Unter Grund

Die meisten der Menschen, die täglich in den Tôkyôter U-Bahnen stumpf vor sich hindämmern, oder sich in Comics oder das Schminkkästchen vertiefen, bemerken es nicht, doch jeder Zug besitzt einen ihm eigenen Klang. Alle Wagons knirschen metallisch wie morsche Kähne und zischen wenn sie die Türen aufspringen lassen. Aber jeder tut es mit anderen Nuancen. Auf dem Weg nach Sendagi, zum Beispiel, gibt es eine Bahn, die beim Halten mit der Stimme einer erschöpften Greisin ein “Ächhhh” ausstößt. Einmal hörte ich auf der Marunouchi-Linie ein Summen, wie ein Kinderlied. Ich konnte es mir nicht erklären. Es kam aus der Ecke, wo ein Wagon mit dem anderen verkuppelt ist, gleich neben der Fensterscheibe. Es war nicht die zwischen zwei derilierenden Krawattenträgern eingeklemmte Tante, sondern die Ecke selbst, die vor sich hinsummte. Die Eisenbahnen hier, sie atmen, sie singen.
Die sich bei jeder Zugfahrt wiederholenden Klänge erzeugen im Ganzen gesehen einen einzigen langen Rhythmus: Das Klirren der Schienen, wenn die Bahn vor der nächsten Station die Geschwindigkeit drosselt, und das sich mit den Bahnsteigtönen langsam vermischt, wenn das Gefährt dann anhält und sich die Türen zeitgleich mit der Stationsansage auftun, das Ineinandergreifen von Bolzen, hydraulischen Pumpen, Scharnieren und die vielstimmigen Klingelwarnungen kennen ihre Abfolge, und wenn es dann mit eingeübter Wortwahl und  Silbenmodulation gesungenen Meldungen weitergeht, der Zug beschleunigt und den Nachhall kreischender Kurven hinter sich lässt um bei einfachen Geraden ein sicheres Ticken vernehmen zu lassen, unterbrochen vom plötzlichen Hupen entgegenkommender Bahnen, die für weniger als einen Augenblick vorbeirauschen, dann agiert jeder Zug als ein Klangkörper, der wie auf einer Spieluhr die charakteristische Melodie einer Strecke, einer Tonspur sozusagen, interpretiert.

Indem sie täglich mehr als sechs Millionen erschlaffte Körper kreuz und quer durch die Schächte befördern leisten die U-Bahnen Knochenarbeit. So ertönt in der Stadt unter der Stadt ein unentwegtes Kratzen, Quietschen, Kreischen, Seufzen, Klappern, Schaben, Dröhnen, Säuseln, Rumpeln. Metall und Luft und Plaste und die automatischen oder echten Stimmen der Durchsagen halten nicht still, als strengten sie sich an, das kollektive Schweigen der einander fremden Menschen zu übertönen. Selbst wenn man sich zur Stoßzeit auf den Weg nach Shinjuku macht und den ewig gleich aussehenden Büroangestellten auf die Zehen tritt, herrscht nämlich Totenstille. Man ist eben – wenn auch nur zeitweise – unter der Erde, in rollenden Sarkophagen. Es gibt Tage, da halte ich das Schweigen so vieler apathisch wirkender Leute um mich herum nicht aus, möchte jeden anbrüllen und an den Haltegriffen toben.

Es hieß einmal, dass nirgendwo so viel gelesen wird wie in den Zügen von Tôkyô. Dass muss vor dem Siegesmarsch der Mobiltelephone gewesen sein. Heute versenkt die HäIfte der Passagiere ihre Augen nicht mehr in Taschenbücher, sondern in Videospiele, Nachrichten, Mitteilungen, Pornographie und 1seg-Fernsehen. Der Rest hält sie in einem echten oder vorgetäuschten Schlaf zugedrückt. Überhaupt der Schlaf in den Zügen… Dann und wann frage ich mich, ob die in einem Wagon zur gleichen Zeit geträumten Bilder sich aus einem großen Metatraum speisen, welcher als das Spukwerk eines bösartigen kami durch das Stollenlabyrinth mäandert.
Chris Marker erzählt in “Sans Soleil“:

