch Lotusstangen hinaufragen. Tempel sind hier Orte des Lebens, wenn auch des geordneten. Im Gegensatz dazu wirken christliche Gotteshäuser unbelebt und ausschließlich auf Menschen zugeschnitten. Wann – außer einer gelegentlichen Stubenfliege oder einem Brathähnchen – sieht man mal Tiere in Kirchen? Welche Kirche bietet Platz für einen Baum, hunderte von Jahren alt zu werden?