Mehr und mehr meiner Träume finden ihre Schauplätze in den Kaufhäusern von Tôkyô, den unterirdischen Tunneln, die sie erweitern und parallel zu der Stadt verlaufen. Ein Gesicht erscheint, verschwindet … eine Spur ist gefunden, ist verloren. Die ganze Traumfolklore ist so genau an ihrem Platz, dass ich am nächsten Tag, wenn ich wach bin, bemerke, dass ich in dem Kellerlabyrinth jene Gegenwart, die mir in der Nacht zuvor verborgen gewesen war, weitersuche. Ich fange an mich zu fragen, ob diese Träume wirklich die meinen sind, oder ob sie Teil eines Ganzen, eines riesigen kollektiven Traumes sind, von dem die gesamte Stadt die Projektion sein könnte. Es könnte genügen, irgendeines der Telephone, die herumliegen, aufzuheben um eine vertraute Stimme oder das Schlagen eines Herzens zu hören, zum Beispiel das von Sei Shônagon.
Alle Galerien führen zu Stationen; die gleichen Unternehmen besitzen Geschäfte und Eisenbahnenlinien, die ihre Namen tragen. Keiô, Odakyû – all diese Hafennamen. Der von schlafenden Menschen bevölkerte Zug fügt alle Traumfragmente aneinander, macht aus ihnen einen einzigen Film – den ultimativen Film. Die Tickets aus dem Automaten gewähren Eintritt in die Show.

Egal ob Wahnträume oder heilende Halluzinationen durch sie fließen, die Tunnel sind auf diese Weise nicht nur Fleisch- sondern auch Bildadern, die die Geheimnisse, Sehnsüchte und Ängste der Passagiere kanalisieren. Eine dumpfe Gewalt gärender Gespinste, die hinter den Augenlidern zu Tau verwischen.

Manchmal hängt ein stechender Geruch, wie von Bahnhofsklos, in den Wagons. Manchmal führen Männer erbitterte Selbstgespräche. Manchmal verspätet sich die Bahn, weil sich jemand vor ihre zirpenden Räder hat fallen lassen. Dann klingen Ansagen über die Gleise wie Wegen eines jinshinjiko, eines Personenunfalls, verspäten sich die nächsten Bahnen um 20 Minuten. Es darf ausgeschlossen werden, dass die fahrenden Menschen um des Todes eines Unbekannten willen ihr Schweigen brechen. Doch der Unglückszug, und das ist gewiss, hat in jenem Moment mit dem Krachen der Gelenke einen Schrei von sich gegeben, der nur ihm gehört.

Der schlechteste Döner in meinem ganzen Leben

Den schlechtesten Döner in meinem ganzen Leben aß ich soeben, in Shinjuku. Er stammte von einem dieser Dönerkarren, die, als imitierten sie traditionelle Süßkartoffel- oder Yatai-Wagen, mit ihren Drehspießen an Straßenecken halten und Vorübergehenden einen Imbiss anbieten.

Ich hatte davor einen Studienkumpel am Bahnhof Yoyogi verabschiedet und war danach bis nach Shinjuku zu Fuß gelaufen. Das ist nicht weit. Und weil ich schon einmal dort war, schaute ich beim Kino vorbei, um die neuesten Filme auszukundschaften. Da mir jedoch weder nach billigen Liebeskomödien noch nach brutalen Samuraidramen war, verzichtete ich auf den Eintritt. Stattdessen schritt ich die belebte Gegend um den Bahnhof ab. Weil mir nach einer langen Arbeitswoche meist die Lust aufs Selberkochen vergeht, esse ich sonntags auswärts. Bevor ich also von Shinjuku wieder mit der U-Bahn nach Hause fuhr, beschloss ich etwas zu essen, und danach vielleicht noch in einem Café ein Buch zu lesen. Von meinem letzten Kinobesuch wusste ich, dass es in der Nähe einen kleinen, zwischen Pachinkohallen und Restaurants eingeklemmten Dönerstand gab, dessen Angebot akzeptabel war.

Die Straßen waren, wie immer um die Abendzeit, voll. Vor den Drogerien und Schuhgeschäften standen die Verkäufer auf Stühlen, bewaffnet mit Megaphonen und Preisschildern übertönten sie die Musik, die aus den Inneren der Läden auf die Gehwege kleckerte. Ich war schon an dem MUJI-Store vorbei, da stand dort direkt am Straßenrand dieser weiße Dönerwagen. Drinnen warteten zwei junge Türken mit kurzen Haaren auf Kunden. Um den Spieß vor meiner Nase rotierte weißes Vogelfleisch. An sich war der Weg bis zum Bahnhofsdöner nicht weit. Aber wegen der vielen Menschen kann in Tôkyô selbst eine kurze Strecke anstrengen, und später wollte ich noch kurz zu MUJI. Ohne viel nachzudenken bestellte ich eine Portion mit milder Soße. “Dauert aber etwas”, sagte der älter aussehende Mann. Ich stützte mich auf einen Pfosten und wartete.

Während das Fleisch schmorte wechselten die beiden Männer auf türkisch gedämpfte Worte. Der Ältere mischte Mayonnaise und Ketchup in eine Plastikflasche und schüttelte sie bis eine hellrote Soße entstand. Dann stieg er aus und verschwand im Gewimmel. Sein Kollege hatte nun zwei Dönermesser in den Händen, so lang wie Samuraischwerter. Er schliff sie kurz aneinander. Ohne Eile schnitt er kleine Fleischstücke ab. Das halbe Pide, das er zubereitete überreichte er mir in einem Papiertütchen. Ich bezahlte die üblichen 500 Yen (Gerüchte sprechen bezüglich dieses im ganzen Land einheitlichen Preises von den Machenschaften der gefürchteten Kebapmafia). Weil in Japan die Gleichzeitigkeit von Essen und Laufen verpönt ist, lehnte ich mich gegenüber des Wagens an ein paar Sitzstangen, die die Sumitomo-Mitsui-Bank für ihre Kunden installiert hatte.
Es war der schlechteste Döner, den man sich nur vorstellen kann. Dass man in Japan kein Pide sondern ein geschmackloses dünnes Brot serviert bekommt, nehme ich zähneknirschend hin, doch was mir der junge Mann dazwischen vorgesetzt hatte gab auch sonst nicht viel her. Das teilweise undurchgrillte Fleisch war lediglich mit zerkleinerterm Kopfsalat garniert, und – wie um den Mangel an Zutaten zu überspielen – mit übermäßig viel Mayo-Ketchup-Soße versehen. Döner für Arme zum Kartellpreis. Nicht einmal eine Serviette wurde mir gegeben. Noch letzte Woche hatte ich für weniger Geld einen echten deutschen Döner genossen, leckeres Fleisch, Zwiebeln, Gurken, Joghurtsoße… nun stand ich mit einem Schatten jener Delikatesse an einer Ecke des rattenbefallenen Bahnhofsviertels. Noch kauend überlegte ich, ob ich dem Verkäufer für diesen armseligen Imbiss die zerknüllte Papiertüte empört an die Brust schleudern sollte. Ich ließ es sein. Da in seiner Bude nicht einmal Gewürze anzufinden waren, konnte ich ihn ebensowenig mit einem herzhaften “Du Kümmeltürke!” beschimpfen. Er hätte mein Deutsch nicht verstanden.

Ohne mich in ein Café zu setzen fuhr ich nach Hause. In der U-Bahn las ich einen Essay von Orhan Pamuk über den Wandel der türkischen Fast-Food-Kultur. “Bevor in den siebziger Jahren das Döner-Sandwich seinen Siegeszug durch Istanbul und schließlich die ganze Türkei antrat, gab  es noch das Phänomen des ‘Lahmacun’ zu verzeichnen.” Und davor hatte Groß und Klein auf den Straßen Hotdogs verzehrt, mit dem Gefühl, sich mit jedem Bissen ein wenig dem Westen anzunähern.

Den preiswertesten Döner Tôkyôs gibt es in Akihabara bei Star Kebab. Das Angebot hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich verbessert. Bei meinen ersten Besuchen in dieser Stadt waren die heute obligatorischen Imbisswägen eine Seltenheit. Inzwischen gibt es mehr türkische Einwanderer, die mit eigenen Lokalen Fuß gefasst haben. Dort kann man zwischen Wandteppichen ein Glas Ayran trinken und sich wie in Deutschland fühlen.

*

TokyoKebap

Dönerwagen in Tôkyô. Japan, Sommer 2003

Korrosive Kräfte, Stimmen im Park

Anfang September und noch ist kein Ende des Rekordsommers abzusehen, unter dem das Archipel der Eitelkeiten dieses Jahr offiziell und statistisch abgedeckt schwitzt. Zansho, ” Spätsommerhitze” ist ein neues Wort, das ich deshalb von meinem bis zur Selbstaufgabe korrekten koreanischen Mitbewohner lernte. Auch heute war so ein stechend heißer Zansho-Tag, das Thermometer verharrt über der 30 Grad-Linie, von der Luftfeuchtigkeit will ich gar nicht erst reden.
In dieser Mittagshitze musste ich nach Shinjuku. Mein Vermieterunternehmen Sakura House wollte von mir einen Visumnachweis haben. Also den Reisepass in den Rucksack und mit der U-Bahn in die Weststadt. Kaum hatte ich mich aus dem Leuchtstoffröhrenlicht der Katakomben an die sonnengrelle Oberfläche gewunden, überrollte mich eine Welle aus Hass. Doch keine Angst, die wütend krakeelende Lautsprecherstimme galt nicht mir, sondern schallte von der anderen Straßenseite von einer Meute rechtsradikaler Demonstranten herüber. Jetzt fiel mir auch auf, dass überall im Bahnhofsviertel blauuniformierte und verkabelte Polizisten postiert waren.

Die wütende Stimme war von türkisblauen Polizeibussen mit vergitterten Fenstern umstellt. An der Westflanke des Bahnhofs Shinjuku bilden ein großer Busbahnhof und verschlungene Verkehrswege ein Loch in der Hochhauslandschaft. Um auf die andere Straßenseite zu gelangen müssen Fußgänger entweder unterirdisch gehen oder Brücken benutzen. Ich lief am Odakyû-Kaufhaus entlang um mir das Treiben näher anzusehen. Am Hauptausgang des Bahnhofs begriff ich dann, was los war: Ministerpräsident Kan Naoto wurde für eine Rede mitten auf diesem Platz erwartet. Auf der Straße stand einer der obligatorischen Wahlkampfwagen, davor hatten sich Journalisten mit Mikrophonen bereitgemacht. Der ohnehin schon äußerst belebte Bahnhof lärmte von den Presseteams, Polizeikräften, Parteianhängern und Passanten, und über dem ganzen schwebten Helikopter, deren Rotorengebrumm sich mit den Tiraden der rechstextremen Gegendemonstration nur eine Straßenecke weiter vermischten.

Einer der Sprecher auf dem Wahlkampfwagen der DPJ hob dann auch schon zu einer Rede an. Der Auftritt des Ministerpräsidenten konnte sich noch etwas hinziehen. Deswegen schlug ich den Weg in die andere Richtung ein, erledigte die Sakura House-Sache und aß Udon-Nudeln im Stehen. Das Timing war gut. Genau als ich wieder den Bahnhof erreichte trat Kan für seine Rede auf das Dach des DPJ-Wagens. Nun hatten sich schon mehr Leute versammelt, wobei die meisten der Vorübergehenden nur kurz schauten, mit einem Blick der soviel sagte wie “Was macht der denn hier?”. Kan ging die üblichen Versprechen durch, das Land von Grund auf zu erneuern, ich war schon auf dem Weg zur U-Bahn.


Die nächste Station war Ueno, also wieder nach Osten. Ein paar Einkäufe erledigen. Ich spazierte etwas durch den Park und hörte schon wieder eine Lautsprecherstimme. Ein Politiker, hier? Sicher ein verirrter Kaiseranbeter. Bei näherem Hinsehen entdeckte ich jedoch eine christliche Versammlung. An einem Flecken, an dem normalerweise Dutzende von Obdachlosen ihren internen Abwicklungen nachgehen stand eine Holzkanzel. Vor dem Prediger saßen im Quadrat fein säuberlich gereiht etwa 200 Männer mit faltigen, braungebrannten Gesichtern. Die meisten schienen tatsächlich Obdachlose oder Tagelöhner zu sein. Alle Ohren waren auf die Lebensgeschichte des Predigers gerichtet. Als ich kam wurde als Abschlusshymne “Amazing Grace” auf Japanisch gesungen, wofür die meisten der Sitzenden ehrfürchtig die Hände nach oben streckten. “Bitte kommen Sie alle morgen in die Kirche. In Gottes Augen ist jeder von Ihnen ein wertvoller Mensch. Bitte erheben Sie sich zum Schlusssegen”. Das Kirchenteam wartete am Rande mit Mittagessen und Medizinsets.

Nachdenklich schritt ich den Brunnen ab. Eine Krähe flog über mich hinweg und ließ eine Feder fallen. Als ich wieder geradeaus schaute traf mein Blick den eines kleinen, bärtigen Mannes. Brauner Anzug, braune Haut, graue kurze Haare. In fehlerfreiem Englisch lud er mich ein, mich in seiner Kirche taufen zu lassen und Gottes reichen Segen zu empfangen, jetzt sofort, es dauerte auch gar nicht lange, die Kirche sei gleich in Shinjuku, der Fahrschein sei schon bereit. Ich verriet ihm, in fehlerfreiem Englisch, dass ich bereits Christ sei.
“Sind Sie von der gleichen Kirche, wie die Leute dort drüben?”
“Das? Ach nein, das ist eine dieser koreanischen Kirchen. ”
“Ach so.”
“Bitte kommen Sie gleich in unsere Kirche, Sie werden sofort Segen bekommen. Bitte, wenn Sie doch nur in meine Kirche kommen möchten…”
Wie mir der bärtige Mann erzählte, hatte er einmal für kurze Zeit in Deutschland als Nukleartechniker geforscht. Ich ließ mir eine Visitenkarte geben und ging weiter.

*

Morgen geh ich nach Yokohama. In eine deutsche Kirche. Die Pastorin habe ich gestern Abend unerwarteterweise im Goethe-Institut getroffen. Es war ein Leseabend mit Christian Kracht. Thema: Das Leiden der Jungen.

ヴィーナスとマイケルとクラゲ

お台場には以前にも行ったこはがあったが、「お台場!」という意識でお台場に行ったのはこの前はじめて。正確に言うと、目的地は「お台場!」よりも「海!」だった。お台場は人工島としてほとんどコンクリートに埋められているけど、島には島として近くに海があるはずだ。「海!」。なぜなら、海に行くと耳に聞こえるのはほとんど海の音のみだから。水と空の音。

物と人に溢れすぎるこの都市が一番欠けているのは、心が落ち着く静かな場所ではないだろうか。最近の選挙戦で特にうるさかった一方、道路を歩くだけで絶え間なく商品を宣伝する大声や音楽、サイレンの唸り、機会たちが吐き出す命令に耳が聴覚障害に晒される。森や公園に行っても必ずロック・コンサートや右翼の騒音がする。脳を麻痺するものなら何でもよい。自分の場合、家に帰っても電話中毒のハウスメートが耳障りの悪い声で夜までしゃべっていることでなかなか静かなところが見つけない。

お台場でそういう場所を探し求めても無茶であることは、東京を知らない私は予想していなかった。降りた駅には子供カー・レーシング・イベントが開催され、周辺にはゲームセンの他に「ヴィーナス・フォート」というデパートがあって充分うるさかった。私は仕方なくヴィーナス・フォートに入った。

薄暗い照明で照らされた中のショッピング・モールはイタリアの街をイメージしていたが、センスを組み込む予算はおそらく無かった。店は全て二階建ての伝統建築を真似した建物にあり、それがまたヨーロッパの古い町を思い出させようとする石畳の道路に左右に分けられた。天井には青空模様が描かれて、なぜかその天からマイケル・ジャクソンの曲が淡く響いた。国会議事堂じゃないのにこれほどフェイクな光景に目が痛んだまま「道路」を進むと幾つかの「広場」を通る。

最後は「教会広場」に到着。もちろん、教会というものは宗教と関係なく、「塔」に設置された液晶スクリーンに現れてきたのは、聖人でもイエスでもな く、マイケル・ジャクソンの顔だった。

ヴィーナス・フォートから脱出してお台場の汚い浜辺をずっと歩んで行くと、やっと静かな所を発見する(浜辺の近くに和太鼓演奏の音がしたからそこもバツ)。小さな島である台場公園。ここは何もなく、草と木が生えているだけ。島の形は真四角で、元々は黒船を大砲で迎えるように軍事目的で作られたらしい。そのため島の内部には奇跡も若干残ってあり、変わった場所だった。

実際、ここにも周りの高速道路やデパートからも音がしたが、草に座って東京湾を往復するボートを眺めるだけで心が落ち着いた。

この日は雨が降り出すまでに公園の草で寝そべっていた。浜辺で遊んでいた人も姿を消し、砂に残ったのは穏やかな波で流されて来る死んだクラゲだけだった。

Under the Sky Tree / 大きなスカイツリーの下で

Supported by veins of steel grows the Sky Tree at the outskirts of central Tôkyô – a new tower meant to spray endless streams of television signals to millions of heads under it. TV Babylon. With a planned height of 634 meters it is going to take the title of Japan’s tallest structure over from the Tôkyô Tower, a replica of the Eiffel Tower which has been standing in the middle of the city since the late 1950s.
The Sky Tree has already reached more than half of its height and currently stands at proud 398 meters.

I went to see the growing tower from up close. When I stepped out of Oshiage Station (which curiously means “Up-Thrust/Push”) I immediately ran into a line of people – eyes glued to the tip of the tower – standing outside. In fact, the whole vicinity around the construction site was crowded with Saturday strollers who had the same inventive thought as me. I walked along a small channel that cut the site from the small houses around it.  The sky was a glaring white surface.

The Sky Tree is a tree without branches, thus it stretches to the heavens as the ultimate phallic symbol. Will its striking sight stimulate our slacking economy and blow fresh excitement into trade liaisons? Will the erected Sky Tree spread warm seeds of vigor into our aging population and animate the youth to get all steamed up for a fruitful future? Will visitors from overseas recognize it as an image of regained potency and trust Japan again? Whatever hopes and funds the Rising East Project is pumping into the tower, the venture will reach its climax in spring 2012, when the construction finally opens.

鉄の鉱脈に支えられて東京都心から離れた郊外でスカイツリーが育つ。絶え間ないテレビ信号の流れを、その下に住む何百万人の頭に浴びるための新タワー。テレビ・バビロン。計画された634メートルの高さは、東京タワーから日本一最高の構造物のタイトルを奪い取ると予測されている。
もはや半分以上を超えて現在では389メートルで立派に立っている。

今日は、成長する塔を近くから見るために押上駅まで行った。駅を出て間もなく塔の頂点を見上げる人々の列にぶつかった。実は、建設現場の周辺は散歩する人たちに溢れていた。その現場を周りの家から切り分ける運河に沿って私も散歩した。空は一つの眩しく白い表面だった。

スカイツリーは枝のない木であるが、究極のファルス象徴として天に向かって伸びている。弛んだ景気を興奮させ、貿易関係に新鮮な刺激を与えれるだろうか。直立したスカイツリーは、高齢化する国民に活力の暖かい種を蒔き、若い世代を実を結ぶ将来のために猛烈に動かせるだろうか。外国からの訪問者は、塔を回復した成長力のイメージとして理解し、ふたたび日本に信頼を設けるだろうか。ライジング・イースト・プロジェクトはどんな希望と予算を塔に入れ込んでいるにしろ、2012年に開かれるときにはこの企画はクライマックスに達するでしょう。さあ日本。スカイツリーと共に立ち上がれ。

Gaijin Express

TheVisitor

Tôkyô, Japan. 25 May 2010.

You shouldn’t listen to UNKLE when you get off Shinagawa Station to catch the bus to the Immigration Bureau. The Bureau lies two islands away, the islands are man-made. Rectangles in the sea, from straightened  and piled-up concrete and waste, only to carry more concrete and waste. A bus filled with silent foreigners rolls through the valleys of an industrial landscape where seagulls appear and vanish between the vertical shadows of monorails, gray towers and mile-long highways stretching over the waters. I can see a large chimney on the near horizon, breathing new clouds into the sky. It belongs to a chemical facility that has a clamped-in globe at its heart.

JR Shinagawa Station resembles an airport. The baffle gates channel the passengers into a spacious architecture which allows sunlight to drop on the heads. A lavish number of flat panel displays leads my passage out to the bus stop. That was two weeks ago. I need to take the same route again to pick up my working permit. That is tomorrow.

Entering the Tôkyô Immigration Bureau for the first time evoked a remote echo of Meredith Monk’s movie “Ellis Island”. A tower of blue glass hosting convenience stores, ATMs, a small restaurant and dozens of facilities to process the needs of hundreds if not thousands of foreign residents each day. Cameras prohibited. The sheet I am handed carries the number 203. Fifty numbers of time to read a book or to have my mind whisked white by the humming sound of different languages in the waiting area. An Austrian couple sits in my back, that talks about a professor they need to see here.
I don’t need to see a professor, I need my working permit.The song by UNKLE drowns the noise down to a gray murmur.

My mind is in a state
‘Cuz all I seem to do is tempt my fate
Well I try a real space
But all the while, I’m crashing at the gate

This time I’m with God. I can collect my visa tomorrow morning. Shinagawa Station. I will take the Gaijin Express to that rectangular pile of trash again. Maybe the chimney coughs me a white cloud that I can sit down on to sail to that wooden window of yours. I miss you, too.

Beam me up ’cause I can’t breathe

BeamMeUp

Japan, Tôkyô. May 2010

Hast du dich an die Luft in Tôkyô gewöhnt, fragt er.
Seit zwei Wochen hämmert mir ein Husten ans Innere der Brust, so dass mir in manchen Sätzen die Wörter übereinanderpurzeln. Vielleicht ist die Luft hier tatsächlich anders. Doch die Schuhschachtel hat Löcher zum Atmen. So gewöhnt man sich auch an sie.

Die Oststadt zeigt mir jeden Tag neue Gesichter. Die Vielzahl ihrer rechteckigen Augen starrt auf mich herab, aus Türmen, aus Gebirgen aus Glas. Sie verschluckt mich durch ihre Poren, osmotisch, schießt mich in weit verzweigten Adern verschiedenen Organen zu, und spuckt mich wieder ans Tageslicht. Sie ist keine Maschine, wie die Lang’sche Metropolis. Sie ist ein Geschwulst, das von Blutkörperchen aus dem ganzen Land genährt wird.

Der hagere Mann am Fenster dreht das Gebiss im Mund mit seiner Zunge herum. Das Gebiss und das Fenster klappern.

Es gibt ein Lied, dass auf diese Stadt, auf meine Gefühle ihr gegenüber, derzeit genau passt: “Spaceman” von Babylon Zoo. Ich weiß nicht, warum ich mich nach so vielen Jahren wieder an dieses Lied erinnere. Doch ich höre es fast täglich, wenn mich die Stahlwürmer in ihren Eingeweiden durch die Tunnel der Stadt tragen. Mit offenen Augen schwebe in die Geschichte hinein, die es prophezeit.

It’s time to terminate this great wide world
Morbid fascination / Television takes control
Decimation / Different races fall
Electronic information tampers with your soul

There’s a fire between us / So where is your god?
There’s a fire between us / I can’t get off the carousel / I can’t get off this world

Spaceman / I always wanted you to go into space, man
– Intergalactic Christ –

Ich frage mich wann das Raumschiff kommt, das uns mitnehmen wird. Genau wie ich und die Millionen Pendler durch die Tunnels der Stadt wird es sich durch ein Wurmloch bei den Sternen zwängen, um plötzlich am Horizont zu erscheinen. Ein Weg von acht Millionen Lichtjahren. Ein Korallenriff am Himmel, das leuchtend seine Bahnen zieht. Die Entrückung als Teleportation. Was, wenn Christus in einem Raumschiff wiederkehrt? Zwischen uns ist ein Feuer.

Das Licht der Stadt verschluckt das der Sterne. Doch das Riff am Himmel zieht seine Bahnen, und scheint in die Augen der Türme.

Shoe Box

Shoebox

Ein mehrstöckiger Highway, unter dessen farblosen Betonwindungen das weiße Stablicht der sich aneinanderreihenden Convenience Stores pulst. Ein breiter Fluss, der an den von wehender Wäsche gezierten Batterien von Wohntürmen entlang in die Bucht fließt. Ein Zimmer, so groß wie eine Schuhschachtel, zwischen dessen muffigen Wänden sich abermals Buchseiten, Wäschestapel und Erinnerungen zu noch mehr Erinnerungen verschachteln, neu verschachteln, neu ordnen. Seit drei Tagen lebe ich in Tôkyo, das Gästezimmer, das ich mir mit einem indischen Computerfachmann teile, ist für die nächsten paar Monate meine Bleibe, bis ich umziehen kann. Es passt nur zu gut, dass das Viertel, in dem es sich befindet, Hakozaki heißt. Schachtelkap.

Schachteln, Schächte, Schachzüge, die Gott lenkt. An die Wände meines Schädels pochen Worte aus dem Klezmer “Song of Ruth”: She lived inside a shoe box… lost in the wheels of Chicago… a woman that spoke six languages survived as a factory girl… wait for me, and I will come for you…

Zwar fühle ich mich nicht mehr “wie ein Drachen, der ohne Schnur im Wind taumelt”, aber noch lange nicht geerdet. Tôkyô, die Oststadt. Um der unbekannten Stadt ein wenig Vertrauen abzugewinnen übersetze ich mir die japanischen Ortsnamen in deutsche um. Manche lassen sich willig umdrehen. Aus Shinjuku wird Neuenheim, Yotsuya ist das Vierstal, aus Shinbashi wird Neubrücken und Ôtemachi lässt sich nach ein, zwei Biegungen in Prankstadt wandeln. Wenn aus Ueno Oberwilden und Roppongi Sechsbeumen und Aoyama einfach Blauberg wird, fühlt man sich nicht mehr ganz so fremd. Gleich nach dem wüsten Schachtelkap folgt die belebtere Puppenstadt. Die meisten Namen lassen sich allerdings nicht ganz so bequem umdeutschen. Deswegen bleiben Hanzômon und Suitengû-Mae, die Stationen, die mich von jetzt ab täglich ein und aussteigen sehen, von meinen Verdrehungen vorerst unbehelligt.

Noch ist alles neu, vor allem ich hier. Wenn man Freunde trifft oder mit ihnen skypet, geht es besser. Und wenn man betet und die Wände der Pappschachtel von einem Licht erhellen lässt, das lebt.

She hides inside a shoe box earrings and a corsage. A box of receipts and postcards on a shelf in a Chicago garage…